Das ist europäische Kunst; wir aber wissen kaum noch, was das bedeutet. Dabei stammt der estnische Meister aus einer der kleinsten Nationen der Welt Die Verbindung von beiden: dem Weltläufigen und dem Heimatbedingten, das ist seine Stärke. Eine kleine Ausstellung seiner Arbeiten wird zur Zeit in deutschen Städten gezeigt; man konnte sie vor einigen Monaten auch in Hamburg sehen, leider wurde sie zu wenig beachtet. Jetzt können wir seine Kunst auch durch eine schöne Mappe kennenlernen mit zwölf ausgezeichnet reproduzierten Blättern aus den Jahren 1930/44. Sie gibt mit ihrem etwas allzu hymnisch einleitenden Text eine gute Übersicht über das vielgestaltige Schaffen des heute 48jährigen Künstlers (Aleksis Rannit, Eduard Wiiralt. Flensburg, Verlagshaus Christian Wolff 1946).

Wiiralt ist Graphiker. Die vorzügliche Technik fällt zunächst auf. sie allein sichert ihm hohen Rang. Kupferstich und Radierung (von der "kalten Nadel" bis zum "Vermis mou"), aber auch die selteneren Techniken, wie der Holzstich, werden mit staunenswerter Sicherheit, man ist versucht zu sagen: altmeisterlich beherrscht. Aber die Blätter wirken weder altertümelnd noch peinlich virtuos, dazu ist die Themenwahl zu zeitnah und die Intensität des Ausdrucks zu leidenschaftlich und persönlich. Nur das entrückt ihn ein wenig den Experimenten der jungen Generation überall in der Welt, daß er sehr gegenständlich bleibt, sehr gesättigt mit Anschauung, und zwar auch dann, wenn seine Phantasie gelegentlich recht bizarr ausschweift. Man hat das Gefühl, daß ein fern von den großen Kunstzentren aufgewachsener und auch wohl innerlich bis heute einsamer Mensch sich aufgemacht hat, um alles nachzuholen, was vor ihm in der Welt geschaffen worden ist, und daß er nicht ruht bis er zu sagen vermag: das alles kann ich nun auch. Am Anfang macht sich sogar eine gewisse Sucht bemerkbar, sich die Aufgaben inhaltlich sowohl als technisch so schwer zu stellen wie nur irgend möglich. Und nachdem er die Welt und die Jahrhunderte durchwandert hat. kehrt er in so eindrucksvoll schlichten Blättern wie "Monika" oder "Jeune fille estonienne" wieder dorthin zurück, von wo er ausgegangen ist.

1896 ist Wiirale in der estnischen Kolonie des Ortes Gubanitz im Gouvernement Petersburg geboren. Von 1915–1922 lernt er in Reval und Dorpat, beschäftigt sich auch mit Plastik, was man manchen seiner reifsten graphischen Arbeiten anmerken kann. Ein Jahr lang arbeitet er dann auf der Akademie in Dresden, zwölf Jahre, von 1925–1937, lebt und wirkt er in Paris. Afrika, die arabische Welt, wird ihm zum starken Erlebnis: 1938 verbringt er in Marocko. kehrt er nach Estland zurück, heute hat er sich in Stockholm ansässig gemacht. Er kennt die Welt, aber auch die Welt kennt ihn: viele eindrucksvolle Ausstellungen in den Hauptstädten Europas und Amerikas haben ihn berühmt gemacht, und es hat nicht an Stimmen gefehlt, die ihn den bedeutendsten Graphiker unserer Zeit genannt haben.

Was ihn uns besonders anziehend macht, das ist neben der Sauberkeit des Handwerks und, der Sicherheit der Komposition vor allem die Durchdringung der Wirklichkeit mit echter künstlerischer Phantasie. Sind seine früheren Arbeiten gelegentlich überfüllt mit gespenstischen Ausgeburten seiner Einbildungskraft – man könnte an Cellot denken –, so sind doch auch diese schon kleine Wunder psychologischen Reichtums, trotz ihrer Skurrilität in allen Einzelheiten erlebnisnah. Seine Menschen, so meint man, haben einen höheren Wirklichkeitsgrad, als wir ihn gemeinhin zu erfassen vermögen, weil zur äußeren Gestalt die psychische Durchleuchtung hinzutritt. Etwas freilich kommt dabei ein wenig zu kurz: die Bewegung. Alles wirkt wie gefroren, wie fixiert für die Ewigkeit Es kommt hinzu, daß dem Künstler eigentlich nichts unwichtig ist. Gewiß kennt auch er die Kunst des Auswählens und Fortlassens, aber was er mit seiner Radiernadel aufspießt, das gibt er mit gleichmäßiger, oft unheimlicher Präzision, von den Augenwimpern bis zu den meist besonders ausdrucksstarken Händen, vom Detail des Kostüms bis zur landschaftlichen Umwelt. Dadurch entsteht die außergewöhnliche Suggestivkraft, die alle diese Blätter ausstrahlen, zugleich aber eine gewisse ungelockerte Strenge, die den Betrachter nie ganz warm werden läßt.

Wohin mag der weitere Weg sich wenden? Auf dem eingeschlagenen scheint das Ziel erreicht zu sein. Wir möchten die künftige Entwicklung Wiiralts auch in Deutschland verfolgen dürfen.

Carl Georg Heise