ADa organisatorisch Wiedergeburtsdatum df Berliner Sozialdemokrat! nach zwölf Hltk Jahren ist der 17. Juni 194. An diesem Tag versammelten sieh in einem leidlich latakl gebliebenen Saal eines Lokale in der fat vällif gerstörten Berliner Innenstadt etwa 1500 Ftsafe tionäre, m in ekier Widersehnsfreud und t& einer Art dynamischen politischen Rauiches ohn& gleichen den ihnen bei dieser Zusammenkunft präsentierten provisorischen ZeatralausschuS fast einstimmig durch Akklamation zu wählen. Das Datum der politischen Wiedergeburt toi nk in halbes Jahr später zu verzeichnen! m 21. Dezember 1945, als dieser gleiche Zentral ausschuß seinen völlig überraschten Mitgliedern in Berlin und in der russischen Zone mitteilt, di "zweite Phase der Einheit" sei nun angebroehea und man habe sich mit dem Zentralkomitee de? Kommunistischen Partei auf eine gemeinsame engt Zusammenarbeit verpflichtet, die eise mögliehit baldige Verschmelzung der beiden sozialistischem Parteien vorbereiten und sicherstelle solle. Die scheinbare Paradoxie dieser Behauptung klärt sich auf wenn man bedenkt, dafi die Berlin Organisation der Sozialdemokratie gegea dies zum ersten Male ia ihrem gefährlichem Umfang begriffene eigenmächtige P@ litik ihrer zeatralen Instanz ein energisches und sofortiges Veto eialegts.

Als Mahnung und Ermahnung wurde dem Zentrslaossdraß schön am 29, Dzember 194S in einer vom den Berliner Kreisvorsitzenden gefaßten Resolution nahegelegt, sich ss künftig bei der weittragenden Bedeutung der s© plötzliA aufgeworfenes VersAmelzungsfrage jedes weiteren Schrittes in dieser Richtung za enthalten, bevor nicht die Mitgliedschaft, wie dies in einer selbstverständj, dieser Frage auseinandergesetzt und verbindlich zu ihr Stellung genommen habe.

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist der Welt bekannt. In Berlin, wo die Funktionäre ihren Mitgliedern eine Urabstimmung sicherten, als deren Ergebnis die große Mehrheit in den drei westlichen Sektoren (in denen allein eine solch Abstimmung möglich war) die Verschmelzung mit der KPD ablehnte, blieb die SPD erhalten, gleichsam als eine Insel in der russischen Zone, in der das Verhalten der dortigen Funktionäre den Mitgliedern eine solche Willensbekundung nicht ermöglichte.

Wenn man diese Perspektiven zugrundelegt, so wird es vielleicht deutlicher, warum der 2I Dezember 1945 als die politische Wieder geburtsstunde der Berliner SPD bezeichnet ward. In einem gewissen Sinne kann sogar behauptet werden, daß die Urabstimmung der Berliner Sozial demokratie die Wiedergeburt eines neuen intef politischen Lebens für Deutschland überhaupt bedeutet, wenn man nämlich voraussetzt, daß das allein gültige Kriterium einer Partei im erfolgreiches zu suchen ist und nicht in einer formellen Zulassung der Parteien von oben her. Es dürfte wohl weder übertrieben noch unbescheiden sein, zu behaupten, daß im Alärz 1946 in Berlin ein politisch bewußte Masse gegen die zentralistischea und autoritären Tendenzen ihrer eigenen Führung Geschichte gestaltet hat.

