Bei einem allgemeinen Überblick über die Wirtschaftslage Bremens seit dem Zusammenbruch ist festzustellen, daß in den ersten Monaten nach Überwindung der zuerst eingesetzten Starre mit Wiederaufnahme der Arbeit ein gewisser Anstieg zu verzeichnen war, der sich einige Zeit hielt. Gegenüber dem Jahre 1939 bewegte sich die Zahl der Beschäftigten mit rund 32 000 Mann auf 30 bis 40 v. H. Der Umsatz aber betrug bisher nur 20 v. H., da wesentliche Teile der Belegschaften mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt werden.

Die Umstellung auf neue Fabrikationszweige in manchen Werken machte sich die noch vorhandenen Rohstoffe nutzbar oder griff auf anderweitig verfügbare Bestände zurück, um Stillegungen zu vermeiden. Heute jedoch wird deutlich, daß solche in größerem Maße erforderlich werden, wenn nicht Kohle, Stahl, Eisen und andere lebenswichtige Rohstoffe eintreffen. Da Bremen über die Hälfte zerstört ist und manches industrielle Unternehmen dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, rückt auch die Raumfrage mit in den Vordergrund. Mit dem Neuaufbau der vernichteten Produktionsstätten steht und fällt auch die Planung zukünftiger Produktionsprogramme und ihre Durchführung.

Den breitesten Raum hat einmal Bremens Schiffbau eingenommen, der in seiner überragenden Schlüsselstellung neben einem hohen Beschäftigungsgrad an Arbeitskraft auch entsprechende Materialzufuhren bedingte. Bis auf den Bau von Fisch-, dampfern, Heringsloggern und anderen kleineren Fahrzeugen ist er durch die Bestimmungen des Alliierten Kontrollrates lahmgelegt. Bei ihm ist der wirtschaftliche Sturz relativ am tiefsten erfolgt; die Zahl der Beschäftigten beträgt gegenüber 1944 nur noch 20 v. H. Mit Reparaturen auf allen möglichen Gebieten und Lohnarbeiten wird mehr eine Hinhaltepolitik als ein Produktionsprogramm betrieben, was aber auf die Dauer nicht tragbar sein wird. Die AG. Weser, als größte Schiffswerft Bremens, wird zu Reparationszwecken abgebaut und abgeliefert. Was einmal aus ihrem Gelände werden wird, kann heute noch nicht gesagt werden.

Etwas günstiger sieht es in der Eisen- und Stahlindustrie zurzeit noch aus, deren Beschäftigungsgrad weit höher als in den andern Industriezweigen liegt. Die Neufabrikation von Gegenständen des täglichen Bedarfs ist seit längerer Zeit wohl aufgenommen, aber noch nicht von Bedeutung. Wesentlich ist die Beschäftigung im Brückenbau (in Bremen sollen zwei über die Weser führende zerstörte Brücken bis Ende dieses Jahres wiederhergestellt werden), im Gasometerbau und bei Wiederherstellungsarbeiten für die öffentlichen Betriebe. Das noch vorhandene Material, auch solches, das durch die Wiederaufräumung gewonnen und nutzbar gemacht werden kann, läßt keine bindenden Schlisse auf eine zukünftige Wirtschaftlichkeit zu.

Der Maschinenbau ruht fast vollständig und fristet seine Existenz durch Reparaturen, weil es ihm völlig an Stahl und Eisen fehlt. In der Metallwarenbranche sind es in Bremen vier Silberwarenfabriken, die für längere Dauer voll beschäftigt sind und über ausreichende Bestände verfügen. Im Fahrzeugbau findet ein beschränkter Bau von Kraftfahneugen und Pferdefuhrwerken bei der C. F. Borvard statt.

In der Bauindustrie führte der katastrophale Margel an Baustoffen jeder Art, wie Zement, Kalk, Steine usw., bisher zu keiner fühlbaren oder .sichtbaren Belebung. Bevorzugt behandelt werden die im Auftrage der Militärregierung durchzuführenden Bauten. Durch die seit einiger Zeit in Gang gebrachten Aufräumung Bremens wird zwar ein beachtenswerter Teil an Rohstoffen zurückgewannen, aber damit werden so lange noch keine neuen Häuser und Wohnungen errichtet, als es noch an den weiterhin erforderlichen Materialien, vorzugsweise Holz, und auch Facharbeitern mangelt. Hiei ist es lediglich die Selbsthilfe, die im Blick durch die Straßen etwas in Erscheinung tritt.

In der textilverarbeitenden Industrie (Jute, Tauwer< usw.) liegen die Verhältnisse nicht so hoffnungslos. Die Landwirtschaft wird voraussichtlich mit Säcken-und Bindegarn annähernd genügend versorgt werden, was auf die Zufuhr von größeren Rohstoffmengen durch die Besatzungsmächte zurückzuführen ist.