Die politische Temperatur Palästinas ist wieder einmal auf dem Siedepunkt angelangt. Seit Monaten wird von einer zunehmenden Anzahl von Terrorakten berichtet, mit denen Araber und jüdische Geheimorganisationen sich bekämpfen. Unterdessen ging unbeirrt die Arbeit der anglo-amerikarischen Palästinakommission weiter, die sich beruhte, einen beiden Völkern gerecht werdenden Ausweg aus der Sackgasse des Palästinaproblems zu finden. Mitten in diese Arbeiten hinein donnerte die Detonation des David-Hotels in Jerusalem, dessen fünfstöckiger Flügel unter seinen zusammenstürzenden Mauern zahlreiche Beamte der britischen Verwaltung, der Militärbehörde sowie auch eine Reihe von Juden unter sich begruben, Bei der Nachforschung nach der Urheberschaft des Attentats liefen die Fäden auf die jüdische Terrororganisation "Irgun Zvai Leumi" hin, der von ihren Rasse- und Glaubensgenossen in aller Welt vorgeworfen wurde, daß sie der jüdischen Sache einen sehr schlechten Dienst erwiesen habe. Drastische Gegenmaßnahmen der britischen Behörden varen die Folge. Ein Fraternitäts-Verbot für britische Truppen gegenüber der jüdischen Bevölkerung beleuchtete die Lage. Technisches Mißgeschick blieb nicht aus, da man, wie der "Spectator" meldet. Hunderte von jüdischen Arbeiter–und Gewerkschaftsführern, die leidenschaftlich gegen den zunehmenden Einfluß der Irgun gekämpft hatten, durch britische Soldaten verhaftete und so wider Willen den Einfluß der gemäßigten Kreise in der jüdischen Bevölkerung beeinträchtigte. Ausgangsverbote der britischen Militärbehörden wurden durch die terroristische Irgun über ihren Geheimsender mit der Aufforderung zur Nichtbeachtung erwidert.

Auf diesem brodelnden Hintergründe erfolgte tun im englischen Unterhaus die Veröffentlichung jenes Palästinaplanes durch Lordpräsident Morrison, der die Vorschläge der englisch-amerikanischen Palästinakommission enthält. Der Ausweg, den die Palästinakommission gewählt hat, ist nun tatsächlich die drastische Folgerung aus der erwiesenen jüdisch-arabischen Unfähigkeit sich zu einigen. Es wird nämlich nunmehr die Bildung von vier ziemlich autonomen Gebieten vorgesehen, von denen eines der jüdischen, eines der arabischen Selbstverwaltung vorbehalten sei. die beiden anderen, nämlich Jerusalem und der Bezirk Negeb, unter Zentralverwaltung stehen sollen. Jede Provinz soll eine gesetzgebende Kammer erhalten, aus deren Mitgliedern die Zentralregierung dann eine Exekutive ernennt. In der Hand der Zentralregierung sollen die Verteidigung, die Außenpolitik, die Zölle und die Steuern liegen. – Einstweilen muß die Möglichkeit, eine aus Juden und Arabern bestehende Zentralregierung aufzurichten, skeptisch beurteilt werden, nachdem von einer Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei beiden Teilen kaum noch die Rede zu sein scheint. Jedenfalls ist es aufschlußreich für die gegeneinander herrschende Abneigung, daß der Generalsekretär der Arabischen Liga die britsche Einladung zu einer gemeinsamen Palästinakonferenz nach London mit der Erklärung beantwortete, die Arabische Liga werde diese Einladung annehmen, wenn jüdische Abgeordnete von der Teilnahme ausgeschlossen würden.

Die Verwirklichung des Palästinaplanes ist von der Hilfe der USA abhängig gemacht worden. Deren Zustimmung liegt noch nicht vor, dagegen sind Stimmen heftiger Ablehnung und Kritik des Planes aus Amerika laut geworden. Es ist daher ungewiß, wie Präsident Truman mit Rücksicht auf die 4 1/2 Millionen amerikanischer Juden sich zu dem Plan stellen wird. Die Kritik der zionistischen Kreise wird durch eine Stellungnahme der Jewish Agency" beleuchtet. Sie bezeichnet das als jüdische Provinz in Aussicht genommene Land als viel zu klein, während die Balfour-Deklaration s. Zt. den Juden das ganze Palästina beiderseits des Jordans versprochen habe. Diesem Einwand begegnet offenbar bereits die Feststellung Churchills im Unterhaus, daß die Erklärung von 1922, an der er selbst mitgewirkt habe, nicht etwa Palästina als jüdische Heimstätte, sondern stets nur eine jüdische Heimstätte in Palästina vorgesehen habe.

v. De.