Unmittelbar nach der Besetzung war die gesamte Sozialversicherung in Berlin zahlungsunfähig. Bei den 156 Versicherungsträgern waren Kassenmittel von nur rund 1 Mill. RM vorhanden; der Zugriff auf das 12 Milliarden RM betragende Vermögen der in Berlin ansässigen zentralen Versicherungsstellen war nicht möglich. Zunächst half die Stadt den 384 000 Rentnern und 100 000 Kranken (und ihren Familienangehörigen), die bisher von der Sozialversicherung versorgt worden waren; dabei wurde nur den Bedürftigen ein Anspruch auf Hilfeleistung zuerkannt. Am 1. Juli 1945 wurde dem die "Versicherungsanstalt Berlin" geschaffen, unter Zusammenfassung sämtlicher bisher getrennt betriebenen Zweige der Sozialversicherung: also insbesonere der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung zur letzteren gehört die Invaliden- und Angestelltenversicherung. Auch das Versorgungswesen. als die (in verschiedene Verfahren aufgespaltene) Fürsorge für die Kriegsversehrten, wurde in die Einheitsregelung einbezogen.

Die Leitung des neuen Unternehmens ist mit dem, was durch die Vereinheitlichung inzwischen erreicht worden ist, sehr zufrieden. Sie betrachtet die Neuregelung als einen großen Fortschritt, und verweist darauf, daß bereits 1905 der Staatssekretär von Posadowsky-Wehner im Reichstag unter allgemeiner Zustimmung erklärt hat: "Würde man heute die sozialpolitische Gesetzgebung neu aufbauen, dann gäbe es nicht den geringsten Streit darüber, daß eine einheitliche Organisation geschaffen werden müßte." Auch Prof. Manet, ein Mann, der den Gedanken der privaten Versicherung stets besonders verfochten hat, wird als Eideshelfer angeführt: "Die Sozialversicherung der Zukunft wird einheitlich sein – oder sie wird nicht sein", so hat er (1926) in den Verhandlungen zur Sozialversicherungsreform erklärt Als der zentrale Vorteil der Einheitsregelung wird bezeichnet, daß alle Überschneidungen und damit die (vorwiegend negativ, zu Ungunsten des Versicherten, entschiedenen) Kompetenzstreitigkeiten ausgeschaltet sind, daß die Frage der Aussteuerung weitherzig geregelt werden kann, und vor allem, daß nun ein vollkommener Risikenausgleich gegeben ist Das sei, so heißt es, versicherungstechnisch geradezu ideal. Auch könne man so eine einheitliche, übersichtliche Finanzgestaltung erzielen und mit relativ niedrigen Verwaltungskosten auskommen. Sie werden heute mit 4 v. H. der Einnahmen, gegen früher 8 v. H., angegeben.

Berlin ist sofort zum Umlageverfahren übergegangen. Die neuen Sätze betragen 20 v. H. der Lohnsumme, jeweils zur Hälfte vom Versicherten und vom Unternehmer zu tragen. Damit ist die Belastung etwa so hoch, wie sie im großen Durchschnitt 1944 war – einschließlich der Beiträge zum "Reichsstock für den Arbeitseinsatz", mit insgesamt 6,5 v. H. vom Lohn, die hälftig vom Unternehmer und vom Versicherten aufzubringen waren. Was der Arbeitnehmer bei der Krankenversicherung mehr aufzubringen hatte, wurde damals durch die Leistungen des Unternehmers für die Unfallversicherung etwa ausgeglichen. – Versicherungspflichtig sind heute alle diejenigen, die früher mindestens einem Zweige der Sozialversicherung angehören mußten. Also gehören neben den Arbeitern (und Angestellten) auch die Kleingewerbetreibenden mit bis zu fünf familienfremden beschäftigten Personen zum Kreis der "Pflichtigen", Eine weitgehende Differenzierung der Leistungen ist bestehengeblieben. Das tägliche Krankengeld staffelt sich in 19 Klassen, von 0,50 bis 10 RM. und die Sozialversicherungsrenten bemessen sich (im allgemeinen) nach der Beitragshöhe. Die Struktur der Leistungen – mit rund 40 v. H. für Renten, 36 v. H. für Aufgaben der Gesundheitsfürsorge (nur diese Hauptposten werden in dem hier verglichen Material angeführt) – ist etwa dieselbe geblieben wie früher. Während der Aufbauperiode mußten die Leistungen von der Prüfung der Bedürftigkeitsfrage abhängig gemacht werden; sie wurden also, nach dem Fürsorgeprinzip, von der Mittellosigkeit abhängig gemacht und das Versicherungsprinzip war praktisch aufgegeben. Das hat viel böses Blut geschaffen.

