Von Joachim Beck

Die Geschichtsschreibung rechnet mit einer "ausgleichenden historischen Gerechtigkeit", einer vorausgesetzten unbewiesenen Größe. Sie muß es wohl tun. Denn die Begebnisse und Persönlichkeiten, die sie betrachtet – die waren ja! Und weil sie waren, waren sie notwendig, waren sie Schicksal und gut so! Die Geschichtsschreibung reißt sie aus dem Zeitlichen ins Überpersönliche, zu den Sternen empor, die ewig flimmern. Und doch kreisen und rücken auch diese Sterne, unmerklich zunächst, dann wahrnehmbar, wenn wir ganz scharf oder mit Unterbrechungen hinschauen. Es kommt auf die Sicht an, auf die Zeit und auf den Ort, wo wir stehen.

Der Glaube also, daß die Geschichtsschreibung feste Standpunkte im Himmelsraum zuweise, daß sie ausgleiche und objektiviere, ist ein Irrglaube. Alles bewegt, alles verändert sich. Die großen, ~~~~~~ ~~~~~ werden durch ~~~~~~~ nicht anders als die kleinen Trabanten und die verlöschenden Meteore. Mathias Grünewald in der Malerei lag verhüllt, bis ihn der Expressionismus als Stern erster Ordnung erkennen ließ. Ganz ähnlich Greco. Büchners "Wozzeck", vielleicht das feurigste Drama deutscher Zunge, mußte durch einen Theatermann (Max Reinhardt) ins Licht gehoben werden. Johann Sebastian Bach, gewiß eine Sonne am Musikhimmel, blieb lange verborgen, bis ihn Mendelssohn für uns entdeckte. Und Beethoven selbst, der nahe, von allen bemerkte Beethoven, rückte im Kriege erst in seine glänzendste Konstellation.

Oh, man komme nicht mit historischer Einordnung und Wertbestimmung! Es sind nun hundertfünfundfünfzig Jahre vergangen, seitdem man, 1791, Wolfgang Amadeus Mozart ins Grab senkte – und wir, wir Lebenden, tasten noch immer, ihm Platz und Rang anzuweisen.

Sein Leben schon ist ein einziges Mißverständnis gewesen, eine Kurve jäh nach unten. Als Phänomen ohnegleichen beginnt er, angepriesen als "das größte Wunder, dessen die Menschheit sich rühmen kann", und endet nach fünfunddreißig gedrängten, arbeitsschweren Jahren mit Schulden im Massengrab. Dem Wunderkinde lieh die Zeit lüstern Ohr und Zunge. Der schöpferische Künstler befremdet sie recht ärgerlich und immer ärgerlicher. Wie auch nicht? Im Rokoko war die Musik Gesellschaftsmusik, eine Unterhaltung der Adligen, glatte Form ohne Füllung. Daß Johann Sebastian Bach gewesen – man hat es ganz vergessen! Und da kommt nun so ein Virtuos und durchtränkt die Kunst mit Persönlichkeit bis zum Überlaufen!

Mozart schafft die Ausdrucksmusik, die keiner will, und stirbt 1791. Mit der Französischen Revolution reift eine neue Weltlage heran: der Mensch ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ dualität, stellt sein Ich in der Kunst dar, mit seinen Kämpfen, Siegen und Niederlagen. Da hält es die Zeit lieber gleich mit Beethoven, der so viel zackiger und dunklere war als der helle und grade Mozart. Beethoven also hat seinen Vordermann überrannt! Und nun bricht das Jahrhundert der Romantik über Europa an, wo sich der Künstler zerfasert und schmerzlich schwächt, wo er ins Unbewußte und Abgründige hinuntertaucht. Für Wolfgang Amadeus Mozart, den Klassiker, den klarbewußten, triumphalen Gestalter, blieb da wenig Raum! Was tut die Romantik? Sie deutet sein Bild nach ihrem Bilde, verfälscht es absichtslos. Oder sie setzt Mozart zum Vorläufer eines Erfüllen herab, der Beethoven hieß. Als Wagner dann sein "Gesamtkunstwerk" hinzaubert mit allem Psychologismus, Hochaffekt und Theatergenie – da kommt der "Figaro"-Komponist den Leuten schrecklich klein vor!

Es ist eine Kette von Mißverständnissen und Irrtümern. Natürlich, die Musikgeschichte kann einen Mozart nicht einfach ausstreichen. Sie lobt ihn sogar gewaltig. Aber was man lobt, das liebt man nicht; und was man nicht liebt und erlebt! das sollte man auch nicht loben!