In London haben die entscheidenden Besprechungen begonnen, um die britische Besatzungszone in Deutschland auf neue, gesündere Grundlagen zu stellen. Die britischen Parlamentarier, die Deutschland besuchten, haben einen eingehenden Bericht unterbreitet, der die schwierigen Verhältnisse schildert, die heute in allen Besatzungszonen, insbesondere jedoch in der britischen, herrschen. Dennoch erscheint es uns, als ob das Kernproblem noch nicht voll erkannt worden ist: Wir sind am Ende unserer Kraft angelangt!

Die Ärzte und die Ernährungswissenschaftler haben genügend Gutachten darüber abgegeben, daß der Mensch selbst bei 1500 Kalorien nicht arbeitsfähig bleiben kann, daß er mit einer derartig niedrigen Ernährung nur auskommen kann, wenn er sich größerer körperlicher Arbeit enthält. Alle diese Gutachten blieben graue Theorie. Die Ernährung in der britischen Besatzungszone wurde auf rund 1000 Kalorien herabgesetzt. Wir wollen die Gründe nicht wiederholen, die hierzu geführt haben: das allgemeine Elend in der Welt als Folge des unglückseligen Krieges, die Mißernten, die alle Berechnungen während des Winters umstießen, und die Notwendigkeit, andern Völkern zuerst zu helfen Wir betrachten nur das Ergebnis.

Der menschliche Körper hat die Fähigkeit, auch den schwersten Belastungen dadurch entgegenzuwirken. daß er von inneren Reserven zehrt, solange sie noch vorhanden sind. Das äußere Bild in Deutschland schien zunächst die ungeheure Beschränkung der Ernährung auf 1000 Kalorien nicht widerzuspiegeln Dann aber traten die ersten Sturmzeichen auf, die Hungerödeme. Wieder warnten die erfahrenen Ärzte, wieder gab es keine Möglichkeit zu helfen. Ein einziger Gedanke erfüllte die gesamte Bevölkerung: den Anschluß an die kommende Ernte zu gewinnen, in der verzweifelten Hoffnung, dann zu einer Erleichterung zu kommen, die die schlimmsten Folgen abwenden könnte Mit dem August dürften wir dieses eine Ziel erreicht haben, und wir können Bilanz ziehen, mit welchen Opfern das geschehen ist.

Die Arbeitskraft der Bevölkerung hat eine Einbuße erlitten, die sich in dem Rückgang der Kohlenerzeugung nur unvollkommen ausdrückt. Für die Bergarbeiter konnte, wenn auch unzureichend, doch wenigstens etwas gesorgt werden. Auf allen andern Gebieten findet wir so verheerende Auswirkungen, daß wir uns erst nach dem bevorstehenden Winter ein wirkliches Bild vom Ausmaß der inzwischen eingetretenen Katastrophe werden bilden können. Wir wissen, das Bild wird so sein; wie alle Ärzte, einheimische und ausländische, es bei einer Ernährung mit 1000 Kalorien täglich erwartet haben, nur mit dem Unterschied, daß die tägliche Beanspruchung jedes einzelnen in Deutschland während dieser Wochen weit das Ausmaß dessen überschritt, was ein Arzt einem unterernährten Menschen je zugemutet hätte.

Der Wirtschafts- und Verwaltungsapparat in Deutschland lief weiter. Gewiß war er mit unendlich vielem Leerlauf verbunden, aber dieser Leerlauf bedeutet nicht, daß die körperliche und vor allem geistige und seelische Belastung deswegen geringer geworden wäre. In Zeiten der Not wird das Rennen und Hasten, das Laufen und Schlangestehen nicht geringer, sondern größer. Jede Hausfrau weiß ein Lied davon zu singen, ebenso jeder Beamte, der sich einem Strom von Fragestellern, Klagenden und Hoffnungslosen gegenübersieht. Die Menschen in den verantwortlichen Dienststellen sind ausgelaugt, verbraucht, zermahlen worden. Die Schwerarbeiter erhalten eine Zulage, die aber unzureichend ist für ihre anstrengende Tätigkeit. Sie sehen sich daher gezwungen, über ihre sonstige Tätigkeit hinaus noch für die Ernährung ihrer Familie durch Beschaffung zusätzlicher Lebensmittel zu sorgen. Am schlimmsten sind die geistigen Arbeiter daran, die auf den Satz von 1000 Kalorien täglich hinabgedrückt wurden. Soweit sie eine feste, den ganzen Tag umspannende Tätigkeit haben, sind sie nicht einmal in der Lage, sich wie die Arbeitslosen zusätzliche Möglichkeiten zu erschließen.

In diesen Monaten der Not zerbrach auch das, was wir mühsam aus den Zerstörungen des Krieges – herübergerettet haben, die soziale Struktur unseres Volkes. Wir wollen uns darüber keinen falschen Hoffnungen hingeben. Noch vor wenigen Monaten kannten wir auf bestimmten sittlichen. Grundbegriffen aufbauen, auf einem Gemeinschaftsgefühl, auf überlieferten Formen, die sich in dem Verhältnis zu den Begriffen von Eigentum und Besitz ausdrückten. Sie haben ihre innere Überzeugungskraft verloren. Sie werden nur noch gehalten durch äußeren Zwang; der jedoch ebenfalls dahinzuschwinden droht. Äußerer Ausdruck dieser inneren Veränderung ist die Zunahme der Vergehen und Verbrechen. Der Prozeß geht jedoch wesentlich tiefer.

Unser Verhältnis zum Besitz hat sich verschoben. Können wir uns noch an ihm erfreuen, wenn täglich die Gefahr besteht, daß er uns genommen, enteignet, beschlagnahmt, gekürzt oder heimlich gestohlen wird? Es ist leicht zu sagen, daß der eine alles und der andere nichts verloren habe. Es ist durchaus berechtigt, wenn der Flüchtling aus dem Osten Hilfe, mehr noch, Gerechtigkeit erwartet. Der verantwortliche Staatsmann muß die Frage anders sehen. Was noch vorhanden ist an Besitz, kann aufgeteilt werden. Woher sollen jedoch die Kräfte kommen, die neuerlichen Besitz schaffen leiten? Unser Herz steht ganz auf der Seite des Flüchtlings, der alles verloren hat und ohne eigene Schuld verlieren mußte. Aber wer wird sich mühen, von neuem Güter zu verarbeiten, die eines Tages Vielleicht doch beschlagnahmt, weggenommen und in alle Winde verstreut werden?