Von H. W. Behm

Jahrhunderte hindurch hat das Werdensgeheimnis um den Erdstern und sein Leben die denkende und forschende Menschheit bewegt. Doch erst dem neunzehnten Jahrhundert blieb es vorbehalten, den Fragen um den Gang der Erdgeschichte, um die Herkunft und die Ausbreitung der Lebensformen und die Stellung des Menschen im All einen bis dahin noch unerreichten naturwissenschaftlichen Ausblick einzuräumen. Dieser gipfelt darin, die heutigen Tier- und Pflanzenarten und selbst das Menschengeschlecht als das vorläufige Endergebnis ständiger Umwandlungen vom Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Spezialisierten zu erkennen und den Menschen für den erdgeschichtlich jüngsten Sproß eines auf Entwicklung und Abstammung beruhenden vielverzweigten Stammbaums des Lebens zu betrachten. Als Ernst Haeckel um die letzte Jahrhundertwende dem Entwicklungsgedanken dogmatische Prägung verlieh und das Kolossalbild eines Werdegangs von der Urzelle bis zum Menschen hin zum ersten Male volkstümlich machte, glaubte er damit die von Lamarck, Darwin oder Huxley entscheidend vorgetragene, in der Folgezeit noch wesentlich vertiefte Abstammungslehre als unumstößliches Erkenntnisgut des Allgemeinwissens formuliert zu haben.

Noch gegenwärtig zehrt die Forschung vom Erbe des verflossenen Jahrhunderts, versucht Lücken darin durch Tatsachen zu schließen und die Brücke vom Menschen der Vorzeit zum Tierreich zu bauen. Wird auch die Entwicklungslehre als solche stillschweigend anerkannt, so stoßen sich doch die Meinungen noch sehr hart in allen Fragen nach den treibenden Kräften beim Gestaltwandel der Erdoberfläche und der möglichen Veränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten. Wiederum mehren sich jetzt die Gelehrtenstimmen, die einen aktualistisch zu bewertenden Gang der Erdgeschichte im Sinne des alten Lyell in Zweifel stellen, die es mit andern Worten für abwegig halten, daß die gegenwärtig zu beobachtenden (d. h. aktuellen) geologischen Kräfte noch jeweils ausgereicht haben, die unterschiedlichen Formationsbilder der Erdvergangenheit, die Großverlagerungen von Festländern und Meeren oder das Auf- und Absinken gewaltiger Gebirge zu bewirken.

Die geologische Durchmusterung der Gesteinsschichtung und Gesteinsbildung läßt erkennen, daß zeitweise Gewalten der inneren Erdkrustenverlagerung, des Vulkanismus und der Beflutung rege waren, denen gegenüber das geologische Kleingeschehen der Gegenwart gerade nur ein Kinderspiel bedeutet. Lange Zeiten einer verhältnismäßigen Erdruhe, wie wir eine solche heute erleben, haben offenbar mit solchen einer sich steigernden Erdunruhe abgewechselt. Wo immer wir auf den erdgeschichtlichen Nachlaß eines solchen Großgeschehens stoßen, erscheint uns das im Geist rekonstruierte Landschaftsbild im Sinne des Heidelberger Geologen Wilhelm Salomon als einmalig gewesen und damit tot, da sich die Bildungsvorgänge seines ursprünglichen Werdens mit der weit schwächeren Dynamik der die Erdoberfläche heute verformenden Kräfte, wie Wasser, Wind, Verwitterung, Erdbeben usw., nicht mehr in Einklang bringen lassen. So prägte denn der genannte Gelehrte auch den Begriff der "Toten Landschaften" und sprach von Gewaltzuckungen oder Paroxysmen, denen der Erdkörper im Verlaufe seiner Jahrmillionen währenden Geschichte zu wiederholten Malen ausgesetzt war. Wohl war das irdische Leben dann jeweils hart bedroht, doch niemals war es dem völligen Untergang geweiht, wie es die Geologenschule des späten achtzehnten Jahrhunderts mit dem Franzosen Cuvier an der Spitze einmal wahrhaben wollte, und die deshalb ihre Katastrophentheorien des Erdgeschehens mit wiederholten Neuschöpfungen des Lebens bedachte.

