Schon mit diesem Titel ist ein tragisches Verhältnis angedeutet. Deutschland und die Demokratie haben seit langer Zeit in sehr eigentümlichen und von der Oberfläche her kaum zu beurteilenden Beziehungen gestanden, die man weder leichthin als gegenseitige Ablehnung noch als Haßliebe charakterisieren kann — ab offene Zuneigung aber ganz gewiß nicht.

Es wäre ebensosehr ein Unrecht wie ein geschichtlicher Irrtum, wenn man behaupten wollte, das deutsche Volk besitze keinerlei demokratische Traditionen und sei in sich undemokratisch. Die gewaltige imd in shrem geistigen Ursprung sehr tief reichende Bewegung der Bauernkriege war ein imposanter Versuch, die Geschicke Deutschlands an der Schwelle der geschichtlichen Neuzeit nach demokratischen Gesichtspunkten zu meistern. Das Ideengut der Heilbronner Reichsreform, dem politischen Kraftzentrum des Bauernkrieges, besitzt auch heute noch in vielen Teilen eine überraschende Aktualität. Die großen deutschen Repräsentanten < des Aufklärungszeitalters und der Klassik sind keineswegs solche weltfremden und politisch unwissenden, nur einer idealisierten Ästhetik zugewendeten Geistesheroen gewesen, wie eine einseitige und oft polemisch mißbrauchte Überlieferung sie darstellt. Es gibt genug Zeugnisse von Lessing, Goethe und Schiller, aber auch von Wieland (man denke nur an seinen unübertrefflichen "Goldenen Spiegel") und vor allem von Herder, die beweisen, daß diese Männer nicht nur von dem wirklichkeitsfremden Ideal einer weltbürgerlichen Gelehrtenrepublik träumten, sondern auch einen gesundes und oft erstaunlich präzis formulierten Instinkt für staatsbürgerliche und politische Freiheit besaßen. Die Versuche, in der "Reaktionsgeneration" nach den Freiheitskriegen bis zur Revolution von 1848 der errungenen äußeren Unabhängigkeit auch ein inneres demokratisches und fortschrittliches Gesetz zu geben, sind zwar im ganzen bei ihrer lokalen Vereinzelung und mangelnden revolutionären Konsequenz von einem gewissen tragikomischen Hauch umwittert; man wird aber nicht verkennen dürfen, daß wir auch in dieser Zeit hier und da einer Mannhaftigkeit des Charakters und einer Klarheit der Konzeption begegnen, die von ihrem elementaren Charakter nichts einbüßt, auch wenn ihr eine größere und wahrhaft entscheidende Resonanz in der Mitwelt versagt blieb. Kein unvoreingenommener Geschichtsbetrachter kann beispielsweise an der Standhaftigkeit der sieben Göttinger Universitätsprofessoren vorbeigehen oder die menschliche Würde Ludwig Uhlands bagatellisieren, mit der er eine Ordensdekorierung durch den halb feudalen Absolutismus der Zeit nach 1848 beharrlich zurückwies. Nach 1848 sind die demokratischen Tendenzen vor allem durch das Bestreben gekennzeichnet, dem durch sozialistische Impulse erweiterten demokratischen Gedanken eine durch ihren politischen Anspruch gtformte und selbstbewußte Masse von Kämpfern zu sichern. Gerade hierin wird für alle Zeiten das unschätzbare geschichtliche Verdienst der deutschen Arbeiterklasse bestehen, mag man zu ihrem politischen Ziel stehen wie man will.

Allen diesen durch die Jahrhunderte verfolgbaren Versuchen und Ansätzen ist das Versagen an dem kritischen Wendepunkt eigentümlich, der den Übergang vom Plan zur Tat, von der Idee zur Verwirklichung kennzeichnet. Ja, man muß sogar feststellen, daß der Gedanke der Demokratie in Deutschland mit Ausnahme der Arbeiterbewegung niemals von typenbildender Kraft gewesen ist. Bis auf die Arbeiterbewegung haben alle demokratischen Strömungen in Deutschland allmählich eine Wandlung von links nach rechts, von der revolutionären Dynamik bis zum statischen Prinzip des Konservatismus, selbst bis zum Gegenpol der Reaktion vollzogen. Die deutsche Demokratie hatte immer — sogar in der Weimarer Republik — die eigentlich treibende und gestaltende Staatsmacht gegen sich, sie ist nie selbst zur Staatsmacht geworden.

