"Es handelt sich um den abscheulichen Tyrannen von Paraguay, Francisco Solano Lopez (1862-1870), der gleich Hitler von der Wahnidee besessen war, seinem Erdteil eine "neue Ordnung" zu geben, und sich dabei in einen Krieg mit allen seinen Nachbarn verstrickte, in dem im kleinen die heutige Tragödie Deutschlands vorweggenommen wurde. Wir folgen dabei der Darstellung, die Ernst Samhaber in der Deutschen Rundschau (April 1941 gegeben hat, und wir wollen nicht Wut erlassen, vor dem Mut den Hut zu ziehen, den der Verfasser und die Redaktion dieser altehrwürdigen Zeitschrift damals durch die Veröffentlichung bewiesen haben. Wenn einmal gefragt werden wird, wie sich der deutsche Geist gegen den Nationalsozialismus behauptet hat, so wird man nicht zuletzt auf die "Deutsche Rundschau hinweisen müssen."

Diese Worte schrieb Prof. Wilhelm Röpke, von der Universität Genf, 1945 in seinem Buch "Die deutsche Frage", das jetzt mich in englischer Sprache in London erschienen ist. Außer der "Tapferkeit des einzelnen, den nicht Ruhm und Ehre, sondern nur ein stiller, anonymer, wenn auch dankbarer Leserkreis umgab", erscheint uns die Einsicht in die tiefen geschichtlichen Kräfte, die bereits April 1941, also vor Ausbruch des Krieges mit Rußland, das unausweichliche Ende vorausschauen ließ, Anlaß genug, diesen Aufsatz unseren Lesern vorzulegen.

Die Fünfmächtekonferenz in Montevideo zu Beginn des Jahres hat die Blicke der Welt wieder auf den La-Plata-Strom gelenkt, Nordamerika versucht, an seiner Mündung einen Flotten- und Luftstützpunkt zu errichten. Die Anliegerstaaten des mächtigen Stromsystems verlangen dessen Öffnung für den Verkehr, um so wenigstens verkehrstechnisch den Atlantischen Ozean gerückt zu werden. Dabei erinnern wir uns daran, daß die Frage der freien Schiffahrt auf dem La Plata vor mehr als sieben Jahrzehnten bereits heiß umstritten war. Im Paraguay krieg wurden Hunderttausende geopfert, um diese politische Forderung zu verwirklichen. Sobald wir versuchen, in diese geschichtliche Vergangenheit einzudringen, richtet sich vor unseren Augen die Gestalt des damaligen Präsidenten von Paraguay, Francisco Solano Lopez, auf.

Auch von ihm gilt das Wort, daß sein Charakterbild, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, in der geschichtlichen Betrachtung schwankt. Heute, da Wir mehr Abstand gewonnen haben, da wir selbst in einem Ringen um das Dasein unseres Volkes stehen, werden wir auch die Persönlichkeit des Machthabers von Paraguay während des furchtbaren Vernichtungskrieges besser verstehen. Wir werden allerdings gezwungen sein, in die geschichtlichen Bedingungen einzugehen, die seinen Aufstieg, seinen Charakter und damit seinen Tod herbeigeführt haben.

