Salzheringe sind, ohne Zweifel, ein leckeres. nahrhaftes und wohlfeiles Essen, aber welche Hausfrau wird nun gleich alle ihre F-Abschnitte in Salzheringen anlegen, wenn sie die Chance gegeben sieht, nächster Tage noch Fische "in anderer Gestalt" einkaufen zu können – also etwa frische Ware, Bücklinge, Matjesheringe, Marinaden oder Fischkonserven, Gibt es aber dann, wider Erwarten, keine anderweitige Belieferung, so ist das Malheur schon geschehen: denn nun ist der Krämer auf den Salzheringen sitzengeblieben, und die Hausfrau jammert über die verfallenen Abschnitte ihrer Lebensmittelkarten. Sie jammert nicht nur; sie schimpft. Das Ergebnis einer solch eingleisigen Belieferungspraxis ist also – vorausgesetzt, daß das Prinzip der "Eingleisigkeit" nicht vorher verkündet wurde – denkbar unerfreulich; das Prinzip der möglichst vielseitigen Belieferung wäre, falls irgend durchführbar, entschieden vorzuziehen.

Gewiß wollen wir den Hering nicht überschätzen. Aber er spielt immerhin, zumal im Binnenlande der Westzonen, wo er vielfach der einzige erhältliche Seefisch ist, als "Eiweißträger" eine gewisse Rolle, die neuerdings an Bedeutung gewonnen hat: weil es ja gerade der ausgesprochene Eiweißmangel ist, der die uns zugebilligte 1000-Kalorien-Ration vom ernährungsphysiologischen Standpunkt aus als vollends unzulänglich erscheinen läßt. Doch darauf soll es im Moment nicht ankommen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Prinzip der "Eingleisigkeit": der Grundsatz, daß die Heringsanlandungen ganz überwiegend als Salzheringe aufbereitet werden und daß nur ganz geringe Mengen an die Betriebe der Fischverarbeitung (Räuchereien und Konservenfabriken) gehen. Zweifellos sprechen für diese Regelung gute Gründe: der Produktionsgang für die Herstellung gesalzener Ware ist einfach, billig, übersichtlich; außer Salz werden keine zusätzlichen Rohstoffe – auch keine Kohlen, kein Holz – verbraucht; die Gefahr, daß Ware beim Weiterverarbeiter "verschoben", das heißt dem regulären Verteilungsprozeß entzogen wird, ist auf ein Mindestmaß reduziert; man spart also auch diffizile Kontrollmaßnahmen. Schließlich entspricht das-Prinzip der "Eingleisigkeit" den Methoden einer quasi militärischen Verwaltung, die möglichst alles schematisch-übersichtlich anordnet und (um im Bilde zu bleiben) sich die Konstruktion von Nebengleisen, Kurven, Weichen und Kreuzungen gern erspart.

Trotzdem möchten wir wünschen, daß das "Zentralamt für Ernährung und Landwirtschaft", wenn es dieser Tage die Exekutivgewalt auf seinem Fachgebiet übernimmt, auch für den "Heringssektor" zu neuen Methoden kommt! die vom absoluten Salzhering wegführen und den Betrieben der verarbeitenden Industrie wieder ihren Rohstoff zubilligen. Wir wünschen das nicht, um die Hausfrauen zufriedenzustellen, nicht, um dem Fischkrämer zu einem reichlicheren Sortiment zu verhelfen, und durchaus nicht etwa im Interesse der Besitzer und der Belegschaften irgendwelcher Verarbeitungsbetriebe, Wir wünschen es, schlicht gesagt. aus Prinzip. Und wir benutzen den Salzhering nur als einen Vorwand, als ein sachlich nicht weiter wichtiges, aber immerhin beweiskräftiges Beispiel, um das Prinzip hinreichend zu verdeutlichen.

Bisher ist bei den Bemühungen, unsere Wirtschaft wieder zum Anlaufen zu bringen, prinzipiell nach der "eingleisigen" Methode verfahren worden. Man hat alle Produktionsumwege sorgfältig vermieden, weil sie Energie und Rohstoffe erfordern. Man hat Mehl importiert anstatt Getreide, und man hat "fertige" Lebensmittel importieren müssen anstatt Rohstoffe für Düngemittel, Rohöl für Traktoren, Ölsaaten für die Margarine- und Ölkuchenherstellung, Futtergetreide, das im Viehstall zu Fett und Eiweiß veredelt werden konnte, weil die Not des Hungern es nicht zuließ, die viele Monate an Zeit erfordernden Produktionsumwege zu gehen. Man hat, aus demselben Grunde, Kohle und Rohholz exportiert, anstatt diese Stoffe zunächst zu hochwertigen Chemikalien und Fertigwaren zu veredeln. (Man will auch jetzt die Ausfuhr von Garnen und Geweben – als "Meterware" – anlaufen lassen, anstatt hochwertige textile Fertigwaren zum Export zu bringen!) Man hat auf der ganzen Linie den Mangel organisiert, die "Powerteh" zum Prinzip erhoben – und man ist nun erstaunt, die Armut als Ergebnis zu sehen, erstaunt, daß die Produktion nicht recht anlaufen will, sondern ganz im Gegenteil (trotz verstärkter Transportleistungen, die als "Silberstreif", als erstes Symptom einer beginnenden Mengenkonjunktur – von unverbesserlichen Optimisten mindestens – angesehen werden könnten) eher ,,ausläuft".