Bezeichnend genug hatte auch der Altmeister der neueren Geologie, der Wiener Geologe Eduard Suess, am Ende seines mehrbändigen Standardwerkes vom "Antlitz der Erde" zu verstehen gegeben, daß die Einbildungskraft versagt, sich die furchtbaren Verheerungen vorzustellen, die die Erdoberfläche im Bunde mit ausgedehnten Transgressionen oder Überflutungen zweifelsohne heimgesucht haben. So lag es schon nahe, zu alten, vermeintlich längst überlebten Quellen der Überlieferung von Weltbrand und Sintflut, von Heimsuchung und Lebenstragödien zu greifen, das weitere Sagengut um Drachen, Riesen und sonstige Ungeheuer miteinzubeziehen, der mündlichen Überlieferung von Flutsagen usw. bei den Naturvölkern der Erde nachzuspüren und dies alles mit der Erkenntnis und der Problematik der modernen Geologie, der Versteinerungskunde und der Körperbaulehre vorzeitlicher Lebensformen in Vergleich zu stellen. Diesen Weg hat der Münchner Geologe Edgar Dacqué beschritten.

Der Beginn hierzu liegt rund zwanzig Jahre zurück, findet in den Werken "Urwelt, Sage und Menschheit" und "Natur und Seele" seinen ersten Niederschlag, lebt in den "Erdzeitaltern" erneut auf und erfährt einen gewissen Abschluß in ergänzenden Schriften zur Vertiefung des Weltwissens, zur Überwindung des naturwissenschaftlichen Materialismus und zu einer Schicksalskunde der Menschheit. Schon zuvor hatte Dacqué seine Befähigung als Wissenschaftler von hohem Rang unter Beweis gestellt, hatte hervorragende Facharbeiten zur Versteinerungskunde und nicht zuletzt ein erstes grundlegendes "Handbuch der Paläogeographie" (Erdkunde der Vorzeit) herausgebracht. Das nähere Studium des Sagengutes läßt ihn dann bald erkennen, daß sich in ihm zum mindesten Wahrheit und Dichtung die Waage halten. Die Wahrheit kommt allenthalben dem geologischen und dem damit verknüpften Lebensgeschehen nahe, die Dichtung entspricht dem Bemühen des Menschen, die Erlebnisschrecken in das Blickfeld einer ethischen Bewertung von Sünde, Heimsuchung und Strafe zu stellen.

Solange das Menschengeschlecht in einer seinem Entwicklungsstamm entsprechenden Erscheinungsform auf Erden wandelt, ist es zugleich Träger eines Erbgedächtnisses, das schicksalsreiche, von der Umgebung empfangene Eindrücke ungezählte Generationen hindurch zäh bewahrt. Es ist wiederum nur verständlich, daß Einzelheiten dieser Eindrücke im Laufe der Zeiten etwas verwischt und verschoben werden, der wahre Kern aber erhalten bleibt. Allein die Tatsache, daß beispielsweise die Sintflutsage in gegen tausend Variationen bei den verschiedensten Natur- und Kulturvölkern der Erde wiederkehrt, spricht nicht nur für ein der Wirklichkeit entstammendes Ereignis, sondern für eine Großbeflutung der Erde, die einst ausgedehnte Kontinente traf. Auch Altüberlieferungen vom "Großen Wasser", wie sie bei Stämmen des amerikanischen Völkerkreises zu verzeichnen sind, deuten auf Ereignisse hin, die zeitlich gesehen die historische Epoche der Menschheit, ja selbst die Prähistorie noch überragen und die Begebenheiten widerspiegeln. die die Menschheit seit Jahrzehntausenden überhaupt nicht mehr erlebte.