Jene gemeinsame Verlautbarung befaßte sich ja ni;ht nur mit den organisatorischen Voraussetzungen und Konsequenzen der proklamiertes Verschmelzung von SPD und KPD, sondern gab diesem Vorhaben gleichzeitig eine programmatisch und grundsätzliche Ausdeutung. Es war unter anderem von einem gemeinsam zu verwirklichenden ,Minimalprogramm" die Rede, das sich auf die demokratische Erneuerung bezog, und voa einem "Maximalprogramm", das sich die Erfüllung der ForderungeB des konsequenten Marxismus im Geiste des Eisenacher Parteiprogramms von 1869 zum Ziele gesetzt hatte, eine Erfüllung, die, wie argumentiert wurde, nur von den Kräften einer einigen Arbeiterschaft getragen sein könne. Die deutsche und die Berliner Sozialdemokrat! erstrebt ihrerseits aus ehrlichem Herzen ein Vereinigung aller sozialistischen Kräfte ia Deutschland für die brüderliche Arbeit am Aufbas eines demokratisch sozialistischen Staates. Bereit! in den Jahren der Weimarer Republik begriff fi die aktuelle Notwendigkeit der Vereinigung als eines bis dahin mehr theoretisch diskutiertem Problems. Um nur ein Beispiel von vielen zs nennen: als im Spätherbst 1931 die "Eiserne Front" gegen den immer bedrohlicher auftretendes Nationalsozialismus gegründet wurde, trug Rudolf Breitscheid, eines der zahllosen Opfer von Buchenwald, der KPD in diesem Rahmen ein enges Bündnis an. Leider urteilten die Kommunisten auch damals noch aus den Scheuklappen ihres Doktrinarismus heraus und erklärten nach wie vor mit einer geradezu sturen Konsequenz die Sozialdemokratie als ihren Hauptfeind. Als nach dem Zusammenbrich des Hitlersystems gerade di Berliner Sozialdemokratie in vorbehaltloser Einmütigkeit den Grundsatz vertrat, zukünftig nur noch eine und nicht mehr die beiden bisherigen sozialistischen Parte:en ins Leben zu rufen, verschanzte sich die kommunistische Führung hinter dem Argument einer ideologischen Klärunf, die für diese Entwickln!? noch abgewartet werden müsse. Der dann ein halbes Jahr später im Dezember eingetretene Stiminungsumschwung bei der KPD erscheint in dieser Beleuchtung klar als das, was er ist: als ein Wandel ler Taktik, aber nicht als ein Wandel der Grundsätze , Diese Erkenntnisse, verbunden mit einer techfrmonatigen Erfahrung in der praktischen Zusammenarbeit mit der KPD in Behörden, Betrieben und Verwaltungen veranlaßt die Sozialdemokraten, eine Verschmelzung mit der KPD abzulehnen. Für die Sozialdemokratie steht der Gedanke der sozialistischen Einheit sehr hoch; sie betrachtet iha aber angesichts der augenblicklichen politischen und geistigen Situation Deutschlands und der Welt nicht als das höchste Gut, Wir bleiben die alte SPD": in diese Zeicliea wurde der Kampf der Berliner Sozialdemokraten ohne jeden Hintergedanken geführt. Dem Zentralausschuß standen dabei alle materiellen und propagandistischen Hilfsmittel zur Verfügung, er arbeitete nach und nach immer bedenkenlosermit Parteiausschlüsse ! und Maßregelungen aller Art und suchte mit diesen fragwürdigen Methoden bis so? letztest Stunde grdBt Verwirrung naitf di Mitglieds? zu tragen, wogegen den Wort fthrern der "Berliner Opposition" aaflaglid tatsächlich nieht mehr als ihr Wort mr Verfügung stand. DsS die labruast und Leidenschaft dieses Kämpfet Ja Wirklichkeit einer w% fangen. Ja einer aesea Partei galt, beweist aar die rtiaua. licht politische und weltanschaulich Substans, di die Sozialdemokratie m sieh trägt. ZweÜeEcs beruhe SPD and KPD bezw. SED auf den gleich Fundamenten de wissenschaftlichen Sozialisusa, der seines Ursprung und Namen voa Karl Marx Herleitet! nur ist der wissenschaftliche Sorfalfanu für die KPD zum Dogma erstarrt während r bei der SPD lebendige Entwicklung geblieben ist Aaeh Ksrl Marx unterlag lern Getets der genialen Itasdtigkeit, die Jeden Yerkünder einer Besten großen Lehre kennzeichnet, snd dl er als ein Rfdit, Yfelleieb sogar eb seine Pflicht beanspruchen darf. Ein solcher Verkttnder bedarf aus bepetfUchra ptychologischea Gründen einer egoistisches Konsequenz, um lein Weltbild ia seiner Reinheit und Geschlossenheit immer mehr iu yerdeBtlfchea und zu vertief en. Zeitgenössiichea Beanstandungen feiner Ideen raod ErkeEütniss ist Marx iteti mit größter Scharfe und Intoleranz J Ettcksieitilosifkeit entgegengetreten. Da habe nicht BB? dt Vorlfeifer, di Verfechter de utopischen Sozialismus, sosdera auch ein Mitstreiter Lasial, B selbst Bebel und Liebknecht, oft biöer genug zu spüren bekommen, Daß Mais dies Fehden und Memuagsverschkdnheita durch Schriften und Briefe auskämpfen mußt ohn jemali politische Verantwortung und Macht belegbar Schwäche, geschichtlich jedoch Ylelleicht ein Glficksumstand für dies groß aal überragende Persönlichkeit. In der Awehließ!ieh keit di Marx für sein Theorie bif zu letzten TfipfelAea besnspra&t ad in d? vermeintlehen Unfehlbarkeit seiner Formuliere. gen, die r bedingsloi überwachte, witeraeaeidtS r sich in einer Stellung innerhalb der internationaka sozialiitlsdn Welt Seit dem Tode von Karl Marx lad l Jsk verflossen. In dieser Zeit hat nicht BW dte Technik ieea unerhörten Aufschwung erfahren, führt die Menschheit nicht nur zwei Weltkriegt von einem für die damalige Zeit unvorstellbares Umfang und kam ei nicht nur, um in besonder! aktuelle! Probkm zu erwähnen, zur Entdeck! der Atomenergie: die deutsch Sozialdemokrat ist durch eine tragisch Ml er§diuttnidf Ereignis darüber belehrt worden, dal dbs Prinzip des Dogtaatismtss und der politische Orthodoxie, sobald es aum Selbstzweck wird — und dieser Selbstzweck ist nur tlkuoft, wena man an des Beispielen der Geschichte sieht blial Yorübergehes will, mit einer "Maeattbernaaia erreldit —, nicht mehr als verzeihlich Einseltif keit m betrachten ist, die sieb, allenfalls ! schleifen llftt, sondern als eto dämonisches Ageas, das mit einer unerbittlichen Folgerichtigkeit fes 0letzter KcBsims & §eeb &t MeaseMie! vergiften, dis imiIierleB md encdtlidbm Ideellea Güte? ta Frag steüoi und damit Sie Wurzek dr Kultur selbst ser§t6m kann. S® bedeutet dr MsKiieasjs für di Sozial äeotokrttte nidit da alkia gültiges Sehern, dm Hekatomben von Menschenopfers hinweg durch zusetzen gilt, sondern gte sieht la ihm einem Beitrag für ein Neuordnung der menschliche® Gesellschaft u£ sozialistischer Grundlage, den sis in seiner Folgerichtigkeit, für den besten hält, und tim dessen Verwirklichung sie im foekn Kampf dr Geister ringen will, ohn den Bekenner ein räderen Meinung laut oder insgeheim zu einem ScHeAtaia verworfenen Subfekt z stempek. Sie will überzeugen, aber afcht vergewaltigen. Viel Sozialdemoknitea sind sich ichon heilte Mär darüber, däi di Partei um wahrhaft modern Menschen in modernem Sinne und mit aktuellen Argumenten überzeugen zn können, sich gelbst and te Öffentlichkeit eine umfassende Revision früherer ideologischer Voraussetzungen und Programmpunkte schuldig ist.

