Ohne Recht – das ist ein böses, ein schreckliches Wort! Wer, sollte das besser wissen als wir Deutsche. Keiner, der nicht die langen Jahre der Hitlerherrschaft in unserem Lande gelebt hat, kann ermessen, wie sehr wir darunter gelitten haben, rechtlos zu sein. Wie grauenvoll war es, ohnmächtig zusehen zu müssen, daß man Menschen verschleppte, um sie zu Tode zu quälen, sich nicht wehren zu können, wenn alles, was uns heilig war, mit Füßen getreten wurde, wenn schamlose Buben jede Menschlichkeit verlachten. Niemals konnten wir hinausschreien, was die Herzen marterte, die Brust zusammenpreßte, daß wir zu ersticken glaubten; denn jede öffentliche Meinung war geknebelt, und überall lauerten Schergen, die bis in die verschlossenen Wohnungen hinein das freie Wort belauerten.

Wenn wir ins Ausland fuhren und mit unseren Freunden sprachen, ihnen schilderten, wie wir Sitten, fanden wir zwar persönliches Wohlwollen, aber niemals Verständnis. Hilfe wurde uns geboten, doch nur für uns selber. Man begriff nicht, daß wir zurückfuhren, daß wir nicht auswandern wollten, keiner konnte verstehen, daß wir das Recht suchten in unserem Lande, daß wir hofften, ihm eine Gasse zu brechen durch den Wall der Bedrückung. – Für das Recht sind. hunderttausende Deutsche in Konzentrationslagern zugrunde gegangen, für das Recht ließen die Männer und Frauen vom 20. Juli ihr Leben. Ziellos und wie von Sinnen sind wir oft, verzweifelten Zorn im Herzen, des Nachts durch die Straßen der Städte gelaufen. Und wenn, so sagten wir uns, unsere Häuser in Trümmer sinken müssen, wir wollen es ertragen, wenn nur eines Tages das Recht in Deutschland uneingeschränkt wieder herrschen wird.

Ohne Recht – wir haben es uns in der Stunde der Befreiung geschworen: Dieses Wort darf bei uns niemals wieder gelten. Als die Besatzungsmächte uns das Vertrauen schenkten, einen Teil der Rechtsfindung in unsere eigenen Hände zu legen, da haben wir aufgeatmet. Mußten wir nicht glauben; daß in jedem anständigen Deutschen ein heiliges Feuer glühe, eine verzehrende Sehnsucht, dem Recht wieder zu uneingeschränkter, ja unangefeindeter Geltung zu verhelfen?

Die deutschen Denazifizierungsausschüsse begannen ihre Arbeit. Man war bemüht, ehrenwerte Männer auszusuchen, um sie mit dieser schweren Aufgabe zu betrauen, die so verantwortungsvoll ist wie keine andere heute in Deutschland. Wird hier doch über das Schicksal von Millionen ent-Unschuldigen, sondern auch über das ihrer Eltern, Frauen und Geschwister und über die Zukunft ihrer Kinder, Bald mußten wir an dieser Stelle warnend unsere Stimme erheben, erst allgemein, dann zur Erhärtung in einem besonderen Fall. Das ist uns verdacht worden. Wir haben Briefe erhalten, die uns mit dem Strick und dem Messer bedrohten, ehrliche-Briefe mit vollem Namen und voller Adresse unterschrieben. Wir haben sie still beiseite gelegt und vernichtet. Wir können es verstehen, daß es Menschen gibt, die sich, weil sie sich nicht aussprechen können, aus der Verranntheit ihrer Ideen, aus dem Kummer über zerstörte Ideale, aus dem Gefühl, keinen Ausweg zu finden, in diesen Zeiten des Hungers und des Elends explosiven Gefühlen überlassen. Was wir nicht verstehen können, ist, daß es heute in Deutschland nach so vielen Jahren des Schreckens Männer gibt, die unter dem Schein des Rechts dunkle und eigennützige Ziele verfolgen.

Ohne Recht – das heißt nicht nur, daß man das Recht offen und brutal entthront, – sondern auch, daß man es beugt, daß man sich seiner Vertreter, die nicht allwissend sein können, bedient und ihren gegen Glauben in ach so. fehlbare Institutionen ausnutzt, um dem Unrecht, das man zu hassen vorgibt, Vorschub zu leisten. Wenn dies so geschieht, daß das Vertrauen in eine Einrichtung zerstört wird, die als der Angelpunkt des neuerweckten Rechtsempfindens gelten muß, dann ist es nötig, ein solches Vergehen sofort und rücksichtslos aufzudecken, denn der Schaden, der sonst entstehen wurde, könnte tödlich wirken.

Auf Grund der Aussage eines deutschen Entnazifizierungsausschusses darf Dr. Ernst Samhaber an dieser Stelle, an der unsere Leser, solange unser Blatt besteht, gewohnt sind, seine warmherzigen und unparteiischen Aufsätze zu finden, nicht mehr schreiben. Wir sind über den Verdacht erhaben, hier gegen das Allgemeinwohl in eigener Sache zu streiten. Wir haben bewiesen, daß wir den Kampf, der hier ausgefochten werden muß, uneigennützig und nur um des Rechtes willen geführt haben. Wir sind weit davon entfernt, einen Vorteil daraus zu ziehen, daß uns diese Spalten leichter zur Verfügung stehen als anderen, denen heute Unrecht geschieht. Aber dies ist ein Fall, den wir klar übersehen können. Hier können wir deutlich die Gefahren aufzeigen, die dem Recht in Deutschland heute drohen, und indem wir sie an das volle Licht des Tages bringen, werden wir auch die Mittel finden, sie zu bannen.

Was also ist geschehen? War Dr. Samhaber in der Partei? Hat er etwa mit Hitler schon in frühen Zeiten an einem Tisch gesessen? Ist er mit ihm 1923 zur Feldherrnhalle marschiert? Hat er 1933 an dem Fackelzug. teilgenommen vom Brandenburger Tor zur Reichskanzlei, hat er im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz gestimmt? War er etwa ein SA-Mann, ein SS-Mann, ein Denunziant, ein Antisemit? Oder gehörte er zu jenen kleinen Nazis, auf denen man heute am ungefährdetsten herumtrampeln kann? Nein, es ist allgemein bekannt, daß er all dies nicht war und auch nichts, was dem gleichkommt. Was also wirft man ihm vor?