Von Johann Schäfer, Köln

Die Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen kann sich als wesentlicher Beitrag für die endgültige Lösung der Rhein-Ruhr-Frage erweisen. Die jetzt zu einem Land zusammengeschlossenen Gebiete, die infolge ihrer umfangreichen Industrien und ihrer landwirtschaftlichen Bedeutung zahlreiche Austauschmöglichkeiten untereinander bieten und in der Ausfuhr einen wesentlichen Faktor darstellen, sind zugleich ein Rückhalt für einen großen Teil der westlichen Grenzbezirke, die unter den mittelbaren und unmittelbaren Einwirkungen des Krieges ganz besonders gelitten haben. Diese Gebiete sind in den letzten Jahrzehnten kaum noch zur Ruhe gekommen. Erster Weltkrieg, Besatzung, Bau des Westwalls, zweiter Weltkrieg, in dem sie dem Bomben- und Erdkampf mit allen seinen Schrecken ausgesetzt waren, kennzeichnen die großen Leidensstationen dieser Landschaft und ihrer Menschen. Sie haben alles mit einer unendlichen Geduld und einem grenzenlosen Opfermut, aber überwiegend mit einem inneren politischen Widerstreben ertragen; sie erlebten monatelang die Front, wurden zum Teil in alle Winde zerstreut und fanden bei ihrer Rückkehr nur Zerstörungen und Verwüstungen vor. Ihre Habe war zermalmt oder gestohlen. Sie haben ein neues, mühseliges Leben begonnen, von dessen Primitivität man sich in weiten Teilen Deutschlands kaum eine zutreffende Vorstellung machen kann.

Dem Wiederaufbau stellen sich fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Daher sind die Fortschritte gering. Düren, mit seinen 47 000 Einwohnern einst eine der wohlhabendsten Städte in Preußen, wurde am 16. November 1944 durch einen Luftangriff innerhalb von zwanzig Minuten zerstört. Dabei verloren unter erschütternden Umständen ungefähr 8000 Zivilisten und fast ebenso viele Soldaten ihr Leben. Das Bild der einst so fleißigen, industriereichen und kulturfreundlichen Stadt, das sich noch heute dem Besucher bietet, ist besonders grauenvoll und niederdrückend. Die Durchgangsstraßen sind zwar von Schutt befreit, über die anderen Straßen jedoch führen nur schmale, gewundene, hügelige Trampelpfade. Des vielen Toten unter den Trümmern haben die Angehörigen oder Freunde liebevoll kleine Kreuze aus Holz oder Ziegelsteinen errichtet, mit Aufschritten versehen und mit Kränzen and Blumen geschmückt. Der Volksmund spricht von "Gräberstraßen". In Jülich oder Prüm sieht es nicht viel anders, aus. Die großen Städte Aachen und Trier haben durch den Krieg besonders stark gelitten. Die Dörfer, die viele Monate in und zwischen den Fronten lagen, sind vielfach ganz vernichtet oder erheblich zerstört.

Die zurückkehrenden Einwohner zimmern sich Notbehausungen mit primitiven Mittels zurecht. Dabei verfahren sie sehr praktisch und verwenden das wenige Material, das der Krieg zurückgelassen hat, in geschickter Weise; so wurden z.B. Benzinkanister formgerecht zugeschnitten und als Dachziegel gebraucht. Hin und wieder sieht man ein neues Holzhaus nach russischem Vorbild. Auch hier wäre man jetzt – nach über einem Jahr – mit dem Neu- oder Wiederaufbau schon wesentlich weiter, wenn es nicht an den notwendigen Baustoffen aller Art fehlen würde. Die Trümmerhaufen und der Wald liefern Steine und Holz. Mit wem man auch immer in den Dörfern spricht, die Klage über den Mangel an Kalk und Zement ist allgemein; sie wird trotz des starken Willens zur Selbsthilfe mit einer gewissen Resignation vorgebracht Die Bewohner der verwüsteten Dörfer halten sich zunächst in den weniger zerstörten Nachbarortschaften auf, bis sie ihre eigenen Behausungen notdürftig hergerichtet haben.

Es fehlt den Menschen in diesen Gebieten nicht allein an Wohngelegenheiten, sondern vor allem auch an Ställen, Scheunen, landwirtschaftlichem Gerät, insbesondere an Vieh aller Art – und nicht selten an Geld. "Damals", so sagte eine Bauersfrau, "ist unser schönes Vieh weggetrieben worden; was noch in den Dörfern blieb, wurde ein Opfer des Krieges. Wir können aber jetzt nicht Schwarzmarktpreise für eine Kuh bezahlen; mein Mann ist heute wieder einmal in die Stadt gefahren, um zu. sehen, wie es mit der Lieferung von Vieh steht." Bei den unzureichenden Verkehrs- und Informationsmöglichkeiten können sich, die Menschen in den zerstörten Gebieten kaum ausreichend über die allgemeine Lage unterrichten. Da es vielfach noch an Strom fehlt, ist der Anschluß eines Rundfunkgerätes selbst dann nicht möglich, wenn es den Krieg überstanden haben sollte. Zeitungen finden selten den Weg in die durch die Zerstörung der Eisenbahnen noch schwerer als sonst zugänglichen Dörfer. In der Kreisstadt Düren z. B. erschienen früher drei Zeitungen, heute nicht eine, wodurch die gesamte Verwaltungsarbeit ebenfalls, erheblich erschwert wird. Die Schulkinder müssen weite Wege zu Fuß zurücklegen, da in vielen Dörfern die Schulgebäude zerstört sind.

Äcker und Gärten wurden soweit wie möglich wieder bestellt Manches Stück Land jedoch konnte nicht unter den Pflug genommen werden, weil es noch nicht entmint ist, obwohl die gefährliche Arbeit der Minenräumkommandos – unter stänligen Opfern – große Fortschritte gemacht hat Der Gefahr, durch Minen umzukommen, ist der Sauer, auf dem Felde ebenso ausgesetzt wie das im Freien spielende Kind. Trotz allen Warnungen begeben sich die Kinder, in ihrem Spieleifer immer wieder auf Wege, Äcker oder in Waldstücke, die noch nicht von Minen gesäubert sind. Sogar Erwachsene setzen sich der Gefahr aus, obwohl sie Einen bekannt ist. Es gibt in den früheren Hauptkampfgebieten Stellen, an denen noch unbestattete amerikanische und deutsche Soldaten liegen. Sie sind in den Minenfeldern gefallen. Ihre Uhren, Wetgegenstände und Konserven üben auf manche Menschen eine Anziehungskraft aus. Wer will entscheiden, ob in den einzelnen Fällen abenteuerliche Haigier oder bittere Not die Triebfeder sind?

Der Regierungspräsident von Aachen, der besonders unermüdlich für seinen Bezirk wirkt, hatte vor kurzem die Regierungspräsidenten der britischen Zone zu einer Tagung und einer Besichtigungsfahrt durch das notleidende Grenzgebiet eingeladen, um so das Verständnis für die hier so schwierig gelagerten Verhältnisse zu wecken und eine Hilfsaktion einzuleiten. Er schloß seinen Bericht mit den Worten: "Wenn Sie sich selbst von den Zuständen in meinem Bezirk überzeugt haben, dem werden Sie sich sagen, daß wir es allein nicht schaffen können, und ich bitte um Ihre Unterstützung. Wir sind alle Deutsche und haben gemeinsam den Krieg verloren Wir wollen also zusammenhalten und uns wieder ein neues Deutschland bauen."