Ein "enges Ineinandergreifen zwischen den Aufgaben auf dem Gebiete der Berufsfürsorge, der gesundheitlichen Fürsorge und den Rentenzahlungen" wird angestrebt mit dem Ziel, den Kreis der Rentenempfänger zahlenmäßig zu begrenzen, um dafür die Renten für die wirklich Arbeitsunfähigen zu erhöhen. – Eine Besonderheit der Berliner Regelung ist noch, daß die "Versicherungsanstalt" auf Grund eines Abkommens mit dem Magistrat die ärztliche Versorgung der Unterstützungsempfänger in die Hand genommen hat, so daß das System der "Wohlfahrtsärzte" ausgeschaltet werden konnte. Auch die Berufsfürsorge für die Arbeitsbehinderten, die bisher von den Hauptfürsorgestellen, den Versorgungsämtern und den Berufsgenossenschaften nach verschiedenartigen Grundsätzen erfolgte, ist nach einer Vereinbarung mit dem städtischen Hauptsozialamt übernommen und einheitlich ausgestaltet worden.

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Die als Notmaßnahme improvisierte und unter den schwierigsten wirtschaftlichen und verwaltungsorganisatorischen Verhältnissen weitergetriebene Vereinheitlichung hat naturgemäß, da sie über alte Rechte, Ansprüche und Sonderheiten einigermaßen diktatorisch hinweggegangen ist – und vielfach wohl auch hinweggehen mußte –, unendlich viel Kritik erfahren. Daß damit der im Kern gesunde und richtige Gedanke der einheitlichen Sozialversicherung diskreditiert worden ist oder doch zum mindesten an Durchschlags- und Werbekraft verloren hat, wird man bedauern müssen. Es ist also bei den künftigen Debatten auseinanderzuhalten, was örtlich und zeitlich bedingte Nachteile des "Berliner Systems" sind, und was an grundsätzlichen Einwendungen gegen die Vereinheitlichung vorzubringen ist Solche Einwendungen wird es vor allem auf dem Gebiet der Krankenversicherung geben, wo wohl eine gewisse Mannigfaltigkeit noch am ehesten Berechtigung hat während alle sonstigen Einrichtungen der Sozialversicherung für eine (wenn auch stark dezentralisierende) Einheit ähnlich wie sie jetzt für Großbritannien neu geschaffen worden ist, "reif" zu sein scheinen.

Eine stark polemisch gehaltene Auseinandersetzung mit dem Vereinheitlichungsgedanken, die gegen jenes Prinzip alle (wirklichen und vermeintlichen) Nachteile der "Berliner Regelung" als Argumente ins Feld führt, verwischt vielfach diese notwendige Unterscheidung und wirkt dadurch wenig beweiskräftig. Der sogenannte "Hamburger Plan", dessen Befürwortung die Kritik am "Berliner System" dienen soll will grundsätzlich Kranken- und Rentenversicherung getrennt bestehen lassen; auch die Angestelltenversicherung soll ihr Eigendasein weiterführen. Nur die Unfallversicherung soll verschwinden, unter Übertragung ihrer Funktionen auf die Krankenversicherung (Heilmaßnahmen), Rentenversicherung (Rentenleistungen) und die Gewerbeaufsicht, zusammen mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Unternehmerverbänden (Unfallverhütung). Von wo aus die Kriegsversehrten betreut werden sollen, wird nicht gesagt. Charakteristisch für den Plan ist daß es den Grundsatz der Freiwilligkeit stark betont, also vor allem die privaten Krankenversicherungen weitgehend einschalten will: Versicherungspflichtigen mit über 300 RM Monatseinkommen soll die Mitgliedschaft dort freigestellt sein. Alle genossenschaftlichen Selbsthilfe-Einrichtungen in der Krankenversicherung will man erhalten. Die bisher von der Rentenversicherung durchgeführte Heilfürsorge wird der Krankenversicherung zugewiesen. Die Betriebs- und Innungskrankenkassen (auch die besonderen Ortskrankenkassen) sollen in genossenschaftliche (freiwillige) Selbsthilfeorganisationen umgewandelt werden; für die Ersatzkassen wird eine solche Umformung freigestellt