Ein Bericht von Jan Molitor

In Hamburg – so repräsentativ es sich da und dort auch in seiner Zerstörung und Armut noch gebärden möchte – ist es nicht Sitte, die großstädtischen Mülleimer, die schweren Kanonenöfen mit Deckeln gleichen, in dunklen Hinterhöfen zu verstecken, sondern man stellt sie auf die Straße vors Haus, mitten in die Öffentlichkeit des hellen oder regengrauen Tages. Das ist noch ein Erbe der Kriegs- und Nazizeit und hatte einmal den Trick, Personal der städtischen Müllabfuhr einzusparen und wieder ein paar starke Männer mehr an die Front oder in die Rüstungsfabriken zu schicken. Ach, die starken Männer, soweit sie wiederkehrten, sindheute höchstens noch mittelstark, und es wäre wohl ein Frevel an der Heiligkeit des Gesetzes von der bestmöglichen Ausnutzung der Kalorien, sie zu ihrem schweren Los auch noch für nichts und wieder nichts die schweren Eimer über enge Stiegen und dunkle Gänge tragen zu lassen. Aber noch andere Menschen haben von der Tatsache, daß die Mülleimer wie graue Säulenstümpfe einfach an der Straße stehen, ihren Nutzen. Und das ist im tränenreichen Buch der Großstadtnot ein kleines Kapitel für sich. Ein kleines, unendlich trauriges Kapitel...

Hamburg, Parkallee. Eine Straße im leidlich unversehrten, Viertel. Wohl hat die Bombe hie und da ein Loch in die Häuserzeile gerissen. Das gleicht dann sofort einer häßlichen Zahnlücke in einem gepflegten Gebiß. Immerhin, die Straße mit ihren weißen, schmucken Häusern hat noch viel vom verblichenen Glanz des Hanseatischen und viel Von jener idyllischen Unschuld, die dem nahen Innocentiaplatz den Namen gab. "Zone A", nickt der Eingeweihte: es ist das Viertel, das für die englische Behörde geräumt werden muß. Hier stehen die hübschen Villen noch reihenweis. Und reihenweise stehen die Mülleimer.

Und dies ist nun – Gott sei es geklagt! – der Ort, das Großstadtleben von Heute an einem besonderen Zipfel zu fassen. Kein Vogelsteller, der nach vielfältig erprobten Gesetzen seine Schlingen auflegt hat es so leicht, seine Beute zu fangen, wie der Chronist dieser jammervollen Gegenwart, der sich zu den Mülleimern begibt. Er braucht nicht lange zu warten: die Vögel kommen angeflattert, der Hunger treibt sie herbei.

Fünf Uhr nachmittags. Da kommt die Frau in Schwarz, die – bis auf die ausgetretenen Schuhe – auffallend gut gekleidet ist und sich zu Tode schämt, da sie angesprochen wird. Flüchtling? Nein, Hamburgerin! Sie will es nicht wahrhaben, daß sie die Mülleimer geöffnet hat, fünf Mülleimer, der Reihe nach. Ihre Hände sind schmutzig von Asche und Dreck, aber sie leugnet es ab, die Eimer durchwühlt zu haben, weil sie etwa nach Eßbarem suchte. "Ich sammle Holz", sagt sie und setzt die Worte fein und wie auswendig gelernt und tadelt .sogar die Leute, die "so unverantwortlich sind und Holzstückchen in den Müll werfen". Sie sagt: "Es ist mir um das Holz zu tun. Ich habe Angst vor dem Winter." Dabei herrscht die Hochsommersonne an diesem Tag, und aus ihrem mit Papier verdeckten Einkaufsnetz schauen vertrocknete Kartoffelschalen heraus...

Drei Minuten später kommt der Einbeinige angehumpelt, der im Kriege Unteroffizier war und der Nacht für Nacht beim Einschlafen mit einem Fluch des "Führers" gedenkt; denn Adolf Hitler, der ihm zehn harte Soldatenjahre lang befahl, befiehlt, so er tot ist, noch immer seinem Unteroffizier, Tag für Tag die Front, der Mülleimer abzustreiten. Wo schläft er? Dort, wo die Arbeiterviertel Hamburgs "total flach" liegen! In einem Kellerloch, "so dumpf und stickig, daß der Schützengraben ein Erholungsort dagegen war". Er trägt ein kleines Säckchen an einer Schnur über der Schulter. "Da tu ich den Schiet, den man noch fressen kann, rein und rühr es abends durcheinander und koch es auf und schling es runter." Ausgemergelt ist sein Gesicht, so ausgemergelt! Er sucht auch Blechstückchen und hämmert daran herum in seinem Kellerloch und verkauft sie dann als Aschenbecher. "Heimarbeit", sagt er.

Es kommen viele zu den Mülleimern. Die einen mit zögernden Schritten, wie angezogen und abgestoßen zugleich, und verschwinden schnell, da sie sich beobachtet sehen; die andern schlendern gemächlich näher und sprechen sich leichthin aus, sodaß man beim Zuhören unwillkürlich miterrötet vor Scham: "Es ist ja nicht, daß das Lebensglück davon abhängt, aber man interessiert sich doch – nicht wahr? – was da so drin ist in den Eimern. Und ob Sie’s glauben oder nicht: Manche Leute schmeißen da Sachen rein, die noch ganz brauchbar wären." Wie sie alle auf die Mülleimer-Inhaber schimpfen, falls sie, was selten ist, noch "ganz brauchbare Sachen" finden, wie Kartoffel- oder gar Apfelschalen! Wie sie Ausflüchte suchen in der Verlegenheit! Einer allerdings, ein Sechzigjähriger, was sagt er? – "Ich sage es frei heraus: das war noch nie in Deutschland oder gar in Hamburg so, daß anständige Leute in den Mülleimern kramen mußten! Das war noch nie! Warum soll ich mich schämen? Im Müll zu wühlen, das ist eine schöne Tagesbeschäftigung für einen Pensionierten, mein Herr; sie füllt einen restlos aus. Was wollen Sie? Man holt noch mancherlei heraus. Oder wollen Sie von den Kalorien leben, die heutzutage nach den Karten auf weißen Tellern im Restaurant serviert werden?"