Mit geradezu revolutionärem Elan ist die Bodenreform in der russischen Zone gestartet und ’durchgeführt worden. Das Tempo wurde von der als äußerst dringlich betrachteten politischen Zielsetzung bestimmt; wirtschaftliche Bedenken, an denen es nicht gefehlt hat (sie sind allerdings gutenteils nur hinter den Kulissen des gemeinschaftlichen Beschlusses der Parteien laut geworden), wurden zurückgestellt.

Es scheint aber, daß man sich über die Schwierigkeiten dieser schlagartigen Massenaufsiedlung getäuscht hat. Ursprüngliche Schätzungen für den zu erwartenden Kreditbedarf der Neusiedler glaubten mit 500 RM je Stelle auskommen zu können. Man ging dann im Höchstlimit auf 1000 RM und weiter auf 6000 RM. Diese Summe dürfte aber vielfach noch nicht ausreichend sein, selbst wenn man nicht mit "schwarzem" Erwerb von totem und lebendem Inventar rechnet, wobei etwa für ein Pferd 12 000 bis 16 000 RM zu zahlen sind. Auch im Rahmen der legalen Beschaffung, also der normalen Preise, ist mit einem weit höheren Betrage zu rechnen, wenigstens für die Neusiedler, denen nicht ehemalige Landarbeitergrundstücke oder Teile der Gutsgebäude zur Verfügung gestellt werden können. Das Finanzierungserfordernis wird für sie auf 10 000 bis 15 000 RM veranschlagt, und dies für etwa 200 000 von den insgesamt rund 300 000 Neubauernstellen, woraus man eine Gesamtsumme notwendigen Kredits von fast 3 Milliarden RM errechnet

Daß dieser Betrag nicht mehr durch die sogenannten langfristigen (tatsächlich bestenfalls mittelfristigen) Bankkredite aufgebracht werden kann, liegt auf der Hand. Er geht nicht nur erheblich über die 10 v. H. der Bilanzsumme hinaus, die, nach der militärbehördlichen Verordnung, von den öffentlich-rechtlichen Kreditinstituten für die Bauerndarlehen zur Verfügung zu stellen sind; er dürfte überhaupt die bankwirtschaftliche Kapazität heute wie auf absehbare Zeit übersteigen. Außerdem würden Verzinsung und Amortisation für einen Kredit von beispielsweise 15 000 RM mit zusammen 4 v. H. in der Regel die Leistungsfähigkeit eines bäuerlichen Besitzes von 5 ha übersteigen, und daher würde auch die notwendige bankpolitische Sicherheit fehlen. Der Gedanke, durch öffentliche Garantien eine ausreichende Beleihungsbonität zu schaffen, muß von vornherein abwegig erscheinen. da diese Bürgschaften voraussichtlich zu schnell akute Haushaltsbelastungen großen Stiles bringen würden. Alle Überlegungen drängen dahin, einen Weg wirklich langfristiger Kapitalaufnahme zu suchen, der aber nicht ohne weiteres gegangen werden kann, weil die Bodenreformverordnungen – man erinnert sich unwillkürlich des Erbhofgesetzes – die Verpfändung und dingliche Belastung der Neusiedlerstellen ausdrücklich untersagen. Hier scheint nun die Idee der öffentlichen Hilfe doch ernstlich erwogen zu werden, mit der allein man freilich um die rechtliche Klippe nicht herumkommen dürfte. Auch für eine öffentlich garantierte Emission, die etwa den Namen "Siedleranleihe" tragen könnte, würden ausreichende Sicherungen durch den bäuerlichen Besitz nicht zu entbehren sein, so daß doch wohl eine neue gesetzliche Basis, abweichend von der "erbhofähnlichen" bisherigen Regelung, geschaffen werden müßte. Dazu käme dann weiter wahrscheinlich die Notwendigkeit einer besonderen Verwaltungsorganisation, bei der sich wiederum Reminiszenzen einstellen, nämlich an die Deutsche Siedlungsbank, die Deutsche Rentenbank-Kreditanstalt und andere der ehemaligen öffentlichen Realkreditinstitute, kurzum an die Organisation des landwirtschaftlichen Kredites, die in der russischen Zone durch die Bankenschließung zerschlagen oder stillgelegt worden ist.

Mit der Perspektive einer Wiedererrichtung oder Neuschaffung von Kreditinstituten traditionellen Musters wird der Plan einer Siedleranleihe (vielleicht sollte man im Augenblick besser erst von Gedanken sprechen) Teil eines bemerkenswerten strukturellen Prozesses. Er hat mit der den Kreditinstituten gegebenen Ermächtigung zur Gewährung "langfristiger" Darlehen an Industrie und Landwirtschaft begonnen. Wenn es auch grundsätzlich fehlgeht, hier von einer Kapitalversorgung zu sprechen – selbst ein länger laufender Bankkredit kann niemals echtes Kapital oder selbst nur zulänglicher Kapitalersatz sein –, so wurde hiermit doch erstmals den Notwendigkeiten privater Investitionsfinanzierung wenigstens behelfsweise Rücksicht getragen. Eine zweite Etappe begann mit den verschiedenen Länder- und Provinzialanleihen, mit denen man im (genehmigten, noch nicht voll begebenen) Betrage von etwa einer halben Milliarde RM aus dem bankwirtschaftlichen Organisationskreis heraustritt. Die Zusage einer Sicherung gegen Kursrisiken, von der hier schon die Rede gewesen ist, stellt eine deutliche Konzession an privatkapitalistische Ansprüche der Publikumszeichner dar, bleibt allerdings hinter der Neuetablierung eines – wirklich freien Handels und freie Preisbildung bedingenden – offenen Kapitalmarktes noch weit zurück. Immerhin ist ein erster Schritt in dieser Richtung getan, ohne daß man etwa erwarten könnte, daß in irgendwie absehbarer Zeit eine Wiedereröffnung von Börsen in Aussicht stehe.

Man glaubt offenbar, auch bei einer eventuellen Siedleranleihe mit entsprechenden Behelfskonstruktionen auskommen zu können, obgleich bei dieser wegen der Höhe des veranschlagten Betrages die grundsätzlichen Bedenken wesentlich verstärktes Gewicht gewinnen. Sie könnten selbst unter den derzeitigen Voraussetzungen einer außergewöhnlichen Liquidität, also einer großen Kreditkapazität der Banken, zum praktischen Hindernis für die Durchführung solcher Emissionspläne werden. Insgesamt scheint jedenfalls eine Entwicklung in Fluß gekommen zu sein, die allmählich das Bild der kreditwirtschaftlichen Verhältnisse in der russischen Zone entscheidend umformen dürfte. Die Dinge drängen zu einer klareren Entscheidung im Vergleich zu dem gegenwärtigen "verwaschenen" Zustand einer immer noch, trotz stärker Erweiterung des öffentlichen Bereiches nach privatkapitalistischen Grundsätzen lebenden Wirtschaft, der eine entsprechende Finanzierungsapparatur fehlt. C. Segur