In meiner Heimat war "Hungerleider" ein arges Schimpfwort. Dicke Bauern saßen dort auf großen Höfen. Die nannten "Hungerleider" jeden kleinen Beamten oder Laden-Kaufmann, jeden Handwerker oder Drehschemelschreiber. Sie nannten auch den Bauern "Hungerleider", der keinen großen Hof hatte oder einmal ihresgleichen gewesen war, seinen Hof aber verloren hatte, mochte er daran schuld oder unschuldig sein. In ihrer Vorstellung waren alle die, die sie "Hungerleider" nannten, völlig unbeachtete Leute, auf die man herabsehen müsse; Bettelvolk, das kein rechtes Lebensrecht habe.

Jetzt sind wir eine große Gemeinschaft von Hungerleidern. In viel wörtlicherem Sinn, als es jene Bauern meinten, müssen wir alle Hunger leiden. Auch die einst dicken Bauern selbst fangen heute an, hohlwangig zu werden. Was ist aus unserer Gastlichkeit geworden, auf die wir von jeher stolz gewesen sind? Hat sie nicht schon Cornelius Tacitus an unseren Altvordern gerühmt, indem er bezeugt: Convictibus et hospitiis non alia gens effusius indulget – kein anderes Volk hat größere Freude an festlicher Tafel und gastlicher Bewirtung; pro fortuna quisque adparatis epulis excipit – nach bestem Vermögen bewirtet jeder seinen Gast an reich besetztem Tisch; notum ignotumque, quantum ad jus hospitii, nemo discernit – bekannt oder unbekannt, das ändert an dem Anspruch auf gastfreie Bewirtung für niemand etwas. Auf alles dies müssen wir bis zu besseren Zeiten verzichten.

Besagt das etwas? – Das würde nur dann verhängnisvoll werden, wenn über dem leiblichen Hunger und bei dem Fortfall der Gastfreundschaft jener andere Hunger verlorenginge, der im Leben des einzelnen und im Leben seines Volkes eine heilige Macht ist. Diesem Hunger hat vor vielen Jahrzehnten Wilhelm Raabe ein Buch, den berühmten "Hungerpastor", gewidmet. Er hat geschildert, was der "echte, wahre Hunger" bedeutet, "was er will und was er vermag; wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an der Welt Ende". Unser aller Hunger ist es, den er darin als eine starke Triebkraft arbeiten und walten läßt. Es ist der Hunger, den wir uns selbst und allen anderen wünschen, der Hunger nach Wissen, nach Können, nach Leisten; der Drang nach Leben und Licht; das Ringen um Werte und Kultur. Wer es biblisch ergänzen mag, wird mit der gewaltigen Bergpredigt hinzufügen: Das Trachten nach dem Reich Gottes, worin alles andere eingeschlossen ist.

Diesen geistigen Hunger wollen wir uns erhalten, auch wenn die bösen Zeiten des leiblichen Hungers überstanden sind. Wer hätte nicht den Wunsch, in diesem Sinne "Hungerleider" zu bleiben! Wer hätte nicht den Wunsch, sich dagegen zu wehren, daß auf ihn die Worte bezogen werden, die Shakespeare seinen Hamlet sprechen läßt:

What is a man,

If bis chief good and market of bis time

Be but to sleep and feed? A beast, no more.