Von Dieter Bassermann

Auf Rilkes Grabstein in Raron steht das von ihm dafür bestimmte Wort:

Rose, o reiner Widerspruch, Lust,

Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.

Es ist schon mancherlei herumgerätselt worden an dem "reinen Widerspruch"; doch bisher ist das Wort in seinem Erlebnisgehalt nicht enträtselt worden. Um einen Begriff im abstrakten Sinn kann es sich bei Rilke, der zu gedanklichen Operationen wenig fähig war, nicht handeln. Seine Verlautbarungen sind durchweg Niederschlag von Wahrnehmungen des Erlebens, das, ihm selbst oft rätselhaft geblieben, sich nur in Andeutungen ausspricht; deren Wiederkehr in den Gedichten und in Briefen läßt erkennen, wie er sich diesem Rätselhaften, Unerklärlichen dennoch stellt, wie er es sich anzueignen versucht und es einordnet in die Gesamtheit seines Erlebens und so, vom Leben her, es in seinem Sinne durchdringt, und wie es sich für ihn so nach und nach erhellt. Die häufigere Wiederkehr der Andeutungen aus dem Bereich des "reinen Widerspruchs" in den späteren Briefen und Gedichten macht deutlich, wie sehr es sich dabei um ein zentrales, ein seine Weltanschauung – sein Anschauen der Welt und der Lebensvorgänge – bestimmendes Erlebnis handelt.

Die Neigung, die sich manifestierenden Widersprüche wahrzunehmen und wahrzuhaben, läßt sich zurückverfolgen bis zum Stundenbuch, wo er gelegentlich Gott anspricht: "Du bist der Wald der Widersprüche", und den so angedeuteten Gedanken weiterverfolgt. Doch handelt es sich dabei noch um das unipolare, das einpolige Phänomen, wie es uns auch in Goethes Systole und Diastole begegnet und von hier aus weitgehend zu geistigem Allgemeinbesitz geworden ist. Allmählich aber wandelt sich Rilkes Einsicht zur Erfassung zahlloser Multipolarität, die dann auch noch übergreift auf die verschiedenen Sinnen- und Wahrnehmungszonen. In der Vervielfältigung der Struktur wird dieses Erleben für die genaue Wahrnehmung immer undurchdringlicher, immer rätselhafter. Aber das Wort, das er im Malte einmal für einen Dichter verwendet: "Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre", nimmt er Jahre später in einem Brief als unmittelbares Selbstbekenntnis auf: "Eines ist mir jetzt wichtiger als alles übrige, genau zu sein." – So gibt er sich mit immer größerer Intensität dem Phänomen hin, daß es schließlich wie eine feine Substanz all sein Erleben durchtränkt und es spezifisch färbt. Damit kommt er zu einer andersartigen, neuen Art des Erlebens; man ist versucht zu sagen, er erfährt eine neue Dimension, allerdings ohne sich theoretisch darüber zu äußern oder, eine Lehre daraus zu machen.

Bald nach dem Malte heißt es in einem Gedicht (1913): "O Leben Leben, wunderliche Zeit, von Widerspruch zu Widerspruche reichend ... o unerklärliche, o Lebenszeit." Hier scheint sich zum erstenmal das Aufleuchten des Phönomens der Multipolarität auszudrücken. Wie in geheimer Verbindung mit diesen Versen steht eine Briefstelle zehn Jahre später, in der er der Briefempfängerin bestätigt: "Wie haben Sie in jugendlich-arglosem Vertrauen immerfort beides, in der Welt erkannt: das Schlafende und das Wache das Lichte und das ' Dunkle, die Stimme und das Schweigen, la presence et l’absence; alle die scheinbaren Gegenteile, die in einem Punkt zusammenkommen, die an einer Stelle die Hymne ihrer Hochzeit singen, und diese Stelle ist – vor der Hand – unser Herz."