Unter dem Titel "Die Anatomie des Friedens" erschien in den USA ein Buch von Emery Reves. De "New York Times" schrieb dazu: "Es wäre gut, wenn zehn bis zwanzig Millionen Amerikaner es läsen." Eine Anzahl prominenter amerikanischer Politiker und Männer der Wissenschaft und Literatur, wie Albert Einstein und Thomas Mann, sagen, im Zeitalter der Atombombe seien die Gedanken des Buches eine unmittelbare Realität und müßten von jedermann beachtet werden, wenn nicht die Zivilisation dem Untergang geweiht sein solle! Im Mittelpunkte steht das Argument, daß bisher alle Methoden, Frieden in die Welt zu brigen, versagt hätten Erst dann werde es den Weltfrieden geben, wenn die bisherige absolute nationale Souveränität der Einzelstaaten durch eine weltumspannende gesetzliche Ordnung ersetzt worden sei – mit anderen Worten: wenn die Beziehungen zwischen den Nationen nicht mehr durch Verträge, sondern durch das Recht geregelt würden.

Emery Reves geht von dem Gedanken aus, daß unser politisches und soziales Denken heute in gleicher Weise revolutionär umgestaltet worden sei wie etwa die Astronomie und die abstrakten Wissenschaften in der Renaissance. Mehr als 14 Jahrhunderte glaubte damals die Wissenschaft, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt, bis Kopernikus ein neues Weltbild eröffnete. Genau wie die Zeitgenossen des Kopernikus müssen wir heute unser Denken revidieren. Wir betrachten die eigene Nation als das Zentrum unseres politischen Universums, als den unverrückbaren festen Punkt, um den sich die übrige Welt dreht. Und diese Betrachtungsweise birgt schreckliche Gefahren. Denn die wissenschaftliche und technische Entwicklung hat so umwälzende Veränderungen hervorgerufen, daß man das Zusammenleben der Völker nicht mehr durch die alten Mittel der "Politik" und "Diplomatie" regeln kann, sondern auf eine neue Art anfassen muß, wenn anders nicht die Technik unsere Feindin statt unsere Helferin werden soll. Trotz der großartigen Entwicklung des Verkehrs werden an vielen Stellen der Erde die Menschen vom Hunger gequält, während anderswo kein Mangel herrscht. Obwohl wir mehr Gold als je zuvor produziert haben, können wir die Währung nicht regeln. Während jeder moderne Staat Rohstoffe braucht, die andere Staaten besitzen, und – Güter erzeugt, die andere nötig haben, sind wir nicht, imstande, einen befriedigenden Güteraustausch zu organisieren. Die Mehrzahl der Menschen aller Nationen will seit je im Frieden leben. Dennoch haben wir nicht vermocht, Kriege von ständig wachsendem. Ausmaß zu verhindern. Wo liegt der Grund für dieses Versagen?

Jeder der etwa 80 souveränen Staaten dieser Erde glaubt, er sei der Mittelpunkt, um den die übrige Welt rotiert. Und doch sollte uns die letzte Entwicklung klargemacht haben, daß dieser ererbte Standpunkt kindlich primitiv, hoffnungslos unzulänglich und völlig falsch ist. Wir müssen endlich die Tatsache begreifen, daß es notwendig ist, die Souveränität der Nationen zu beschränken und eine Weltregierung einzusetzen, die die Beziehungen zwischen den Nationen nach Recht und Gesetz regelt, genau so, wie etwa die Vereinigten Staaten heute die Beziehungen zwischen den Einzelstaaten ordnen.

Im modernen Durcheinander der internationalen Beziehungen beschuldigt eine Nation die andere. Faschistische Länder haben behauptet, Demokratie und Kommunismus seien ein und dasselbe, und jedes demokratische Regierungssystem müsse unweigerlich zum Bolschewismus führen. Die Kommunisten sagen, Demokratie und Faschismus seien kapitalistisch, und hier wie dort heute das Privatkapital die Arbeiter aus. In demokratischen Ländern aber kann man hören, der Faschismus und Kommunismus seien genau das gleiche: beides totalitäre Diktaturen, in denen es keine Freiheit des einzelnen mehr gäbe. – Vielleicht kann ein geschichtlicher Rückblick diese Widersprüche klären.

Das Versagen des Kapitalismus

Bei der Geburt des Industrialismus war der Kapitalismus die beherrschende Wirtschaftsphilosophie. Die demokratischen Nationalstaaten, ob Republiken oder konstitutionelle Monarchien, saßen in der westlichen Welt fest im Sattel. Freies Unternehmertum, Freihandel und freier Wettbewerb gingen Hand in Hand mit der politischen Freiheit. Aber die Freiheit innerhalb der menschlichen Gesellschaft ist nun einmal ein relativer Begriff, Sie kann nur soweit gewährt werden, als die Freiheit des Individuums nicht in Konflikt mit der Freiheit anderer gerät. Indessen hat der moderne Industrialismus nicht nur ungeahnten Reichtum für den wirtschaftlich Starken geschaffen, sondern zugleich Armut und Knechtschaft für Millionen von Arbeitern gebracht. Aus dieser Lage entstand der moderne Sozialismus. Und seit fast einem Jahrhundert dauert der Klassenkampf, obwohl der Gegensatz auf einer falschen Auffassung beruht: Nicht, weil das Kapital durch Einzelpersonen oder Gesellschaften kontrolliert wird, hat das kapitalistische System versagt; es versagte, weil die Freiheit als ein alsolutes statt als ein menschliches Ideal angesehen wurde, das einer ständigen Anpassung und Regulierung durch das Gesetz bedarf.

So entstanden die Gewerkschaften und andere Einrichtungen, die es erreichten, daß gewisse Tätigkeitsgebiete, von der Einzelperson auf den Staat übergingen; ein Sachverhalt, der übrigens durchaus im Rahmen menschlicher Entwicklung liegt, wobei allerdings nicht verborgen blieb, daß die nur unvollkommene Balance zwischen den Prinzipien der Freiheit und der Beschränkung ganz allgemein den wirtschaftlichen Fortschritt verlangsamt hat. Als größtes Hindernis für die industrielle Entwicklung aber wirkte sich der Konflikt zwischen Industrialismus und dem politischen Nationalismus aus!