Jede Zeit hat die Erfindungen, die sie braucht. Jede Erfindung aber braucht auch die Zeit, in der sie wirken kann. – Um das Jahr 1770 schrieb Jakob Christian Schäffer, Superintendent in Regensburg und bedeutender Naturforscher, seine "Anweisung, Papier aus pflanzlichen Stoffen aller Art" herzustellen. Es sind mehrere Bändchen, handlich in Leder mit Goldschnitt gebunden, die viele Proben von Papier enthalten, das aus Ahornblättern, aus Grashalmen, aus Reisig aller Art und zarten Hölzern hergestellt war. Aber wie so viele andere, verschwand dieses Werk in den Bibliotheken. Dafür lehrt und hört man überall, daß Keller, und zwar im Jahre 1842, die Methode "erfand", Papier aus Holz herzustellen. Diese Erfindung machte tatsächlich erst die Entwicklung zur modernen Massenpresse, zum Volksbuch und zu jener riesigen Papierflut der geistigen Manifestationen unseres Jahrhunderts frei.

Wie aber kommt es, daß bei einem doch "so nahen Vorgang", der nicht im Schatten der Jahrtausende verschwunden ist, jener Regensburger Theologe nie als Erfinder genannt wird, obgleich sein Werk in einer wundervollen Systematik und Klarheit ein Problem gelöst hat, das erst siebzig Jahre später noch einmal nach vielen Anläufen gelöst werden mußte? Man wittert Erfindertragik, sucht ein persönliches Schicksal zu ergründen. Indessen: Schäffer war bis an sein Ende ein glücklicher und überall geschätzter Mann. Schäffer? Erfindung war nur zu früh entstanden, die Zeit hatte noch kein Bedürfnis nach mehr Papier, als es damals die Lumpen hergaben, oder vielmehr: dieses Bedürfnis war noch nicht so groß geworden, daß man es riskiert hätte, diese Erfindung ins Praktisch-Technische und Wirtschaftliche zu übersetzen. Die Zeit war noch nicht reif.

Es gibt natürlich für die großen Erfindungen keine Regeln. Ein Gedanke ist eben da, zündet, ändert oder versinkt in Vergessenheit. Gutenbergs Einfall, den bis dahin üblichen Druck mit geschnitzten Platten dadurch zu reformieren, daß er die bewegliche Letter, den für alle Wortzusammenstellungen austauschbaren Buchstaben, einführte, gab seiner Zeit ein neues Antlitz. Noch heute ist auch hier der Streit um den eigentlichen Erfnder der Buchdruckerkunst nicht entschieden. Aber ist das so wichtig? Hätte Gutenberg diese Erfindung nicht gemacht, so wäre ein paar Jahre später wohl auch ein anderer auf den Gedanken gekommen, denn "er lag in der Luft", weil die Bildung im Begriffe war, aus den engen Klöstern ins Weite zu dringen.

Deutlich zeigt, was gemeint ist, auch die Diplizität der Erfindungen. Große Erfindungen wurden vielfach von verschiedenen gleichzeitig gemacht, ohne daß sie voneinander Ahnung hatten. Wenn nachher Streit um den Ruhm des "Ersten" entstand, wird man selten noch den "eigentlichen" Erfinder exakt feststellen können. Man denke etwa an das Telephon des Deutschen Reiß und des Amerikaners Bell; den Film nehmen sowohl Max Skladanowski als auch Edison für sich in Anspruch. Die Elektronenröhre ist nahezu gleichzeitig von Robert von Lieben und von Lee de Forest konstruiert worden. Die Zeit verlangte, was mehrere nebeneinander fanden. Sie kamen den Bedürfnissen, die sich ihnen aufdrängten, entgegen.

Sicherlich ist die Epoche der neuartigen und großen Erfindungen noch keineswegs vorbei. Denken wir nur an den geradezu märchenhaften Aufstieg des Rundfunks. Nach langen physikalischen und technischen Versuchen hat man die Möglichkeit gefunden, mit Hilfe der elektrischen Wellen Kontinente zu überbrücken. Der Rundfunk aber wurde zunächst – was heute merkwürdig anmutet – deshalb mit einiger Skepsis betrachtet, weil er nicht nur einen Sender und einen Empfänger miteinander verband, sondern auch beliebig viele zuhören ließ. Im Krieg machte sich das besonders peinlich bemerkbar. Wie schwer und wie einfach war dann auch hier der "zündende" Gedanke, der gerade diese Eigenschaft der Finkübertragung auszunutzen und darauf etwas spezifisch Neues zu schaffen verstand; Bredow hatte diese Idee der Entwicklung des Funks zum Rundfunk schon 1912. Er blieb damals unausgeführt, weil die Öffentlichkeit noch kaum interessiert war.

Wie aber hat sich alles innerhalb weniger Jane gewandelt, als 1923 der deutsche Rundfunk entstand! In Amerika war die Idee zuerst in die Praxis umgesetzt worden. Zunächst lachte man sowohl über Amerika wie über die Phantasten, die den Rundfunk auch für Deutschland propagieren. Als aber einmal die ersten Apparate auf den Markt kamen, waren in jeder Stadt bald zwei, dann zehn, dann hundert Hören mit Apparaten allerdings, die noch unglaublich roh gebaut und schwierig zu bedienen waren. Und nun jagte eine Erfindung die andere. Das Publikum gab geradezu an, was erfunden werden sollte. Tausende von Bastlern, nicht etwa nur Großkonzerne, entwickelten in emsiger Arbeit das moderne Radiogerät. Wer aber hat den ganzen Rundfunk "erfunden"? Darf man nicht wirklich sagen: Es war die Zeit!

Nun ist kein Zweifel, daß die bedeutsamste Irfindung unserer Tage den neuen Kräften der Atomenergie gilt. Schreit die Zeit der Zerstörung nach letztem Chaos? Soll die Atombombe der letzte Trumpf dieses Jahrhunderts sein, das Nietzsche als das klassische Jahrhundert der Kriege prophezeite? Oder sollte – wie wir alle es hoffen – die fast allgewaltige Atomkraft bestimmt sein, auf den Trümmern der versunkenen Zeit eine neue abzubauen?