Zum ersten Male wieder nach schweren Monaten, die immer neue Rückschläge brachten, können wir in Deutschland neuen Mut fassen. Die Aufstockung der Lebensmittelrationen, die in der laufenden Periode (trotz den Kürzungen an Fett, Fischen und Zucker) mit den beginnenden Kartoffelzuweisungen begonnen hat und in der nun beginnenden Periode wirksam fortgeführt wird, hat sich bereits günstig ausgewirkt. Ein Symptom dafür ist, daß der schwarze Markt, der sich nun wirklich nur an die Tatsachen hält und nicht geneigt ist, irgendwelche Zukunftserwartungen zu eskomptieren, auf dem Gebiete der Lebensmittel eine kräftige Baissetendenz aufweist.

Wirksamer werden auf die Dauer die Antriebskräfte sein, die von der in Angriff genommenen wirtschaftlichen Vereinigung der Westzonen ausgehen. Sir Sholto Douglas hat zu diesem Thema kürzlich gesprochen, und das, was er gesagt hat, wird den vollen Beifall der wirtschaftspolitisch Interessierten in England finden, die in den letzten Monaten eine zähe und intensive Aufklärungsarbeit geleistet haben, mit dem Erfolg, daß sie nun, schneller vielleicht als erwartet, den vollen Durchbruch ihrer Ideen für eine vernünftige Neugestaltung der wirtschaftlichen Dinge in Deutschland kommen sehen. Noch größer wird bei uns, den unmittelbar Betroffenen, die freudige Zustimmung sein können und die Genugtuung, jetzt endlich ein Ziel zu sehen und neuen Mut schöpfen zu können.

Mit aller wünschenswerten Klarheit hat Sir Sholto ein Programm präzisiert. Es kommt darauf an, so führte er aus, den Circulus vitiosus zu durchbrechen, der etwa ganz grob durch die Fakten Kohlenknappheit – Düngerknappheit – Lebensmittelknappheit zu charakterisieren ist. Mehr Lebensmittel sind zunächst zugesagt. Eine bessere Versorgung mit Verbrauchsgütern wird folgen: an Kleidern, Schuhzeug, Haus- und Küchengeräten und Bettzeug vor allem; bisher haben, und auch nur in beschränktem Umfange, lediglich Bergleute, Beamte der Reichsbahn, der Post und der Polizei und gewisse Kategorien von Arbeitern sonstiger "lebenswichtiger Betriebe" (außerdem noch "Displaced Persons") solche Dinge erhalten können. In Kürze wird durch verstärkte Zuweisung der "Grundrohstoffe" Kohle und Stahl die Produktion ermutigt, der Wiederaufbau zerstörter Betriebsstätten gefördert werden; die Vergrößerung des einheitlichen Wirtschaftsgebiets, nach der Zusammenfassung der beiden Zonen, Wird das ihrige dazu helfen. Der nächste Schritt soll dann eine Verbesserung der Unterkunftsverhältnisse sein: der "Wiederaufbau" im engeren, eigentlichen Sinne des Wortes. Das Schlüsselproblem der Kohle, insbesondere ihre Verteilung auf Inlandsverbrauch und Export, wird zurzeit (neben anderen Grundfragen) von einem Ausschuß beraten, der auf Veranlassung des Rates der Außenminister zusammengetreten ist.

Wir stehen also, überall und auf der ganzen Linie, vor wesentlichen Entscheidungen, vor einem erneuten Anfang; wir’sehen neue Ziele, neue Möglichkeiten. Die geduldige Kleinarbeit der letzten Monate, in dem Bemühen, die Unhaltbarkeit der bisherigen wirtschaftlichen Regelungen und Beschlüsse der Besatzungsmächte darzutun – gleichgültig, ob es sich dabei um gemeinsame Aktionen der Alliierten handelte oder um ein isoliertes Vorgehen in den einzelnen Zonen –, ist offenbar nicht vergeblich gewesen. Wir können deshalb hoffen, daß die Hinweise darauf, wo wirtschaftspolitisch anzusetzen wäre, um zu besseren Lösungen und zu gesünderen Verhältnissen zu kommen, nun auch ein gewisses Echo finden und daß eines Tages die Freigabe des Exportes und die Reform der Währungs- und Steuerverhältnisse ebenso zur Diskussion stehen wird wie heute die Frage der Lebensmittel-, Düngemittel- und Kohlenversorgung. G. K.