Damit ist ein Aufgab TOS ungeheurer Sozialdemokraten aller Zonca mit gleicher Tief empfunden. Aber gerade di Berliner Soaialdemokraten haben diese Verantwortung in ihrem Kampf um die Freiheit, man möchte sagen, am tödlichstes gespürt. Man wird von der SPD nicht verlangen können, daß sie ein neuei Programm gleichsam aus dem Ärmel schüttelt. Man wird ihr nicht zumiätea dürfen, daß §ie beispielsweise dea Klassenkampf, dessen gegenüber früher völlig veränderte Voraussetzungen ie klar rkannt hat, politischen Gegner fc au ebenso naheliegenden wie fragwürdigen Gründen zumuten wollen. Sl ist sich bewußt, ia§ i einer tiefen und langwierigen Auseinandersetzung mit ihren eigenen geistigen Traditionen bedarf, um daraus famal ein Programm su entwickeln, das auf weite Sicht für die Zukunft Gültigkeit haben wird. Wohl aber können He bewußt oder unbewußt zum Sozialismus drängenden Kräfte beanspruchen, da8 dl Sozialdemokratie angesichts der heutigen Weltsituation und der bis zu dea exakten Wissenschaften hin ablaufenden geistigen Umwälzung die Bedingtheit der materialistiiAen Welt- und Gesdkiehteawffsssung erkennt, nd deren absolute Anspruch in di Schranken einer Relativitit zurüdcverweist, innerhalb derer tie aucb heut Geltung besitzt und zu objektiven Erkenntnisses fArt, Hier bt der Weg, dea uch Karl Marx beschreitea würde, wenn sein "Kommunistisches Manifet" 1946 geschrieben wfa wnd nicht l §47. So tot auch nur der Kampl um die gegenwärtig und zukünftige Stellung der Berliner Sozialdemokratie als einet Vorpostens zn verstehen, wenn man diesem Phänomen di geschichtlich Bedeutung zuerkennen will die ihm zukommt.