In letzter Minute sozusagen, nämlich kurz vor der automatischen und unveränderten Erneuerung des Meerengenabkommens von Montreux vom 20. Juli 1936 hat jetzt die Sowjetunion offiziell ihre Forderung erhoben, die nicht nur auf eine Abänderung, sondern auf eine völlige Neugestaltung des Meerengenvertrages hinausläuft. Auf der Potsdamer Konferenz bereits waren die drei Mächte, die USA, England und die Sowjetunion, dahin übereingekommen, getrennt der Türkei Vorschläge für eine Abänderung des Abkommens von Montreux zu unterbreiten. Daraufhin haben die USA durch Byrnes bereits am 8. November 1945 ihre Vorschläge ausgesprochen. Sie forderten freie Durchfahrt fürdie Handelsschiffe aller Nationen. Für Kriegsschiffe sahen sie freie Durchfahrt zu jeder Zeit für die Kriegsschiffe der Uferstaaten des Schwarzen Meeres vor, für die Kriegsschiffe anderer Länder wollten sie die Durchfahrt von der Zustimmung der Schwarzmeer-Staaten oder der UNO abhängig machen. Schließlich forderten sie das Ausscheiden Japans als Signatarmacht des Meerengenabkommens sowie den Ersatz des Völkerbundes durch die UNO.

Gänzlich anders sehen nun die Wünsche der Sowjetunion aus, soweit aus den bisherigen Meldungen darüber ersichtlichist.Rußland fordert nichts Geringeres, als daß die Überwachung der Dardanellen von der Sowjetunion und der Türkei gemeinsam übernommen wird. Darüber hinaus fordert die Sowjetunion einen Stützpunkt in den Dardanellen. Grundsätzlich wünscht die Sowjetunion weiter, die Einzelheiten des Dardanellenregimes als eine ausschließliche Angelegenheit der Schwarzmeer-Staaten, also Rußlands, der Türkei, Rumäniens und Bulgariens betrachtet zu sehen. Das würde eine völlige Ablösung des bisherigen Prinzips bedeuten und bei der machtpolitischen Lage am Schwarzen Meer eine eindeutige bestimmende Rolle Sowjetrußlands selbst dann aufrichten, wenn die Forderung eines Stützpunktes in den Dardanellen nicht erhoben oder nicht bewilligt würde. Die Türkei, die gerade in diesem Jahre auf einen erbitterten publizistischen Kampf mit der Sowjetunion wegen zweier Grenzprovinzen zurückblickt, hat bereits im April in einer Erklärung Saracoglus für den "Daily Telegraph" ihre künftige Stellung in dieser Frage bezogen. Saracoglu stellte fest, daß eine Diskussion über die Dardanellenfrage erst möglich sein werde, wenn Rußland erkläre, daß es keine territorialen oder sonstigen Ansprüche an die Türkei zu erheben habe. Vorbehalt für jede Revision des Meerengenabkommens von Montreux werde es bleiben, daß die türkische Souveränität und Rechtshoheit über die Meerengen nicht beeinträchtigt werde. – Kein Wunder also, wenn schon heute das Echo auf die russischen Forderungen aus der Türkei diese Ansprüche als völlig unannehmbar bezeichnet. Damit ist wieder eine Frage aktuell, die die Orientpolitik so vieler Jahrhunderte beschäftigt hat. Immer haben dabei russische Forderungen im Brennpunkt gestanden, und immer haben sie auf Seiten anderer Großmächte ihre Gegenforderungen gefunden.

Daß Rußland als die einzige an das Schwarze Meer grenzende Großmacht den Drang nach Beherrschung von Bosporus und Dardanellen um so stärker entfalten würde, je mehr sich Odessa zum wichtigsten Hafen des europäischen Rußlands entwickelte und je größer das Interesse am Vorderen Orient wurde, war naheliegend. Ebenso selbstversändlich war die mißtrauische Aufmerksamkeit, die dieses Streben bei den Engländern finden mußte, für die die Unbedrohtheit ihres Seeweges nach Indien und die deshalb ungeschmälerte Beherrschung des Mittelmeeres zu einem vitalen Interesse ihrer Orientpolitik geworden war. Wenn es um die Dardanellen, also um den Ausgang aus dem Schwarzen Meer für Rußland, um den Zugang zum Mittelmeer für England ging, so waren es denn jahrhundertelang in erster Linie Rußland und England, die die diplomatischen und mitunter auch die militärischen Klingen um dieses neuralgischen Punktes willen kreuzten.

