Von Rolf Trouwborst

Zucht und Maß, Form und Gesetz prägen das Antlitz des Sonetts, und es ist der Geist, der dem lyrischen Gefühl im Sonett ein adliges Gefäß schuf. Und doch klingt es in dem Wort bereits wie von heimlicher Musik. Tönen, klingen heißt denn auch die lateinische Vokabel sonare, von der sich (neben der Sonate) die lyrische Aussageform ableitet, die wir Sonett nennen.

Goethe hat ein – im Charakter freilich mehr epigrammatisches – Sonett über das Sonett geschrieben. Und er hat ein zweites geschrieben: "Natur und Kunst", das nicht zufällig in die Sonettenform gekleidet ist.

"Vergebens werden ungebundne Geister nach der Vollendung reiner Höhe streben..."

Denn "das Gesetz nur kann uns Freiheit geben", Es ist dies Goethes Bekenntnis zum hohen Kunstwerk, zur Bindung des Gefühls an die Form, des Blutes an das Gesetz, zur Vermählung von Natur und Kunst, wie sie das Sonett gebietet. Denn in ihm durchdringen sich Eingebung und Gestalt, und der Adel der Form macht in ihm das Kreatürliche des Lebensgefühls wesenhaft.

Nun hat Goethe, obwohl er eine ganze Reihe von Sonetten schuf, auch gleich eingestanden, daß er sich in die strenge Sonettenform nicht "bequem zu betten" vermochte. Und in der Tat hat das Sonett immer mehr dem südländischen, namentlich dem italienischen Formensinn und zugleich der Musikalität der italienischen Sprache entsprochen als dem eher selber formenschaffenden als sich an feste Bindungen anschließenden nordländischen Kunstgeiste. Shakespeare ist gleichwohl ein unbestrittener Meister des Sonetts geworden. Aber wenn Petrarca sein schmerzliches Lieben, sein sehnsüchtiges Klagen im Sonett gleichsam tönend ausgesprochen hat, so faßte Shakespeare in das Sonett wie in ein Kleinod seine tiefen Weltweisheiten. Gefühl wurde Erkenntnis in dem Maße, wie sich das Einzelerlebnis in das kosmische Wissen steigerte. Das Musikalische läuterte sich ins Geistige, die Form wurde transparent. Shakespeare vermochte es indes zugleich, gerade im Sonett ein Loblied auf seine Muse zu singen, die ihn in die unverwelkliche Schönheit des dichterischen Wortes führte, und vielleicht wird in keinem andern Dichter so offenbar, was vollendet den Zauber und das Wesen des Sonetts ausmacht: die Vermählung des Musisch-Sinnlichen mit dem Geistigen, geläutert in die adlige Form hoher Dichtung.

Italien, ist im übrigen das gelobte Land des Sonetts geblieben, und in den Namen Petrarcas, Dantes, Michelangelos ist es unsterblich. Aber seine Strahlen sind von Zeit zu Zeit wie auf andere Völker, so auch auf manchen deutschen Dichter getroffen, der meist wie Platen oder Rückert in der reinen Form oder wie mancher der Romantiker in dem reichen’ Gefühlsbild des Sonetts den Anreiz zur eigenen Gestaltung finden mochte und es in begnadeter Stunde wie einen kostbaren Sprachleib mit seinem Schöpfungsatem beseelte. Mörike etwa machte es zum Zeugnis tiefer Innerlichkeit. Der späte Rilke vertraute ihm die dunkel flutenden Tiefen seiner großen Ahnungen an. Ein Wortbildner wie er übertrug auch Dichtungen Michelangelos ins Deutsche, und Michelangelo war auch im Sonett ein Meißler und Plastiker des Worts, das er mit religiöser Schönheit erfüllte und vergeistigt in die Form des Sonetts fügte.

So rundet sich von Dichter zu Dichter sinnbildlich der Kreis des Sonetts, vom Alten zum Neuen bis in die Gegenwart, bis etwa zu Reinhold Schneider oder dem jungen Tiroler Josef Leitgeb, der das Sonett mit seinem zwielichtigen, an das Leben hingegebenen, aber schon durch die Form gebändigten Lebensreichtum erfüllt. Es schenkt sich uns in einer Fülle der Gestaltungskräfte, und wir lieben es in dieser Fülle und in seinen hohen, adligen Maßen, und dann deshalb, weil in ihm die Schönheit auf leisen Sohlen geht.