Die breite und bequeme Fahrstraße, die sich von Hannover aus über den Teutoburger Wald ins Münsterland schwingt, wird bei Bückeburg von Notbrücken unterbrochen, die gewaltigen Träger und in den Grund geborsten: die ersten, wie hinwegfliehenden Anzeichen der Zerstörung. Noch werden sie von den Feldern und mantelartig über die Höhen geworfenen Wäldern aufgesogen. Dann schieben sich die ersten Schornsteine in den Horizont Plötzlich sind sie da. Jetzt rotten sich Städte und Fabriken zusammen. Die warme Erde verdüstert sich in die tote, ausgeleerte, weithin ineinander verzahnte Stadt, die heute eine Seenkette von Trümmern geworden ist: die Ruhr.

Das ist die Wirklichkeit, in der – wie durch ein Wunder – abseits in dem stilleren Bochumer Park die Shakespeare-Gesellschaft ihre Tagung beschließt. Da ist ein Saal ins Theater verwandelt, wie wir es heute überall erleben. Ein Vorhang trennt die Welt des Scheins von der harten Gegenwart, die in den Gesichtern eingegraben ist. Hamlets Geist spukt wie mitten unter den Menschen, die Scheidewand zwischen der Zauberwelt der Bühne und der wirklichen Welt ist behutsam gelöst. Saladin Schmitt läßt – als Regisseur und kundiger Schöpfer ungezählter Shakespeare-Aufführungen – seine Figuren auf dem kleinen Welttheater kommen und gehen: Die Nähe der Ruinen, die Enge, die Dichte der Zuschauer sind wie eine dunkle Mahnung, daß es unser Welttheater ist, und das einzige, was menschliche Erfindung dünkt, ist – der Vorhang. Es hat bedeutendere Hamlet-Aufführungen gegeben, aber es bleibt erstaunlich, was mit den begrenzten Mitteln auf begrenztem Raum erzielt wurde: die Illusion war vollkommen. Uttendörfers Hamlet war aufs jugendliche Ungestüm angelegt, das mit dem Räsonnement nicht fertig wird. Der König Claudius Kaltheuners wirkte wie ein Nolde-Aquarell. Dieser prachtvollen Verworfenheit stand die schöne Maske der Königin Getrude gegenüber, von der ausgezeichneten Leonore Fein verlebendigt. Aber nicht die Einzelleistungen, die plastische Typik der Gestalten gab dem Trauerspiel etwas von dem marionettenhaften Zauber zum Leben erweckter Figurinen, die wieder in ihr Nichts eingehen, aus dem sie der Regisseur gerufen.

Auf der Shakespeare-Gesellschaft ruht die Verantwortung einer großen Vergangenheit, und zumal Bochum hat im Kult Shakespeares seit Eröffnung seines Schauspiels (1919) Außerordentliches geleistet. Die Gesellschaft selbst hat ihren Sitz in Weimar und ist dort auch wieder lizenziert Die Zoneneinteilung legt der kulturellen Zusammenarbeit Schwierigkeiten auf, die, wie der Rechenschaftsbericht ihres Präsidenten und Rechnungsführers gezeigt hat, offenbar von der Gesellschaft gemeistert werden. Man ist dabei, das Jahrbuch wieder herauszugeben. Diese Aufgabe liegt in den Händen von Professor Deutschbein in Marburg, der selbst das Wort ergriffen hatte und in einem profunden, wenn auch wissenschaftlich leicht überladenen Durchblick den eigentümlichen kosmischen Standort Shakespeares herausgearbeitet hatte.

Im persönlichen Gespräch über die Zonen hinweg wurde noch einmal die geistige Welt sichtbar, die mit dem Leben dieser vielverzweigten Gesellschaft so eng verbunden war. Man hatte im Programmheft Gerhart Hauptmann beschworen, der 1927 in Bochum die Shakespeare-Gesellschaft begrüßt hatte: auch er nun unter den Toten, aber geistig lebendig, fortwirkend, mag auch die Jugend einer anderen Lebenssicht und härterer Lebenstiefe zustreben, die der Shakespearischen Dramatik näher denn irgendeine Epoche zuvor kommt.

Egon Vietta