Schon ein Brief der Zarin Katharina II. vom 10. September 1782 an Joseph 11, von Habsburg macht einen sehr offenherzigen Vorschlag. Die Zarin schlägt nichts Geringeres als die Aufteilung der Türkei vor. In seiner Antwort erhob Joseph II, die Gegenforderung auf alles: balkanische Gebiet westlich Belgrads einschließlich der Be-

sitzungen Venedigs, das er durch den Peloponnes, Kreta und andere Inseln des Ägäischen Meeres zu entschädigen vorschlug. Die Verhandlungen zerschlugen sich, und Rußland wartete auf seine hächste Chance. Sie bot sich bald genug, als Napoleon mit seinem Angriff auf Ägypten in das Osmanische Reich eindrang. Am 23. Dezember 1798 vermochte es Rußland, die Türkei zum Abschluß eines Vertrages zu bewegen, in dem gegen eine russische Schutzgarantie die freie Durchfahrt der russischen Kriegsflotte durch die Dardanellen zugestanden wurde. Die 1805 vollzogene Erneuerung dieses Vertrages brachte sogar den Ausschluß jeder dritten Kriegsflotte vom Durchfahrtsrecht. Am 19. Februar 1807 muß sogar eine britische Flottille unverrichteterdinge umkehren.Aber England war nicht untätig geblieben. Das

Schwergewicht der Einflüsse in Konstantinopel verlagerte sich bald wieder zu Englands Gunsten, und der britisch-türkische Bündnisvertrag vom 5. Januar 1809 öffnet die Meerengen für die englische – flotte und sperrt den "Kanal von Konstantinopel" für die Russen. Dieser Zustand wird auch im frieden vonAdrianopel trotz des russischen Sieges über die Türkei aufrechterhalten. Erst im russisch-türkischen Vertrag von Hunkjar-Skelesi vom 8. Juli 1833 werden die Meerengen für die Kriegsschiffe aller Nationen gesperrt, während Bosporus und Marmara-Meer für die Russen wieder geöffnet werden. Englands Forderung auf ‚Sperrung der Meerengen für die Kriegsschiffe aller Nationen für ewige Zeiten als ein Prinzip des öffentlichen europäischen Rechts" setzte sich zwar durch im Londoner Viermächte-Vertrag vom 12. Juli 1841, wurde aber von den Engländern selbst während des Krimkrieges beiseite geschoben, als de gemeinsam mit den Franzosen mit ihrer Flotte die das Schwarze Meer eindrangen. Der Friede von Paris, der den Krimkrieg beendete, brachte mit der Entmilitarisierung der Schwarzmeerküsten für Rußland einen herben Rückschlag. Kein Wunder also, daß Zar Alexander II. die sich während des Deutsch-Französischen Krieges bietende Gelegenheit benutzte und am 30. Oktober 1870 diesen Vertrag kündigte, da er "die Sicherheit Rußlands von einer Fiktion abhängig mache, die die Zeitprobe nicht überstanden habe". Die Londoner Pontuskonferenz brachte Rußland denn auch wieder das Recht aufUnterhaltung einer Schwarzmeerflotte, aber Gladstone setzte es durch, daß die Meerengen ihr gesperrt blieben. Auch der Berliner Kongreß brachte hierin keine Änderung; allerdings gab Lord Salisbury zu Protokoll, daß sich "England hinsichtlich der Schließung auf eine Verpflichtung gegenüber dem Sultan beschränke". Dieser Zustand bestand bis zum ersten Weltkriege. Er wurde für die Russen besonders fühlbar, als sich während des Russisch-Japanischen Krieges von 1904/1906 die Türkei weigerte, die Durchfahrt der russischen Schwarzmeerflotte durch die Dardanellen zuzulassen.

