Von Hugo Grüssen

Die intime Eleganz des Grand-Cafés, dessen Namen mit dem Europader Jahrhundertwende verknüpft ist, wie Ibsen, Björnson, Hamsun, Munch, die hier einst Gäste waren, mit seiner Kultur. ist wieder da. Vor den hohen Fenstern promenieren die Studenten mit ihren traditionellen Kappen in Sechserreihen. Gutgekleidete, hochgewachsene blonde Frauen, die in der Stadt zum Einkauf waren, nehmen das Stück "Karl-Johann" zwischen Universität und Storting mit, um zu sehen, um gesehen zu werden. Im Nationalmuseum sind die Gipsabgüsse des Krieges wieder um die Originale bereichert worden, die man aus Kellern und Kisten holte.

Fünf Jahre Besatzung, zweimal Schlachtfeld, 60 000 Obdachlose der Marken Troms und Finnmark, die zerstörten Städte Andalsnes, Molde. Kristiansund in Mittelnorwegen – nein, man hat seine Rechnung bezahlt, und das Parlament beziffert die materiellen Kriegsschäden auf 4838 Millionen Dollar. Die Flotte, einst die viertgrößte der Welt und der nie versiegende Geldspender. ist halbiert. Jahre wird es dauern, bis man den Verlust eingeholt, aber man ist voller Hoffnung. Glückliches Land, in dem die Liebe zur und die Achtung vor der persönlichen Freiheit verhindern, daß Kriegswunden und Zeitschäden unheilbar werden. Bezeichnend hierfür die Behandlung der 50 000 "Belasteten" – im Lande "Quislings" gab es nur 1,1 Prozent "eingetragener Quislinge". Sechs Todes-

urteile wurden bisher ausgesprochen, im übrigen aber faßt man die "Kleinen", die man "Lampenanzünder" nennt, mit Milde. Wer will, kann durch eine geringe Freiheits- oder Geldstrafe seine Vergehen abbüßen ohne langen Prozeß. Es sollen keine Märtyrer und vor allem keine Klasse "Unterdrückter" geschaffen werden. Lächerlichkeit wirkt tödlicher als Haß. Norwegische Weisheit gehört dazu, aus dieser Erkenntnis Lehre ziehen zu können. Wo wäre in der übrigen Welt eine Anzeige möglich, wie sie zuletzt in "Aftenposten" zu lesen war: Junger Mann, Mitglied der N. S. (National Sämling) sucht Arbeit. Gebt ihm eine Chance."

Eine ähnliche leidenschaftslose Realität tritt auch in der gesamten Innenpolitik zutage. Die Regierung der Nationalen Union wurde durch eine sozialistisches Kabinett – mit 76 Sitzen führen die Sozialisten im Parlament – unter dem 49 Jahre alten M. Einar Gerhardten abgelöst Die wesentlichsten Programmpunkte der Regierungspartei, die trotz beachtlicher Mehrheit keine Herrschaftsansprüche geltend macht: Vermeidung der Inflation. Festigung des Marktes und Wiederaufbau, decken sich in der Hauptsache mit den Forderungen der Opposition, die sich aus den Konservatives (25 Sitze), der Volkspartei (6 Sitze), der Bauernpartei (10 Sitze) gebildet hat. Einzige Ausnahme sind die Kommunisten, bei denen das doktrinäre Element stärker spricht Ein Antrag zur Bildung einer Einheitspartei der Arbeiter wurde bisher abgelehnt, doch erklärte Haakon Lie, der Junge Generalsekretär der Sozialisten. Nachfolger des gegenwärtigen Ministerpräsidenten diesem Amt: "Wir sehen keinen Grund, warum es nicht auch in Norwegen zur Bildung einer solchen Partei kommen sollte," In den bisherigen Sitzungen des Parlaments ist dargeworden, daß man um der Sache willen Parteihader und Vereinsmeierei aus dem Hause lassen will. Sehr entscheidend wirkt sich dabei aus, daß diese protestantische Land keine Konfessionsspaltungen in politischer Auswirkung kennt.

