Salzburg, Anfang August

Vom Domplatz aus wirkt die ehrwürdige Kathedrale von Salzburg unversehrt. Hinter der Fassade hämmert der Lärm des Wiederaufbaues, wird Bombenschutt abgefahren, erheben sich Mauergerüste. Vor dem mächtigen Portal aber sind in diesen Sommertagen andere Bretter zusammengenagelt worden: die Bretter, die seit vielen Jahren im Monat August hier, im Schatten der Hohensalzburg, die Welt bedeuten – die ganze Welt! Auf diesen Brettern, die mehr Podium sind als Bühne, mehr Wirklichkeit als Schein, steht wieder "Jedermann". Nicht mehr Moissi, nicht mehr Paul Hartmann oder Attila Hörbiger, sondern Ewald Balser, der Darsteller Nummer eins des Wiener Burgtheaters. "Durchgang verboten – heute Probe!" sagt ein Zettel unter der Toreinfahrt, die zum Platz des Mysteriums führt. Im Bezirk dieser Theaterarbeit unter freiem Himmel wird nur halblaut gesprochen. Man beschwört zu jeder Minute den Geist Max Reinhardts, dessen Originalregiebuch noch heute auf dem Tischchen des Spielleiters liegt, voll mit handschriftlichen Anmerkungen des Meisters und somit mit einem Stück deutscher Theatergeschichte. Die Probearbeit wurde hier, vor dem Salzburger Dom, immer genau so ernst genommen wie die Aufführung selbst. Einer sagte einmal: "Der ,Jedermann‘ wird bei uns nicht gespielt – wir zelebrieren ihn!" So ist es auch in diesem Festspielsommer, der zurückgewinnen soll, was Salzburg für einige Zeit verloren hatte: den Kontakt mit der Welt, der hier das darf gesagt werden – nie eine Sache des Devisengeschäfts allein, sondern immer vor allem eine Herzensangelegenheit war.

Die "Welt", die auf den primitiven Holzbänken hier auf dem Domplatz der alten deutschen Legende lauscht, die auch heuer wieder drüben im Festspielhaus und in der Felsenreitschule Opern und Theateraufführungen auf hoher Kultur miterlebt, kann nur wenige Abgesandte schicken: Soldaten der amerikanischen Armee, eine Handvoll ausländischer Journalisten und ein Häuflein internationaler Enthusiasten. Manche Salzburger Familie zieht sich immerhin in ihr kleinstes Zimmer zurück, um den Gästen Platz zu machen. Der Speisezettel in den romantischen alten Gaststätten ist allerdings mager, und die Züge rollen selten und langsam über den Arlberg ins Land. Der Leiter der österreichischen Bundestheater-Verwaltung nannte den Rahmen dieser Festspiele 1946 "quantitativ bescheiden" und erweckte schon im voraus keinerlei Hoffnungen auf lukullische Abendmenüs und dickflüssiges Stieglbier.

Aber man ist nie nach Salzburg gekommen, nur, um "gut zu leben". Man kam aus Liebe zu einer der schönsten Städte, die es gibt. Schön aber müssen wir Salzburg auch heute noch nennen. Aus den Trümmern des schwerbeschädigten Bahnhofsviertels führt der Weg über die hölzerne Behelfsstaatsbrücke in das Labyrinth der völlig unversehrten Rokoko-Gassen des Stadtherzens. Die Menschenknäuel auf dem Makartplatz sind dicht wie in den besten Festspieltagen. Der Empfang, der dem Gast bereitet wird, ist also noch glanzvoll genug.

In den Parks und in der Getreidegasse, im Mirabellgarten und auf dem Residenzplatz promenieren die schönsten Frauen Österreichs in auffallend eleganter Sommertoilette. Man munkelt, daß immer noch halb Wien in Salzburg lebe, und hier ist der Schlüssel zum Geheimnis dieser sehenswerten Parade schlanker Mädchenbeine, seidener Dirndlkleider und erstklassig frisierter Lockenköpfe über zarten, braungebrannten, lächelnden Gesichtern. Es lohnt sich immer, Anni Konetzny als Feldmarschallin im "Rosenkavalier" zu hören, Maria Cebotari als Gräfin im "Figaro" zu bewundern – wird man aber von ihnen träumen? Träumen wird man nach diesem Salzburger Sommer von irgendeiner schlankbeinigen Wiener Gretl oder Elfie – auch wenn es nicht gerade die schöne Elfie Mayerhofer ist, die schönste Frau dieses Festspielprogramms. W. F. M.