Zur Eröffnung der Friedenskonferenz in Paris sind die Entwürfe veröffentlicht worden, die von den Außenministern der vier Großmächte in langen, wiederholt unterbrochenen und manchmal scheinbar hoffnungslos verfahrenen Beratungen aufgestellt worden sind. Die ersten Umrisse des künftigen Friedens zeichnen sich. ab. Es wird sicher auf der Konferenz in Paris noch zu Reibungen und Meinungsverschiedenheiten kommen, das läßt sich bei der Anwesenheit von 21 Staaten kaum vermeiden. Die endgültigen Vereinbarungen werden gewiß in manchen Punkten von dem ursprünglichen Entwurf abweichen. Das grundsätzliche Bild des künftigen Europas jedoch dürfte durch die monatelangen Verhandlungen in einem nicht unwesentlichen Teil festliegen.

Deutlich lassen die veröffentlichten Entwürfe erkennen, daß die ehemaligen Verbündeten Deutschlands nach diesem Krieg wieder selbständige Staaten im alten völkerrechtlichen Sinne sein werden. Auch über sie ist die Woge des Krieges hinweggetäuscht, hat Städte und Dörfer erfaßt und niederrissen, hat die Fundamente der sozialen Ordnung unterhöhlt, hat Kronen und Dynastien ins Wanken gebracht und die verantwortlichen Schichten weggespült. Das war nicht anders zu erwarten. Aber das Problem liegt tiefer. Wer in diesen Krieg bewußt und in frevlerischem Leichtsinn hineingegangen ist oder nicht die Kraft fand, den Mächten der Finsternis, der Leidenschaften und der Habgier nach fremdem Gut zu widerstehen, der mußte wissen, daß er sich in ein Abenteuer einließ, dessen Ausgang nur Schrecken sein konnte.

Die führenden Männer beider Seiten haben das ihren Völkern gegenüber immer wieder betont, sei es vielfach auch nur im Bestreben, den Widerstand bis zum Äußersten anzuspornen, die Vernunft auszuschalten und den letzten Mut der Verzweiflung in ihr dunkles Spiel einzubeziehen. Nach dem Krieg würde es nur Überlebende geben, nicht Sieger noch Besiegte, lautete ein Wort, das auf beiden Seiten wiederholt wurde. Das ist der Maßstab, mit dem wir die Ergebnisse von langen Beratungen in Paris messen müssen. Schon heute können wir jedoch den Grundsatz erkennen, daß die fünf Staaten Italien, Finnland, Ungarn, Rumänien und Bulgarien durchaus in der Lage sein werden, ein neues Leben zu beginnen.

Sie erhalten die Möglichkeit, ihre Verteidigung und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung aus eigenen Mitteln zu übernehmen. Gewiß sind die Zahlen der ihnen zugebilligten Wehrmacht nicht so hoch, daß jemals wieder eine Gefährdung des Weltfriedens möglich sein wird, aber das wird im Zeitalter der VereintenNationen und der Atombombe hoffentlich sowieso nicht mehr möglich sein. Die Grenzen werden für manchen Staat eine schwere Enttäuschung darstellen, aber sie werden nach dem allgemein verständlichen Gesichtspunkt der Bevölkerungszugehörigkeit gezogen, mögen auch die Ansichten darüber auf den beiden Seiten der Grenzlinie auseinanderklaffen. Alle Staaten werden hohe Reparationsleistungen aufbringen müssen, aber im Gegensatz zu den Verträgen des Jahres 1919 wird die Zahlung von Anfang an in Sachleistungen festgesetzt, so daß die technische Durchführung gesichert erscheint. Vor allem lesen wir von Terminbegrenzungen auf sieben und acht Jahre, so daß die Völker die Aussicht vor sich haben, nach einer Zeit des Übergangs sich den Weg in die wirtschaftliche Freiheit zu bahnen.

Klar und deutlich tritt uns aus diesen Bestimmungen der Geist der Atlantik-Charta entgegen. Der amerikanische Präsident Truman hat wiederholt versprochen, daß die Vereinigten Staaten dafür sorgen würden, daß die Grundsätze, für die das amerikanische Volk in den Krieg eingetreten ist, auch in der Stunde des Sieges nicht preisgegeben würden, daß der Geist; der aus den Satzungen der Vereinten Nationen spricht, nicht durch Rachegedanken, Habgier oder wirtschaftliche

Unvernunft ertötet – würde. Wenn Nordamerika etwa die Reparationssumme, deren Aufbringung Ungarn auferlegt werden soll, mit 300 Millionen Dollar als zu hoch ansieht, so läßt es sich dabei ausschließlich vom Grundgedanken leiten, daß die wirtschaftliche Lage dieses Landes es technisch unmöglich macht, diese Summe in der angesetzten Frist von acht Jahren aufzubringen, ohne daß die Lebenskraft des ungarischen Volkes vernichtet wird. Die Rücksicht auf die Zukunft allein entscheidet über die Höhe der festzusetzenden Reparationssumme.

Wir wollen nicht alle Meinungsverschiedenheiten, die sich bisher in Paris gezeigt haben, auf entgegengesetzte Auffassungen in bezug auf hohe sittliche Werte zurückführen. Wenn die Angelsachsen darauf bestehen, daß eine freie Wirtschaftspolitik den Ländern des Donauraums, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, zugesichert werde, ja im Friedensvertrag ihnen sogar als Verpflichtung aufwiegt werden soll, so liegt darin die Absicht, zu verhindern, daß eine einzelne Macht, etwa die Sowjetunion, sich eine erdrückende Monopolstellung zu Lasten anderer Großmächte sichert. In der Politik wird es stets besondere Interessen geben, die jeder Staat zu wahren versucht, Der Grundsatz jedoch, auf dem die Entwürfe von Paris aufbauen, heißt, daß auch der Besiegte das Recht zum Leben, zum Arbeiten und auf eine Zukunft behält, in der er sich durch friedliche Anstrengungen Wieder den Platz innerhalb der Gemeinschaft der Völker zurückzuerobern kann, den er einst leichtfertig oder verbrecherisch durch einen Angriff auf seinen Nachbarn preisgegeben hat.