Der Vorsitzende des Preisausschusses beim Magistrat Berlin erklärte auf einer Kundgebung zum Kampf gegen den Schwarzen Markt: "Wenn der Handel keine Vernunft annimmt, werden die Werktätigen Berlins auf eine Mitwirkung des Zwischenhandels bei der Produktion verzichten. Es gibt im Rahmen einer privaten Wirtschaft Möglichkeiten, die Ware von der Fabrik zum Verbraucher zu lenken, ohne sich des verteuernden Zwischenhandels zu bedienen." – In der Berliner SED-Zeitung war kürzlich zu lesen: "Eine andere Giftblüte des Frühlings ist der Handel unter dem Ladentisch. Sie blüht um so mehr im Verborgenen, je fester gegen den .öffentlichen Schwarzmarkt’ vorgegangen wird." Und in der gleichen Ausgabe des Blattes: "Wenn der Magistrat dieselbe Initiative entfaltet hätte, die ein Großhändler aus Schöneberg aufbrachte, der bereits im Monat März mit Beelitz erfolgreich über eine Spargellieferung verhandelte, brauchten die Berliner längst nicht mehr auf den ersten Spargel zu warten."

Damit sind wir mitten in der Berliner Diskussion über ein altes und immer neues Thema, die in diesen Wochen durch Spargel, Spinat und Rhabarber, d. h. durch eine völlig unzulängliche Belieferung mit Frischgemüse starken aktuellen Antrieb erhalten hat. Vorher ließ das verhältnismäßig gute (man kann vielleicht sogar angesichts der bestehenden Schwierigkeiten sagen: das überraschend gute) Funktionieren der behördlichen Versorgungsapparatur jener These recht zu geben, die den Handel nur als Verteiler, also als Exekutivorgan der Wirtschaftsverwaltung, ohne eigene kaufmännische Initiativaufgaben, werten will. Unleugbare Mißstände, vor allem in der Preisgestaltung, förderten die Neigung, eine aus der Notzeit entstandene Behelfsorganisation zur Dauereinrichtung zu machen. Die Pseudohändler, die mit dem einzigen Requisit des Rucksacks, vielleicht auch schon des Telephons aus dem Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage überhohes Kapital zu schlagen verstehen (oder verstanden, falls ihnen inzwischen nicht durch die Kontrollverschärfung das Handwerk gelegt wurde), haben dem kritisch-abschätzigen Begriff "Zwischenhandel" besondere Aktualität gegeben.

Die erwähnten Vorwürfe gegen den Berliner Magistrat dürfen nicht etwa zu der Annahme verführen, daß die jetzige behördliche Verteilungsorganisation – in Berlin Zentralverteilungsamt, Bezirksverteilungsläger, Haupternährungsamt usf. – grundsätzlich abgelehnt würde. Sie sind vielmehr als Augenblickskritik mit dem Zweck zu verstehen, im Interesse dieser Organisation und ihrer Verstärkung auf Abstellung von Mängeln zu dringen.

Die Drohungen des Vorsitzenden des Berliner Preisausschusses zielte anderseits auf die Bildung von sogenannten Werkgenossenschaften ab, die in Betriebsrätekonferenzen und Zusammenkünften der Großbetriebe bereits besprochen werde, "um die Ware dorthin zu bringen, wo sie der Groß- und Kleinhandel offenbar nicht hinbringen kann".

Es würde sich damit um eine Verbreiterung der schon mit der Wiederbelebung der Konsumgenossenschaften unter starker Förderung durch die deutschen Verwaltungen und die russischen Besatzungsbehörden begonnene Entwicklung handeln. Der Machtanspruch dieser Selbsthilfeeinrichtungen der Verbraucher (besser der sozialistisch organisierten Arbeiterschaft), der bis zur Monopolisierung der Konsumgüterversorgung geht, ist längst angemeldet, Symptomatisch ist u. a. ihre beabsichtigte Einschaltung über die landwirtschaftlichen Genossenschaften in den Absatz der für den freien Markt (nach Erfüllung des Ablieferungssolls) verfügbaren bäuerlichen Erzeugung. Die Konsumgenossenschaften sollen die aufgekauften Mengen (auch dies ist bezeichnend) in erster Linie zur Verbesserung der Ernährung der Arbeiter in den Betrieben und dann zur Abgabe an die Bevölkerung in ihren Verteslungsstellen benutzen. Sie würden hierbei "Vertrauensorgane des Staates". Die Perspektive ist demnach nicht ein formaler Staatshandel, aber doch ein Aufbau, der dem privaten Großhandel keines Raum mehr läßt Und wenn die Idee der Werkgenossenschaften zur Verwirklichung kommtwürde er. zumal in Verbindung mit Produktions- und Absatzplanung, auch außerhalb des Bereichs der Lebensmittelversorgung stark eingeengt werden. C. Segur