Der Hoover-Bericht hatte errechnet, daß Europa bis zur neuen Ernte 8 Millionen t Getreidezuschuß braucht Wir stehen jetzt mitten in der Ernte 194 6, der ersten Ernte, deren Bestellung nach Kriegsbeendigung im Herbst 1945 und Frühjahr 1946 erfolgt ist. Es müßte also eine normale Ernte werden, mit nur jenen Einschränkungen, die durch Mangel an künstlichem Dünger und anderen Kriegserscheinungen hervorgerufen werden. Soweit Einzelheiten über die Vorschätzungen der europäischen Ernte 1946 laut geworden sind, wird dies auch der Fall sein, mit einer einzigen Ausnahme: Polen. Der nachstehende Bericht über eine Reise durch die östlichen Kornkammern im Frühjahr dieses Jahres gibt ein anschauliches Bild von der Ernte, die in diesen Gebieten zu erwarten ist.

Polen hat zwar reiche Getreidegebiete jenseits der Curzonlinie an die Sowjetunion abgetreten, aber auch der verbliebene Teil ist mit Ausnahme der verhältnismäßig kleinen Industrieenklaven Oberschlesiens und Kongreßpolens Agrargebiet, und die von Polen jetzt verwalteten Gebiete gehörten unter deutscher Herrschaft zu den landwirtschaftlichen Musterländern Europas. Insgesamt haben sie durch den Krieg jedoch, von kleinen längere Zeit hartnäckig umkämpften Landstrichen abgesehen, weniger gelitten als etwa Ungarn und keineswegs mehr als etwa Rumänien. Die Ursache für den Getreidemangel liegt demnach anderswo.

Polen hat seine Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Curzonlinie hauptsächlich nach Niederschlesien umgesiedelt, und zwar fast ausschließlich in das vom Krieg völlig unberührt gebliebene Sudetenvorland, das die ergiebigsten Weizen- und Zuckerrübenböden aufweist. Der Parole "Geht nach dem reichen und fruchtbaren Niederschlesien folgten aber nicht nur die ihres Heimatlandes verwiesenen Galizier, sondern sehr bald auch noch mehr Polen aus den Gebieten, die von ihrer Scholle gar nicht verdrängt waren, sondern eine günstige Konjunktur witterten und dem "Zug der Zeit" bereitwillig scharenweise nachgaben. Und in diesem Niederschlesien sitzen nun auf Landwirtschaften bis zu 100 Morgen neben den alteingesessenen deutschen Bauern, die als Arbeiter noch heute in den meisten Fällen die Bestellung der Äcker durchführen, zwei bis drei, mitunter noch mehr polnische Familien als sogenannte "Aufsitzer", die jedoch nach außen hin als Besitzer und Verwalter fungieren und die Schlüsselgewalt ausüben. Diese Polen sind in den seltensten Fällen Bauern, sondern Handwerker, kleine Gewerbetreibende, ungelernte Arbeiter oder Soldaten.

Größere Güter sind in sog. Staatsgüter umgewandelt worden und werden, je nach der Größe, zu vieren, fünfen oder noch mehr von einem Administrator verwaltet, der sich zur Unterverwaltung der Einzelgüter vielfach deutscher Inspektoren bedient. verschont gebliebenen Teilen des polnischen Verwaltungsgebietes. Aber auch hier sind trotzdem weite Landstriche, und zumal viele der großen Güter, andstriche, Sie waren im Vorjahr von der Besatzungsmacht beschlagnahmt und abgeerntet, bis zur Herbstbestellung aber noch nicht freigegeben worden, so daß nur eine Frühjahrsbestellung mit Sommergetreide, Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse wenigstens das völlige Brachliegen des Landes hätte verhüten können. In diese Zeit aber fiel die Massenevakuierung der deutschen Bevölkerung gerade aus diesen Gebieten.

Nahezu völlig entvölkert jedoch sind die weiten Ländereien, durch die der Krieg hindurchgegangen ist. Die deutschen Bauern waren nach Westdeutschland evakuiert worden und hatten nach Kriegsende keine Möglichkeit mehr zur Rückkehr. Wo sie den Übergang über die Görlitzer Neiße versuchten, wurden sie von polnischer Miliz daran gehindert. Polnische Bauern aber haben sich hier praktisch überhaupt nicht, jedenfalls nur ganz sporadisch und nicht nennenswert, niedergelassen, obwohl die Gehöfte nur zum geringsten Teil zerstört sind. Es ist totes Land, Niemandsland.

Das lehrt eine Fahrt durch dieses Gebiet auf Schritt und Tritt. Kilometerweit nicht ein Halm junger Saat, und wenn einmal saftiges Grün eine belebende Augenweide in das düstere Einerlei der Stoppeläcker vom Vorjahr bringt, dann nur für einen rasch vorüberhuschenden Augenblick. Mindestens ebenso häufig wie junger Saat begegnet man Feldern, wo das Getreide vom vorigen Jahr auf dem Halm verfault ist, oder Kartoffeläckern, auf denen das Unkraut von diesem Jahr munter zwischen dem abgestorbenen Kraut der in der Erde erfrorenen und verfaulten Kartoffeln wuchert. An schönen sonnenwarmen Tagen Mitte April zählen wir über eine Fahrstrecke von rund 50 km nur vier Gespanne, die das Brachland umpflügen. Nicht eine Drillmaschine war zu entdecken, wohl aber standen an ein Dutzend von Dreschmaschinen verwittert und verwahrlost auf den abgeernteten Feldern des Vorjahres umher. Nicht besser als mit diesen hochwertigen und feinempfindlichen landwirtschaftlichen Maschinen war mit kleineren Geräten – Pflügen, Eggen, Walzen – verfahren worden, die zu Hunderten, verrostet, verkommen und zerfallen, an den Ackerrändern und Feldrainen umherliegen. Kein bewachter Bahnübergang an den schienengleichen Wegekreuzungen, die Schranken hochgezogen oder zertrümmert und zerbrochen – niemand, der den Übergang vor dem herannahenden Zuge wehrte, aber auch kaum jemand, der ihn begehrte! Totes Land trotz seines fruchtbaren Schoßes!

Das Bild dieser grauenerregenden Trostlosigkeit wandelt sich erst nach der Überquerung der Görlitzer Neiße, dann aber mit einem Schlage