Der Weltkrieg bot den Russen eine neue diplomatische Chance. Sassonow überreichte 1915 die russische Forderung, den Bosporus und die Dardanellen als "russisches Interessengebiet" zu erklären. Unter dem Druck der Verhältnisse stimmten die übrigen Ententemächte zu, wobei England allerdings den interessanten Vorbehalt machte, daß Rußland jenes Gebiet Persiens, das im russisch-englischen Vertrag von 1907 als "neutrale Zone" erklärt worden war, nunmehr als zum britischen Interessengebiet gehörig betrachten müsse. Wie geeilt die Empfindungen Englands waren und wie sehr der alte Interessengegensatz an den Dardanellen nach wie vor galt, ging aus dem Eingeständnis des britischen Außenministers Grey hervor, daß der blutige Angriff der Engländer auf Gallipoli im Jahre 1915 "nur dazu beitrage, die Beziehungen zu Rußland zu verschlechtern".

Der Friedensvertrag von Sèvres vom 10. August 1920 erklärte Bosporus und Dardanellen, mit Ausnahme des Stadtgebietes von Konstantinopel" zur Internationalen Zone. Im Vertrage von Lausanne mußte 1923 die Türkei darin einwilligen, daß diese Zone auch nach ihrer Rückkehr unter die Souveränität der Türkei entmilitarisiert, unbefestigt und einer aus Frankreich, England, Italien und Japan bestehenden Militärkommission unterkommission von acht Staaten unter Vorsitz der Türkei sollte über die freie Durchfahrt aller Schiffe in Kriegs- und Friedenszeiten wachen. Erst als die Türkei sich bereit erklärt hatte, die Sanktionen gegen Italien im Jahre 1936 mitzumachen und insbesondere die Durchfuhr des Ölnachschubs zuunterbinden, wurde im April 1936 der offizielle Antrag der Türkei auf Aufhebung der Militärklauseln für die Meerengen zugelassen. Es kam am 20. Juli 1936 zum Abschluß des Vertrages von Montreux, der die Militärklauseln aufhebt und hinsichtlich der Durchfahrt folgende Bestimmungen trifft: Handelsschiffe aller Nationen haben im Frieden freie Durchfahrt. Im Kriege nur dann, wenn die Türkei selbst neutral ist. Gehört sie zu den Kriegführenden, so haben die Handelsschiffe die Verpflichtung, die Feinde der Türkei nicht zu unterstützen. Auch muß ihre Durchfahrt bei Tage und auf dem durch die türkischen Behörden vorgeschriebenen Wege erfolgen. Für Kriegschiffe bestand im Frieden freie Durchfahrt für leichte Überwasserschiffe, kleine Kampfschiffe und Hilfsschiffe, wenn die Türkei wenigstens eine Woche vorher verständigt worden war. Genaue Tonnage-Begrenzungen waren angegegen und waren abhängig von der ebenfalls genau begrenzten Gesamttonnage der Kriegsflotten, die die Uferstaaten des Schwarzen Meeres selbst in diesem unterhalten durften. Für U-Boote gab es ein Durchfahrtsrecht nur für solche der Uferstaaten, und zwar für Boote einer bestimmten Kategorie. Im Kriege galt für die Kriegsschiffe der Neutralen dasselbe wie im Frieden. Kriegsschiffen der kriegführenden Mächte war die Durchfahrt verboten, außer bei Durchführung bestimmter Völkerbundssanktionen gegen einen Angreifer, wenn die Türkei selbst zu ihnen verpflichtet war.

Es ist selbstverständlich, daß sich auch im letzten Kriege um die Durchfahrt ein zäher Kampf abgespielt hat. Er endete erst im Januar 1945, als die Türkei für alle Schiffe der Alliierten die Durchfahrt freigab. Damals stand die deutsche Front bereits in Ungarn, und die Dringlichkeit der alliierten Durchfahrt durch die Meerengen war erheblich vermindert.

Erörterungen und Entscheidungen des Meerengenproblems vollziehen sich heute auf einer anderen Ebene und unter anderen Gesichtspunkten als in der Vergangenheit. Die sowjetische Forderung auf Neugestaltung des Vertrages von Montreux trifft heute auf Geist und Gesetz der UNO. An Stelle von macht- und militärpolitischen Beweggründen, die die früheren Äuseinandersetzungen beherrschten, werden Vernunft und Gerechtigkeit, die das Statut der Vereinten Nationen beseelen, auch für diesen schwierigen Fall die Lösung zu finden haben. H. A. v. De.