Dreimal freilich hat in der deutschen Gesdüchte das demokratische Prinzip herhalten müssen, um den Zusammenbruch eines überalterten oder bankerotten totalitären Systems überwinden zu helfen. Zweimal erwies sich das demokratische Prinzip lediglich als Steigbügelhalter einer um so massiveren Reaktion. Ob es ein drittes Mal den gleichen verhängnisvollen Weg gehen oder ob es sich kräftig genug erweisen wird, die heimtückischen Bestrebungen der Reaktion rechtzeitig zum Tode zu verurteilen, das wird endgültig über Deutschlands Zukunft oder seinen Untergang entscheiden. Nach dem Fiasko des preußischen Absolutismus auf den Schlachtfeldern von Jena, Preußisch Eylau und Friedland von 18O6 bis ISO? begriff sogar der unbegabteste und einsichtsloseste aller preußischen Könige, Friedrich Wilhelm HL, daß er den vor kurzem ebenso schmählich wie taktlos verjagten "widerspenstigen, ungehorsamen und trotzigen Staatsdiener" Freiherrn v. Stein für die Reformen m den Neuaufbau des gleichen preußischen Staates nicht entbehren konnte. Er war ihm für die Feststellung des Fallissements genau so unentbehrlich wie für die neue Eröffnungsbilanz. Für die weitgesteckten Ziele und Pläne des gleichen Staatsmannes, der die Ansätze von 1807 und 1808 nach der Beseitigung Napoleons im gesamtdeutschen Rahmen weiterzuentwidceln gedachte, bewies der Wiener Kongreß kein Verständnis. Sechzehn Jahre später ist der Freiherr v. Stein, seiner politischen Verantwortung entkleidet und vorwiegend nur noch mit wissenschaftlichen und philisophiscfaen Aufgaben beschäftigt, in grollender Vereinsamung gestorben.

Als im Herbst 1918 die Monarchie der Hohenr zollern am Ende des vergangenen Weltkrieges die Früchte einer ebenso verstiegenen wie anmalBencfen und systemlosen Politik erntete, überließ man die Verantwortung tat das geschaffene Chaos wiederum den demokratischen Kräften. Leider erwiesen sich diese als leichtsinnig genug, eine solche Verantwortung formell durch die Unterschrift unter die" Waffenstillstandsbedingungen auf sich zu nehmen. Die eigentlich Schuldigen an der Katastrophe blieben kurze Zeit im Hintergrund und beeilten sich, den neuen Männern in dieser für sie kritischen Übergangsepoche ihre Loyalität und Ergebenheit zu versichern. So gewannen sie Muße, im Dunkel einstweiliger Anonymität die Dolchstoßlegende zu erfinden, um schon sehr bald darauf in voller Öffentlichkeit ebenso unverschämt wie ungestraft der Weimarer Republik einen wirklichen Dolchstoß von hinten" zu versetzen. Mit unleugbarem und meisterhaftem Geschick verstanden sie es, ihre Schuld zu verschleiern und die Konkursverwalter der damaligen Zeit mit dem Odium des Hungers, der Reparationen, der Wohnungsnot und der Inflation zu belasten.

Wenn man sich diesen Tatbestand vergegenwärtigt, so erkennt man, daß die Kollektivschuld des deutschen Volkes in Form einer folgenschweren Denkfaulheit und Unterlassungssünde älteren Datums ist und umfassenderen Charakter besitzt, als man allgemein annimmt. Auch in der Weimarer Republik sah man nur das unvermeidliche anfängliche Hgergews€ der DönÄiritte und begriff nicht ihre heilende, läuternde und rettende Funktion. Man indentifizierte sie unbekümmert mit der Notzeit des Anfangs und zuletzt mit der scheinbaren Aussichtslosigkeit einer wirtschaftlichen Krise, die praktisch jedoch die gesamte Welt ergriffen hatte. Für den hoffnungsvollen Auf- Schwung und die unstreitige politische und wirtschaftliche Stabilisierung in den Jahren von 1924 bis 1929 hatte das "in seinen Stämmen einige deutsche Volk" kein Erinnerungsvermögen. Mäfrwar schließlich geschmacklos genug, der "legalen" Abwürgung der Weimarer Republik und damit der deutschen Demokratie bis zur Heiserkeit zuzujubeln.

Leider gewinnt man auch heute schon wieder vielfach den Eindruck, als ob die Ereignisse des Hitlersystems und des letzten Krieges, die eine ganze Welt belehrten obwohl diese ursprünglich nur als beobachtendes und nicht als leidendes Element an ihnen beteiligt war —, in Deutschland selbst bei weitem nicht die Resonanz und Beachtung finden, die sie verdienen. Es erscheint oft so, als ob ein lebensgefährlich Erkrankter eigensinnig zum Sterben entschlossen sei, anstatt sich einer Arznei zu bedienen, die ihm angeboten wird. "" Allerdings sind die heute zugelassenen politischen Parteien in ihrer Gesamtheit nicht von der Schuld freizusprechen, schon jetzt bereits vieles an überzeugender Aufklärung über das Wesen der Demokratie versäumt zu haben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß heute weite Kreise des deutschen Volkes, besonders der Jugend, im Grunde zur Demokratie bereiter sind als je zuvor, dafür aber auch gegenüber allen Versprechungen und eigensüchtigen Interpretationen" politischer Prinzipien so mißtrauisch wie noch nie.