Es liegt deshalb nahe, es nun mit dem umgekehrten Prinzip zu versuchen: also das Einschlagen von Produktionsumwegen zu ermutigen (wenigstens überall da, wo sie nicht gerade viel Kohle kosten), in der Hoffnung, daß es den Unternehmern gelingt, sich die dafür sonst noch erforderlichen Rohmaterialien "heranzutauschen", und in der weiteren Hoffnung, daß im Wege der "Induktion" immer weitere Kreise von Zulieferungsbetrieben zur Erzeugung angeregt werden, während zugleich Abnehmer von (bei der Fabrikation zwangsläufig anfallenden) Nebenprodukten zunehmend immer mehr Ware "in die Hand bekommen". Später wird ja auch die Zeit kommen, in der das "Tauschen" allmählich aufhört und die üblichen "Umwege" der Geld- und Kreditwirtschaft (auch im Verkehr über die Zonen- und Landesgrenzen) wieder funktionieren. Das wird um so eher der Fall sein können, je früher man sich entschließt, die geldwirtschaftlichen Voraussetzungen für das Wiederanläufen der Produktion durch gewisse, hinlänglich diskutierte "einleitende" Maßnahmen auf dem Währungsgebiet zu schaffen; denn so unbestreitbar es ist, daß zunächst gewisse (politische und) wirtschaftliche Voraussetzungen, wie das "Anlaufen der Produktion", gegeben sein müssen, ehe die Währungsreform (Schritt für Schritt, nach Jahr und Tag) endgültig durchzuführen ist, ebenso klar ist es doch allen Einsichtigen, daß die Produktion nicht anlaufen kann und nicht anlaufen wird, ehe nicht dafür gewisse geldwirtschaftliche Voraussetzungen gegeben sind.

Solange man nicht die Energie für die ersten vorbereitenden Schritte auf dem Währungsgebiet aufbringt, werden – wie bisher – starke Energien zwangsläufig in der Organisation der Preisüberwachung und für die Kontrollen der regulären Warenbewegung (also für die Verhinderung eines Versickerns der Ware in "schwarze" Kanäle) gebunden. Daß derartige Kontrollen noch schwieriger als heute durchführbar sind, sobald das Prinzip der "Eingleisigkeit" verlassen wird, ist unbestritten. Daraus ergibt sich aber noch kein durchschlagendes Argument gegen die Abkehr von der bisherigen Methode. Denn das umgekehrte Prinzip zeigt ja, bei etwas genauerer Betrachtung, doch noch weitere Vorteile, die zugunsten der "Produktionsumwege" sprechen. Da ist, um zu unserem Heringsbeispiel zurückzukehren, etwa die Möglichkeit der rationellen Verwertung der Abfälle – zu Fischpasten, Tran, Fischmehl –, die in der Fabrik ohne weiteres gegeben ist, während dieselben Abfälle, sobald die Fische auf dem "eingleisigen" Wege zum Verbraucher kommen, dort völlig unausgewertet bleiben – sie sind dann eben "für die Katz". Da ist ferner das Faktum, daß der Verteuerung, die mit der industriellen Verarbeitung des Rohstoffes "Fisch" zwangsläufig eintritt, eine höhere Haltbarkeit der Ware entspricht; die Verluste durch Verderben sind geringer, und z. T. ist das "veredelte" Produkt auch besser aufgeschlossen, also ernährungsphysiologisch wertvoller.

Weiter darf nicht vergessen werden, daß die Tendenz, seit Jahrzehnten schon, zur "tafelfertigen Ware" geht, die von der Hausfrau gleich auf den Tisch gesetzt werden kann und nicht erst "manipullert" werden muß; z.B. ist das tagelange Wässern und das dann folgende Entgräten der Salzheringe eine "Manipulation", die bei den Verhältnissen, unter denen heute die meisten Hausfrauen arbeiten müssen (mehrere "Parteien" in einer Küche, Mangel an Geschirr!), durchaus als eine Last empfunden werden kann. Es liegt also nahe, die Produktion "tafelfertiger Ware" überall und ganz allgemein zu ermutigen, weil nun einmal der säkulare Trend in dieser Richtung geht Und es wäre töricht, mit dem Einwand zu kommen, daß es der Armut und dem nun einmal für Deutschland zugebilligten niedrigeren Lebensstandard "entsprechend" sei, zu primitiveren Formen der Lebensmittelherstellung zurückzukehren. Es denkt ja beispielsweise kein Mensch heute daran, die Erzeugung von Magerkäse aus den Molkereien fortzunehmen und sie den Hausfrauen zu übertragen – so, wie unsere Großmütter noch "Matte" (Quark) bereitet und zu "Handkäs" verarbeitet haben.