Von Walter Anatole Persich

Sobald sich mir Gelegenheit bietet, besuche ich die Versammlungen und Beratungen der Pinguine. Es läßt sich dabei vieles lernen.

Leider kann ich nur zu den Pinguinen im Tierpark gehen, in die polaren Bezirke ihrer Heimat habe ich bisher keinen Zutritt gehabt. Da aber die Pinguine in jede Umwelt ihre eigentlichen, angestammten und erprobten demokratischen Gebräuche mitnehmen und sie auch dort unter wechselnden Lebensumständen bewahren, macht das am Ende keinen großen Unterschied.

Die Pinguine benötigen nur zwei Dinge, um sich wie zu Hause einzurichten: einiges Gestein und einiges Gewässer. Wenn dies sich auffinden läßt, sind sie anscheinend ganz zufrieden. Sie stehen dann in Gruppen oder auch in einer großen, einheitlichen Runde um einige größere und würdigere Pinguine herum. Ihre Flügelflossen hängen gleich Armen zur Seite, das Schwarz, ihres Rückengefieders ergibt die Zeichnung eines Bratenrockes, Hose und Weste sind gewissermaßen aus einem Stück gearbeitet und weiß. Manchesmal schnattern alle durcheinander, doch niemals lange, sie lausdien zumeist einem Vorschnatterer oder denken in sich hinein, was wohl auf das von ihm Gesagte, erwäge man alles recht, sich erwidern ließe. Wenn einem von ihnen dann der Kopf raucht, watschelt er gemächlich dem Wasser zu und laßt sich mit robbenartiger Behendigkeit hineinplumpsen und schwimmt los, als suche er eine Abkühlung. Solchem nachahmenswerten Beispiel folgen dann gleich mehrere.

Dies ist, sozusagen, der Staat der Pinguine, in seinen äußeren, für unsere begrenzt blickenden Menschenaugen erkennbaren Formen. Die Grundlage des Pinguinstaates ist die Pinguinfamilie, eine, wie die Pinguinforscher festgestellt haben wollen, durchaus festgefügte Familie. Deren Oberhäupter sind die älteren, im Gefieder allmählich ergrauten und zumeist betont saturiert auftretenden Pinguine. Ihnen, so wird berichtet, führt der junge Pinguin seine Pinguinbraut vor, die sich schämig, vielleicht auch ein wenig geziert, unter den kritischen Augen der Erfahrenen bewegt, und nur, wenn die Familienoberhäupter in einer Familientagung ihr Ja abgegeben haben, führt der Pinguin seine Erwählte an eine Höhle im Gestein, um mit ihr den Nestbau vorzubereiten und nach umständlichen Besprechungen in Angriff zu nehmen. In dem dann geschaffenen Heim werden die Eier behütet und bebrütet, die Jungen großgezogen und die Familienfreuden nach allen Regeln genossen – bis auch der Nachwuchs reif erscheint, in die Versammlung der Pinguine eingeführt zu werden, wo er sich zunächst bescheiden zuhörend abseits zu halten hat, bis er allmählich hineinwächst in die größere Gemeinschaft der Vögel mit den Bratenröcken, die in so vieler Hinsicht vorbildlich erscheinen.

Grüblerisch und forschend ist der Pinguin – wählt man einen platteren Ausdruck, so muß man ihn als neugierg Bezeichnend und diese Neugierde ist es, die ihn veranlaßt, staunend und wohl auch bewundernd auf alles Größere zu blicken. Der Pinguin sucht sich seinen Gott in der Welt der sichtbaren Erscheinungen. – Jemand, der die Welt und ihre Wunder zu ergründen suchte, war hineingezogen in unwegsames Land, hatte dort eine Hütte gebaut und den Acker bestellt – unweit von einer Gletscherfläche, die in einen See hineinragte, und dort lebten Pinguine. Einer der Vögel hatte sich verletzt, der Siedler hatte ihn gepflegt und geheilt – und seither folgte ihm der Pinguin auf Schritt und Tritt. Um die Hütte entstand bald ein Dorf, ja, ein kleines Städtchen. Der erste Ansiedler eröffnete ein kleines Kaufhaus, in dem die Farmer vielerlei einkaufen konnten. Der Pinguin stand vor der Türe des Ladens, in respektvollem Abstand von den Menschen und sah ihrem Tun zu. Und eines schönen Tages kam er mit einem, zweiten Pinguin, genauer gesagt: mit einer jungen Pinguinin, die sich nicht recht an den Laden herangetraute. Es half ihr kein Sträuben. Mit dem Schnabel stieß er sie vorwärts, bis sie zu Füßen vor "seinem" Menschen – seinem Gott – stand, denn sie sollte seine Braut werden, und ehe nicht der Mensch ihr den Kopf kraulte wie ihm, dem einst verletzten und so überaus zutraulich und anhänglich gewordenen Pinguin, galt der Bund nicht als geschlossen. Und auf jede Katze, jeden Hund, ja, jedes Kind, das der Mensch in seine Huld nehmen wollte, ging der Pinguin eifersüchtig keifend los. Nur er wollte gestreichelt und beachtet sein... Ob das nun gar so vorbildlich ist?

Der Mensch begann zu ahnen, wie schwer es die Götter mit ihren Schützlingen haben und daß aus der Huld, die vielleicht das Mitleid, vielleicht eine Laune, vielleicht eine wahre Großmut gebar, eine harte Pflicht werden kann.