Paraguay, das unter spanischer Herrschaft zum Verwaltungsbezirk des-> Vizekönigs von Buenos Aires gehört hatte, riß sich in den Freiheitskriegen von Argentinien los Unter der Herrschaft des Rechtsanwalts Rodriguez Francia hat es sich zu einem eigenartigen Staatsgebilde entwickelt. In ihm spiegelte sich die spanische Herrschaft der Bürokratie und die Überlieferung des Jesuitenstaates der hundert Jahre vorher im Osten an den beiden Ufern des Uruguayflusses zu hoher Blüte gelangt war Francia regierte sein Land wie ein Patriarch, nicht aus Machttrieb, sondern in Ausübung seiner strengen Grundsätze. Er war ein gerechter, aber zugleich eiserner und unerbittlicher Hausväter. Sein Ideal war die vollkommene Autarkie, die Abschnürung des Landes von jedem Verkehr mit dem Auslande, nicht nur dem wirtschaftlichen, sondern auch jedem geistigen Verkehr. Als Francia im Jahre 1840 im Alter von 83 Jahren starb, ging ein Aufatmen der Erleichterung durch das Land. Nach einigen Jahren des Schwankens übernahm ’Carlos Antonio Lopez die Präsidentschaft. Er öffnete die Grenzen dem Verkehr, er berief Ausländer in das Land, errichtete Schulen und schaltete Paraguay auch wieder in die Fragen der südamerikanischen Politik ein. handel mit dem Bann belegt, so baute Lopez auf ihm die Staatsfinanzen auf, die sich entsprechend großartig entwickelten. Um den Riegel zu sprengen, den die Herrschaft des Diktators Rosas in Argentinien vor den La La-Plata-Strom legte, beteiligte sich Paraguay an den Kriegen, die zur Machtentsetzung von Rosas führten. Dessen Sturz 1852 öffnete Paraguay wieder die Pforten des Weltverkehrs. Es bot sich Lopez die Möglichkeit, seinen Sohn Francisco Solano zu Studienzwecken als Gesandten nach Europa zu senden. Daraus sollten sich tragische Folgen ergeben. Der junge Lopez kam in die anders geartete Welt Europa, er weilte am Hofe des dritten Napoleon, und in seine Seele senkte sich der Wunsch, in Südamerika ebenfalls Geschichte zu machen, wie er das in Europa beobachten konnte. Als sein Vater 1862 starb, übernahm er mit unbezweifelbarer Selbstverständlichkeit die Präsidentschaft. Im Besitz der unbegrenzten Macht, ohne jede Schranke, die offenmütige Kritik und die Notwendigkeit der freien Zustimmung der Beherrschten hätten errichten können, gestützt auf die großen Ersparnisse einer stillen und unheroischen, aber fleißigen und friedlichen Zeit, gedachte er die politischen Bestrebungen Paraguays mit Hilfe der Waffen durchzusetzen. Er glaubte, sein Wille allein genüge, um die Welt aus den Angeln zu heben, und er prüfte nicht, wie die Kräfteverhältnisse in Südamerika wirklich lagen. Im blinden Vertrauen auf die Gewalt der Waffen ließ er sich in eine Politik ein, die sein tragisches Ende und den furchtbaren Niedergang seines Volkes herbeiführen sollte.

Bis zu einem gewissen Grade war die Politik richtig, daß Paraguay alles einsetzen mußte, um den Weg Atlantischen Ozean über den La-Plata-Strom freizuhalten. Es war aber Wahnsinn, diese Politik gegen die vereinigten Kräfte Argentiniens und Brasiliens mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Ein Staat wie Paraguay mit seinen begrenzten Mitteln durfte nur hoffen, daß es den geschichtlich überlieferten Gegensatz zwischen diesen beiden Großmächten benutzen konnte, um seine eigene Freiheit und die Freiheit des Flußweges aufrechtzuerhalten.

Eine solche Politik des klugen Verhandelns und Abwartens lag dem noch jungen Präsidenten von Paraguay nicht. Er wollte sich nicht als Anhängsel einer Großmacht betrachten, sondern selbst als großer Sieger und Schöpfer einer neuen Zeit und einer neuen Ordnung auftreten. Er verachtete die Politiker, sei es die Parlamentarier in Argentinien, sei es die Revolutionäre in Uruguay oder den nach seiner Ansicht verrotteten Feudalstaat Brasilien. Sein geistiger Hochmut, in den er.sich immer mehr hineinsteigerte, vernebelte sein Blick für die überlegenen geistigen und wirtschaftlichen Kräfte, die sich in den Nachbarländern zeigten. Er ließ sich von seiner Umgebung immer mehr in die Rolle des Halbgottes hineinsteigern, die Schmeichelreden und der Weihrauch dauernder Bewunderung versetzten ihn, der von Natur aus zur Selbstüberschätzung neigte, in einen Rauschzustand, der ihn die Welt nicht mehr so sehen ließ, wie sie wirklich war. Im Jahre 1865 kam es zur Katastrophe. In Uruguay, dessen Unabhängigkeit die Staaten Argentinien, Brasilien und Paraguay im Jahre 1859 ausdrücklich festgelegt hatten, erhob sich eine Revolution unter Venancio Flores, der sowohl von Argentinien wie von Brasilien unterstützt wurde. In seiner Not wandte sich Uruguay an Lopez mit der Bitte um Unterstützung, die ihm auch zugesagt wurde. Dabei ließ sich Lopez von der irrigen Meinung leiten, es könne ihm gelingen, das spanisch sprechende Südamerika gegen das portugiesisch sprechende Brasilien fortzureißen und damit dessen Kaiser, den er persönlich haßte, zu demütigen. In seinen Träumen sah Lopez bereits Paraguay zum großen Inlandstaat werden, der die angrenzenden Provinzen Brasiliens übernehmen könnte. Er wollte zuerst die Ordnung in Uruguay wiederherstellen und dann gegen Brasilien ziehen.