Von Walter Henkels

Ein merkwürdig langes Gesicht, eine flache Stirn, vom strengen Kopfhaar überzogen, hohe, kreisförmige Brauen in einer starken Spannung zum Gesicht, das naiv ist, gläubig, einfältig, Ein schmerzvoller Mund. Aus dem Auge rollt eine Träne. Eine ferne Melancholie weht aus ihr, der chmerzreichen Mutter, der Madonna mit den sieben Schwertern, mit der Geißel im Fleisch, der Geißel in der Seele; Sinnbild der sieben Schmerzen, von der Simeon (Lukas 2, 35) sagt: Und auch dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen, In einer dunklen Nische der kleinen Kapelle am Totenmaar in der Eifel steht diese barocke Madonna in ihrer hilflosen Armseligkeit. Eine Madonna mit dem Antlitz einer Eifel-Bäuerin. Sinnbild ihrer herben, melancholischen, einsamen Landschaft, die einst schon vom Kriege gezeichnet war, noch ehe Krieg herrschte, da man diesem .ande die Bunker, Gräben und zementenen Zacken des Westwalls ins Erdreich schlug.

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Die Eifel war immer bekannt dafür, daß es dort Wildschweine gab. Jetzt gibt es deren mehr denn je. Die Wildschweine haben viele Kartoffelacker umgepflügt. Das Schwarzwild muß dick und feist werden, sagen die Bauern finster. Nicht nur auf den Kartoffeläckern haben sie, wie es in der Drtszeitung heißt, ihr Unwesen getrieben. Auch die Roggenäcker, auf denen im vergangenen Jahre Kartoffeln wuchsen, wurden nicht verschont. Mit ihrem Gebrech haben sie wild das Erdreich durchwühlt. Rudel von dreißig, vierzig, fünfzig Stück wurden gezählt. Dem Herrn Pfarrer, erzählt der Sauer, haben sie Tomaten, Kohl und Möhren weggefressen. In einer einzigen Nacht. Zwei Bachen mit zwanzig Frischlingen. Das Kraut liegt welk im Garten. Nur der Tabak und die Sonnenblumen stehen noch unversehrt. Nachts sitzen die Bauern um die Feuer, die sie auf den Feldern anzünden. Auch der Herr Oberförster sitzt dabei und denkt voll Wehmut an den Drilling, den er einst besaß. *

Weitab vom Dorf, wo sich der sogenannte B-Bunker befindet, liegt ein Soldatengrab. Am Bunkereingang hat ein Rotkehlchenpaar sein Nest gehabt. Die Jungen sind längst ausgeflogen. Disteln und Schafgarbe wuchern auf dem Bunkerplateau und machen sich den Rang streitig. Amerikanische Zigarettenschachteln liegen umher. Kein Schuß ist hier gefallen, als Model seine Soldaten in vorbereitete Stellungen, oder wie es sonst hieß, zurücknahm. Diesen einen Soldaten nun fanden die Bauern Wochen später. Vielleicht, hatte der Mann, ein Obergefreiter, freiwillig das Rennen aufgegeben. Er hatte keinerlei Ausweise bei sich, nicht einmal die Blechmarke. Sie begruben ihn, und der Kaplan hatte gesagt, man müsse das Grab etwas pflegen. Das taten die Frauen und Mädchen, wenn sie in die Gemarkungen gingen. In – einem Einmachglas waren immer frische Blumen. An dem Birkenkreuz hängt ein kleines Täfelchen. Es steht so gut wie gar nichts auf diesem Täfelchen. Das heißt, man kann auch sagen, es steht alles darauf: "Hier ruht ein unbekannter deutscher Soldat." Ein Satz, dessen Nüchternheit den ganzen Jammer der Welt in sich schließen müßte. Da liegt er, Gottes Ebenbild, unter seinem armseligen, trostlosen Birkenkreuz. "Mort pour la patrie" steht auf dem Grabmal des Unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe. Wer weiß, fragt Alfred Polgar, ob das stimmt?

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Wir waren gewohnt, den großen Worten zu glauben. Die Chinesische Mauer, der römische Limes, die Metaxas-Linie, die Maginot-Linie waren Kinderspiele gegen den Westwall, den grandiosen. Die Höcker, die Bunker liegen fast alle in einer Sperrzone. Warnungen und Sperrschilder, Stacheldraht, Straßenblockierungen und Minenwarnungen sprechen auch heute noch eine unerbittliche Sprache.