Im September 1944 wurde Belgien frei von der deutschen Besetzung. Noch war der Kampf an seinen Ostgrenzen im vollen Gange, noch war eine Vielzahl alliierter Soldaten im belgischen Hinterland in Stäben und Depots tätig, ab die Regierung die ersten Maßnahmen beschloß, die das Land wieder in Friedensverhältnisse zurückführen sollten.

Die alliierten Truppen wurden in belgischen Francs gelöhnt und ließen das Geld im Lande. Dafür wurde Belgien durch Devisen im gleichen Umfange entschädigt. Der Notenumlauf, der während des Krieges auf das Fünffache des Friedensverkehrs angeschwollen war, wurde durch Geldumtausch und Abschöpfung der Kriegsgewinne auf ein Drittel gekürzt. Durch diese radikale Maßnahme wurde der Barbestand an die vorhandene Ware angeglichen, der Schwarzmarkt-Großhandel und eine sich am Horizont abzeichnende Inflation unterbunden. Dennoch blieb genügend Geld im Unlauf. Die Kriegsfurie war 1940 und 1944 schnell über das Land hinweggebraust. Die Industrien wurden kaum beschädigt, der Wohnraum erlitt nur eine Einbuße von insgesamt 18 000 Häusern. Verluste an Menschenleben waren verschwindend gering. So konnte der Belgier die anfänglichen Schwierigkeiten schneller als die meisten vom Krieg betroffenen Länder überwinden.

Die politische Haltung der Bürger während der deutschen Besetzung wurde einer eingehenden Prüfung unterworfen. Es wurde "entnazifiziert". Dieser Säuberung hielten 110 000 Belgier nicht stand, in der Masse die Rexisten des Léon Degrelle. weiterhin Denunzianten und Kollaborationisten. In den sich anschließenden Prozessen fällten die belgischen Gerichte fast 16 000 Todesurteile. Aber Degrelle als Haupt der Zusammenaibeit mit Deutschland befindet sich noch in Spanien. Die diplomatischen Verhandlungen zur Auslieferung führten zu dem Ergebnis, daß der Rexistenführer ausgeliefert werden soll.

Seit dem 16. September 1944 braucht der belgische Staatsangehörige sein "certificat de civisme", in unsere Nachkriegssprache übersetzt ein politisches Unbedenklichkeitszeugnis.

Aber eine entscheidende Frage ließ die Regierung van Acker im königstreuen Belgien offen: die Rückkehr Leopolds III. Der rechtmäßige König der konstitutionellen Monarchie kapitulierte im zweiten Kriegsjahr an der Spitze der Armee. Noch heute gilt diese Handlungsweise als nationale Tat, aber man verurteilt seinen Gang nach Berchtesgaden. Schon vor Ausbruch des Ringens waren seine Sympathien auf Seiten der faschistischen Länder. Zum Eide der Kämpfe begab er sich in die Schweiz und acht nach Belgien zurück. Nun wurde die Kritik an seiner Haltung allgemein. Besonders aus den Kreisen der linksgerichteten Regierung wird immer wieder betont, daß ein Volksentscheid, der zum Inhalt eine Abstimmung über die Rückkehr Leopolds haben würde, der Verfassung nach unbekannt und somit gesetzwidrig wäre. Die stärkste Partei, die katholischen Christlich-Sozialen, wünscht, daß der König wieder in seine Rechte eingesetzt wird. In ihrem Programm vertreten sie versöhnliche Tendenzen gegenüber denjenigen, die eine Zusammenarbeit mit Deutschland im Kriege durchgeführt hatten. So nahmen sie in ihre Partei de Mitläufer der Rexistenbewegung auf. Die äußerste Linke, die Kommunisten, erwägt dagegen als einzige Partei ein republikanisches Belgien.

Dem parlamentarischen Machtkampf der Parteien fiel die gegenwärtige Regierung zum Opfer. Sie war mit verschwindend geringer Mehrheit in ihr Amt eingetreten und vereinigte alle Linksgerichteten. Die Volksvertretung setzt sich nach den letzten Wahlen vom 17. Februar 1946 wie folgt zusammen:

Christlich-Soziale 92 Kammersitze