Von Erwin Topf

In einer realistischen Betrachtung zur Welt-Getreidelage, die vor gut zwei Monaten hier veröffentlicht wurde, haben wir darauf hingewiesen. daß trotz eines rechnungsmäßigen Defizits von 3.6 Mill. t für die Zeit bis zur Erntebergung (Ende September) kein Grund zum Pessimismus gegeben sei. Hoover und Laguardia waren damals; der Ansicht, daß bis weit in den August hinein die Lage, eben dieses Defizits wegen, "hochkritisch" bleiben würde. Der Anschluß an die neue Ernte ist aber ohne irgendwelche dramatischen Zuspitzungen erreicht worden – dank angespanntester Arbeit vor allem in den USA, die ihre rückständigen Verschiffungen doch noch glatt bewältigt haben, und, was speziell unsere Versorgung angeht, dank der britischen Zufuhren, die mit einem Zusammenschrumpfen der Vorratshaltung in England selbst, von 5.4 Mill. t (alle Lebensmittel zusammengerechnet) Mitte 1945 auf etwa 3,5 Mill. t jetzt, erkauft worden sind. Das Hereinkommen guter Ernten in den südlichen Ländern der nördlichen Halbkugel hat auch ein wenig mitgeholfen. Vor allem aber haben die immer günstiger lautenden Ernteschätzungen für die weiter nördlich liegenden wichtigsten Anbaugebiete, im Verein mit einer gewissen Beruhigung der politischen Lage, das Ihrige dazu getan, um die Nervosität zu mildern, die sich bald nach Jahresanfang überall ausgebreitet hatte, nachdem immer neue Hiobsposten über Dürreschäden in den Ländern der heißen Zone eingelaufen waren und nun ein Wettlauf um die Ergänzung der Vorräte ("für alle Fälle") eingesetzt hatte

Die Hoffnungen, daß es auch im neuen Erntejahr gelingen werde, das Defizit ohne Eintreten einer Katastrophe zu überbrücken, knüpfen wieder an denselben Punkten an, die bei der Diskussion der vergangenen Zeit voranstanden. Die "reichen" Länder werden sich ein wenig einschränken: Großbritannien ist mit der Einführung der Kontingentierung hier bereits vorbildlich gewesen; die "armen" unter den Zuschußländern werden nicht den vollen (theoretisch errechneten) Zuschußbedarf erhalten; sie werden auch zu einem erheblichen Teil an Stelle von Weizen (und Roggen), auf Hafer, Gerste und Mais zurückgreifen müssen Eine Rekordernte an Mais, die in den USA heranreift, wird hier weitgehend helfen können. Vielleicht entschließt man sich auch, die Restriktionen für Brauerei- und Brennerei-Industrie beizubehalten oder hier und da sogar noch zu verschärfen. Dann wird wirklich "Brot für alle" da sein – wenn auch, zu einem Teil, in der Form von Kartoffeln.

Damit sind wir bereits beim deutschen Ernährungsproblem angelangt. Wenn man heute auf die vier "Hungermonate" von April bis Juli zurückblickt. so läßt sich bereits sagen, daß die für diese Zeit erfolgten Rationskürzungen mit all ihren schrecklichen Folgen hätten vermieden werden können, wenn es zu einer Durchführung der Potsdamer Beschlüsse, also zu einer einheitlichen Versorgungspolitik für alle vier Zonen gekommen wäre. Die Durchschnittsration für alle vier Zonen Deutschlands wird im britischen Weißbuch für April bis Juni) mit 1600–1800 Kalorien-angegeben. Da der Normalverbraucher in der britischen Zone in dieser Zeit nicht mehr als 1050 Kalorien erhalten hat, während die Sätze in der französischen Zone bestimmt nicht hoher, in der USA-Zone offiziell gleichfalls nicht wesentlich höher gewesen sind, läßt sich leicht ermessen, selbst unter Berücksichtigung der höheren Rationen für Selbstversorgen und Schwerarbeiter, um wieviel besser die Versorgung in der Sowjetzone gewesen sein muß – trotz der unendlichen Mengen an Kartoffeln, die dort zu Schnaps verbrannt worden sind, trotz der Reparationslieferungen an Fleisch. Butter, Zucker und Kartoffeln, die geleistet werden mußten. Im I. Halbjahr 1946 (für das allein Zahlen über diese Reparationsleistungen vorliegen) ergab sich das folgende Bild (in t):

für die Zone verfügbar / als Reparationen zu liefern

Fleisch 27600 24000

Butter 10900 3600