Der Wille, den möglichen Vorteil zu wahren und ihn nicht um irgendwelcher ideologischer Liebhabereien willen zu opfern, wird auch in der Außenpolitik immer deutlicher. Außenminister ist M. Lange, der sich seiner Aufgabe getreu der Strukturen, die Jonas Ly als Mitglied der London-Regierung zeichnete, der heute Generalsekretär der Vereinten Nationen ist, entledigt. Sah es anfänglich so aus, als wenn der Block der Oslo-Mächte Wiederaufleben würde – das Treffen der nordischen Außenminister in der norwegischen Hauptstadt und die Abmachungen in Kopenhagen und Stockholm, wirtschaftlich und kulturell ergänzend miteinander zu arbeiten, ließen diese Meinung entstehen –, so ist jetzt ersichtlich, daß Norwegen sich von seinem alten Kurs der "am Rande lebenden Neutralität" abwandte und sich ganz in den Rahmen der Vereinten Nationen einspannt. Einseitige Orientierung vermeidet es und ist bemüht, die Beziehungen zu West und Ost in gleicher Weise zu fördern. "Wir haben keinen Grund, der UdSSR ablehnend gegenüberzustehen", so umriß Außenminister Lange seine Politik, "seit der Annexion der Provinz Finnmarken hat sich die Sowjetunion an alle Abmachungen, die getroffen wurden, gehalten." Die Vertiefung des gegenseitigen Wirtschaftsaustausches sind ein Kennzeichen dieser Auffassung. Daß neben einem Betrag von zehn Millionen Kronen zur Abgeltung der Norwegen im und nach dem Kriege geleisteten Hilfe ein Fonds für fünfjährige Kredite an notleidende Länder in der Höhe von 15 Millionen Kronen bewilligt wurde, verdient darum erwähnt zu werden, weil sich hierin beweist, daß das Land eine Verpflichtung gegenüber der leidenden Menschheit anerkennt Das trat schon in der Rückweisung einer Lebensmittelsendung der UNRRA hervor, die man an schlichter gestellte Völker verteilen ließ.

Hieraus ergibt sich natürlich die Frage nach der wirtschaftlichen Situation des Landes. Nationalisierung wird für opportun gehalten. Erschwerend fällt ins Gewicht, daß die Schlüsselindustrien – wie Aluminium- und Erzgewinnung – in ausländischen Händen sind. Auch die Schiffahrt arbeitet zu einem vorliegenden Teil mit englischem, amerikanischem und französischem Kapital. Transport aber, Elektrizität, Gas, Staatsbank und Forstwirtschaft sind weitgehend verstaatlicht. 1950 hofft man die Produkrionsbasis von 1939 wieder erreicht zu haben. Daß bereits zu Anfang des Jahres in der Industrie die gleiche Höhe wie 1938, in der Landwirtschaft etwa 85 Prozent hiervon geschafft wurde, läßt diese Erwartung als möglich erscheinen. Unter dem Namen "Wiederaufbau" erstand ein gewerkschaftliches Syndikat das zwar lockeren Anschluß zu den Arbeiterparteien unterhält, jedoch unpolitischen Charakter hat Es zählt 400 000 Mitglieder, und seine Hauptanstrengungen zielen nach einer Überwindung der Diskrepanz zwischen den im Laufe des Krieges angeschwollenen Lebenshaltungskosten und den nicht gleichzeitig gestiegenen Lohnverhältnissen. Auch die sozialen Probleme, die hier nicht zum Klassenhaß ausarten, weil man sich durch Lebenshaltung, Sport und die maritime Verknüpfung menschlich zu nahe ist, werden von ihm auf dem Wege zu Lösungen vorangetragen. Eine der Kernschwierigkeiten formt sich aus der geographischen Lage. Die Diskussionen im satten Süden mit Oslo, Stavanger, Bergen und Drontheim stellen sich anders als in dem kargen Nordland, wo Tuberkulose und Armut ihre Heimat haben Die Nöte der Fischer im Norden, die den Reichtum des Meeres dem Lande nutzbar machen und deren Gewinn, verglichen mit den Einkünften der verarbeitenden Industrie, sehr gering bleibt, sind eine dieser brennenden Sorgen. Eine Abordnung aus Svolvaer, die kürzlich nach guter Fangzeit vor dem Storting sprach, prägte erneut das Wort vom "vergessenen Nordland", das, unterstützt durch das Syndikat, eifrige Aufnahme fand und zum Versprechen befriedigender Hilfe führte.