Der Kunstverein in Hamburg hat die Maler und Bildhauer der Stadt zu einer Ausstellung geladen, die zum ersten Male nach dem Kriege ein Bild von dem Schaffen der lebenden Hamburger Künstler gibt. Der Eindruck ist nicht sehr verschieden von dem, den man auch in andern Städten bei gleichen Gelegenheiten haben konnte. Es fehlen wie überall die interessanten Werke jener, die durch das Wirken Hitlers und seiner fanatischen Anhänger ins Ausland getrieben wurden, Werke, die nicht nur erregende Momente innerhalb der Ausstellungen bildeten, sondern die oft auch durch ihre Qualität hervorragten. Es fehlt auch ein durch Begabung (auffallender Nachwuchs. Das ist offenbar eine allgemeine Erscheinung in der Welt, und zwar auf allen Gebieten der Kunst, mit alleiniger Ausnahme vielleicht der Musik. Auch die Exposition des Gravures Francaises. Contemporaines zum Beispiel, die augenblicklich in Berlin gezeigt wird, hat unter vierundsechzig Ausstellen nur vier, die jünger als vierzig Jahre sind, und ihre Werke zeichnen sich dadurch aus, daß sie bemerkenswert uninteressant sind. Man soll daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen, außer vielleicht den, daß junge Talente heute besonderer Förderung bedürfen.

Das allgemeine Niveau der Ausstellung ist, was das malerische und plastische Handwerk betrifft, gut, auch hierin dem anderer Ausstellungen nicht ungleich. Seit der Kampf um die modernen Kunstformen so zu Ende gegangen ist, daß sie heute legitim geworden sind und in manchem schon klassisch wirken, ist so etwas wie eine allgemeine Beruhigung eingetreten. Die neuen Formen und Farbklänge sind bei den Vertretern der modernen Richtung fester Besitz geworden, die so erworbene Ruhe ist einer Steigerung des handwerklichen Könnens zugute gekommen. Das ist nicht ohne Einfluß auf die ältere Schule geblieben. Ohne sich im Stil zu wandeln, haben auch diese Künstler die Qualität ihrer Werke verbessert. So könnte man also im ganzen zufrieden sein? Keineswegs!

Der Eindruck, den der Besucher von dieser Ausstellung mitnimmt, ist – genau wie anderswo auch – der einer müden Leere. Man hätte meinen sollen, daß dreizehn Jahre der Unterdrückung, Jahre des inneren und äußeren Kampfes, die bisher nicht gekannte Schrecken über Europa brachten, Jahre, in denen die deutschen Dörfer verwüstet, die Bewohner vertrieben, die deutschen Städte zertrümmert wurden, einen Eindruck hinterlassen hätten, den man in den Werken unserer Künstler spüren müßte. Nicht, daß wir uns etwa nach Szenen jener Greuel sehnten, daß wir das Entsetzen der Bombennächte und das Wüten der Henker in den Konzentrationslagern oder gar symbolische Darstellungen der Hitlerzeit zu sehen wünschten. Wir sind dankbar dafür, daß man uns aus weiser Zurückhaltung mit solchen Darstellungen, die dem Thema doch nie gerecht werden können, verschont. Nur selten wird es einem Künstler gelingen, bis zu einer Gestaltung vorzudringen, bei der die innere Empörung zu einer überzeugenden künstlerischen Leistung geläutert ist, wie in dem Bild "Frau in Ruinen" von Karl Hofer, das man auf der Großen Deutschen Kunstausstellung im Berliner Zeughaus vor kurzem sehen konnte. Aber wir hatten gehofft, einer Verinnerlichung zu begegnen, einer Vertiefung des Gefühl einer wahren Verbundenheit mit dem Gegenstand der Darstellung, ganz gleich, ob es sich um ein Stilleben, eine Landschaft oder eine figürliche Komposition handelt. Und da sind es nur wenige Werke, die uns hier nicht enttäuschen, aber von ihnen wollen wir sprechen, denn es scheint uns notwendig, deutlich zu sagen, was wir meinen.

Da ist ein Landschaftsbild "Flußbiegung" von Friedrich Ahlers-Hestermann. Es ist mit einem reifen Können des Aufbaus komponiert, das sonst leider fast verloren zu sein scheint; aber wesentlicher ist, daß es eine geistige Auffassung der Landschaft zeigt, die an so große Vorbilder wie Hölderlin erinnert. Das Licht der Nachmittagssonne eines späten Sommertages spielt in kräftigen heißen Farben in den Wipfel der bestrahlten Bäume und Büsche, auf dem Holzgeländer des Brückenstegs und den Häusern und Hügeln der Ferne. Das kühle Wasser des Flusses, die tiefen, feuchten, grünen und bläulichen Schatten der Parkinsel, das kalte Braunviolett des einsamen Weges bilden dazu den beruhigenden Gegensatz. Es ist der Kontrast zwischen der erregenden und erschlaffenden Tageshitze und dem Seelenfrieden des Geborgenseins im Schattendämmer, der hier gestaltet ist ohne Aufdringlichkeit, ohne thematisch lauten Anruf des Beschauers nur mit den Mitteln einer verinnerlichten Malkunst.

Daneben hängt eine andere Landschaft: "Frühling" von Ivo Hauptmann, ein Gemälde im Stil eines späten Impressionismus, im Sinne der großen französischen Tradition, das wieder deutlich zeigt, wie wenig diese Form der Malerei jemals – wie es doch eine gänzlich falsche Kunstauffassung glauben machen will – mit Realismus oder Naturalismus gemein hatte. Die Intensität des Werdens und Blühens, die aus dem Bild spricht, ist erreicht durch ein strahlendes Flimmern blauer, rosa und violetter Töne im Wasser, in der Atmosphäre und in den Häusern, das mit dem jungen Grün der Bäume und Wiesen zu einem hellen Farbklang vereinigt, übersetzt und gesteigert ist.

Auch ein Stilleben kann eine so verinnerlichte Stimmung wiedergeben. Eine kahle Wand, ein Fenster, ein einfacher Holztisch, eine Flasche, ein paar Apfel, ein Korb, ein Tuch, das ist alles, was auf einem Bild von Fritz Flinte zu sehen ist. Aber wie geben diese wenigen simplen und so meisterhaft gemalten Objekte den Eindruck eines kahlen, kalten Ateliers wieder, wieviel verlorene Einsamkeit, wieviel Melancholie, wieviel "cafard" ist in diesem Bild eingefangen.

Von Eduard Bargheer, der immer noch fern von Hamburg in Florenz lebt, ist leider nur ein Aquarell zu sehen, eine Straße auf Ischia. Es ist eine Aussage über Landschaft und Geist Süditaliens in den Formen moderner Malerei. Die gleiche graue, staubige Farbigkeit des Südens liegt über den Ölbäumen und den Hügeln, dem Gestrüpp, zwischen dem sich ein Kirchlein mit antikem Portal erhebt, und über dem Weg, auf dem eine italienische Bäuerin wandelt, nach alter Weise den Korb auf dem Kopf tragend. So sind Atmosphäre, lebendige Historie, landschaftlicher Raum, Vegetation und Volkstum auf einem Blatt glücklich vereint.