Mehr denn ein Jahrzehnt, in dem man sich in Deutschland viel darauf einbildete, "männlich" und "heldisch" zu sein, hat man unserer Jugend das Werk eines Mannes vorenthalten, der wirklich ein Mann, ein "Kerl" war, obendrein aber einer der hervorragendsten Romanciers der englischen Zunge, eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Weltliteratur und der unübertroffene Dichter des Seelebens. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik, daß Dr. Goebbels die Bücher Conrads in der Versenkung verschwinden ließ, er, der so gern von Helden sprach – oder richtiger: redete. Denn wenige haben es verstanden, Hingabe an eine Idee, bedingungslose Hingabe des ganzen Seins und Überhöhung der eigenen Kraft im Dienste einer Aufgabe mit so unwiderstehlicher Überzeugungsgabe zu schildern wie Joseph Conrad. Allerdings – eine Helden handeln nicht auf Befehl, kein Kommando erzwingt ihre Standhaftigkeit, und wenn sie leiden, dann nicht in Hypnose, in welche die kritiklose Hinnahme eines Dogmas versetzt, sondern unter dem allein menschenwürdigen Zwang der reiwilligkeit. Kurz, die Männlichkeit preisen und Conrad verachten heißt, daß hier eine Lüge am Werke war; auch hier eine Lüge wie überall. Nun gilt es, zumal für die Jugend, den männlichen Conad wiederzufinden.

Keines Künstlers Werk ist von seinem Mensdienchicksal zu trennen. Die Knabenjahre des jungen Theodor Jozef Konrad Korzeniowski seufzen unter dem Druck politischer Tyrannei. Sein Vater, ein polnischer Landbesitzer der Ukraine, teilt das Geschick Dostojewskis, er wird nach Sibirien verlang, dem grenzenlosen KZ des russischen Reiches, (ein Wunder, daß dem Jüngling die Heimat vereidet war. Von Gouvernante und Hauslehrer her war Französisch ihm zweite Muttersprache geworden. Darum wendet er sich – siebzehn Jahre ist er alt – an Freunde in Marseille. Hier erblickt er zum ersten Male jene Zweiheit, unter deren Einfluß sein ganzes ferneres Leben verlaufen sollte: das große blaue Wasser, und darüber vom Heck eines auslaufenden Schiffes winkend ein leuchtend rotes Tuch, die Flagge der britischen Handelsschiffe. So hat er seine Wahlheimat gefunden, den schwankenden Boden, aus dem ihm Unsterblichkeit erblühen sollte. Geheimnisvoll scheint, was aus diesem im Herzen der Steppe geborenen Knaben einen Seemann formt. Er selbst grübelt später den Gründen nach, findet seinen Weg seltsam und meint, gerufen habe ihn vielleicht: "das Murmeln der großen See, das wohl irgendwie meine Wiege tief im Innern des Landes und mein unwissendes Ohr erreicht haben muß, wie jene Formel mohammedanischen Glaubens, die der muselmanische Vater in das Ohr seines neugeborenen Kindes flüstert und es dadurch gleichsam mit seinem ersten Atemzuge zu einem der Gläubigen macht. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Seemann gewesen bin, aber, ich weiß, ich bin ein sehr treuer gewesen."

Seine Schriften bekunden es. Aus ihnen spricht eine große Liebe zum Schiff, die in ihm nicht das tote Werkzeug sieht, sondern ein Wesen, beseelt und voll geheimer Regungen, die Ausdrude eigenen Lebens sind: "Man hat das Gefühl, daß es eine Freude sei, in einer Welt zu leben, in der dieses Geschöpf sein Dasein hat." Sein Schiff ist ihm nicht die Arbeitsstätte, nicht der Devisenbringer, sondern der sturmerprobte Freund, dessen Treue nur mit Treue vergolten werden kann: "Dieser Schiffbruch" – sagt er vom Verlust der "Tremolino", die er auf den Strand setzen mußte, weil das Geschicke es so haben wollte – "lastet auf meiner Seele mit der Furcht und dem Schrecken eines Mordes, mit dem unverzeihlichen Vorwurf, ein lebendiges freies Herz mit einem einzigen Stoß vernichtet zu haben." Wie könnte die Empfindsamkeit eines tapferen Herzens ein schöneres Zeugnis geben! Denn Roheit ist noch niemals Zierde der Männlichkeit gewesen.

Unverkennbar klingt aus Conrad die im Tiefsten wurzelnde Abneigung, die der Seemann – mit seiner Arbeit der Verständigung und der Wohlfahrt der Völker dienend – jedem Kriegsschiff gegenüber in seinem Herzen spürt: "Mit ihren schönen Linien und weißen Segeln sah die Brigg im Mondschein so zart und durchsichtig aus wie eine Sylphe. Das massive, vierschrötige Kanonenboot hingegen mit seinen kurzen, dicken Spieren... warf einen schweren, schwarzen Schatten auf die Wasserstraße zwischen den beiden Schiffen." Und an anderer Stelle zeigt er uns: "ein Kriegsschiff, das weitab vor der Küste vor Anker lag. Es war nicht einmal eine Niederlassung zu sehen, und der Panzerkreuzer beschoß den Urwald. Es lag etwas wie Irrsinn in dem Beginnen..."

Selten hat Künstlerhand Bilder geschaffen, die den Gegensatz zwischen friedvoller Arbeit und brutaler Gewalt, zwischen Natur und Unnatur mit solcher Eindringlichkeit lebendig werden lassen. Nur innerster Überzeugung kann dergleichen gelingen. Und sicherlich liegt hier einer der Gründe, die es verhinderten, daß Conrad, dieser Weltfahrer und Abenteurer mit dem weiten und gerechten Herzen, eben nicht als Vorbild einer tatenfrohen, nach Mannestaten verlangenden Jugend hingestellt wurde.

An Conrad ist viel herumgedeutelt worden. Man nannte seine Schriften "ohne ethische Tendenz". Doch liest man ihn mit Hingabe, findet man ungezählte Textstellen gleich dieser:

"Treue Dienste? Nun, das war selbstverständlich; die leistete man ja schon sich selbst zuliebe – aus Liebe zu dem Beruf, den man gewählt hatte, und nicht um der Belohnung willen. Es liegt etwas Abstoßendes in dem Gedanken an Belohnung. Nur eitlen Menschen ist alles eitel, und nur denen ist alles Wahn, die niemals gegen sich selber aufrichtig gewesen sind."