Schon immer bestanden zwischen der deutschen und schweizerischen Wirtschaft enge Bindungen. Erst durch den letzten Krieg erlitten die ausgedehnten und alle Zweige der Wirtschaft umfassenden Beziehungen eine Einbuße. Bei Kriegsende waren die Ex- und Importe nach und von der Schweiz auf dem Nullpunkt angelangt.

Im 1. Quartal 1946 hat die Schweiz von Deutschland Waren im Wert von nur 4,3 Mill. RM bezogen. Darin sind jedoch Güter enthalten, die bereits vor Kriegsende in Schweizer Zollfreilager gebracht worden waren und andere, die zu Zwecken der Veredelung aus der Schweiz nach Deutschland und wieder zurück geliefert wurden. In demselben Zeitraum exportierte die Schweiz Waren im Wert von 0,6 Mill. Schwz. Fr. nach Deutschland. Praktisch liegt also der Außenhandel still. Die amerikanischen Besatzungsbehörden haben jede Ausfuhr nach der Schweiz (und Schweden) verboten. Austauschgeschäfte zwischen privaten Handelsfirmen unter Umgehung der Militärregierungen sind unzulässig.

So ist es nur das kleine Grenzlandgeschäft, das wieder anfängt, neue Fäden über die Grenze hinweg zu spinnen. Die zwischen beiden Ländern bis jetzt erfolgten Geschäftsabschlüsse rekrutieren sich in der Hauptsache aus der französischen Besatzungszone. Das seinerzeit abgeschlossene schweizerisch-französische Wirtschaftsabkommen, das laufend ausgebaut wird, hat auch für eine Reihe von Abschlüssen provisorische Sonderregelungen geschaffen. Steinkohle aus dem Saargebiet (1 Mill. Schwz. Fr.), Holz aus dem Schwarzwald im Austausch gegen elektrische Energie der Elektrizitätswerke der Schweizer Grenzstädte (0,73 Mill. Schwz. Fr.), Textilien (0,68 Mill. Schwz. Fr.), wobei die Lieferung von Zellwolle den größten Teil ausmacht, Maschinen und Ersatzteile (0,53 Mill. Schwz. Fr.), Eisenwaren (0,30 Mill. Schwz. Fr.) und endlich Chemikalien und Farben (0,28 Mill. Schwz. Fr.) werden wieder in die Schweiz exportiert.

Dazu kommen die starken schweizerischen Interessen an etwa. 200 deutschen Unternehmungen, an denen dieses Land über Tochtergesellschaften oder Kapitalinvestitionen beteiligt ist. Eine vorläufige Übersicht schätzt das gesamte Schweizer Kapital, das so in Deutschland verankert ist, auf insgesamt eine Milliarde Schwz. Fr. Eine Addition, die auch indirekte und kleinere Kapitalanlagen einbezieht, kommt auf einige 100 Mill. Schwz. Fr. mehr. Ein derartiger Betrag mag auf den ersten Blick überraschen. Er ist aber bei näherer Betrachtung vertretbar. Allein die im Handelskammerbezirk Schopfheim angesiedelte Schweizer Textilindustrie, die in Süddeutschland rund 50 Betriebe umfaßt, erscheint mit einem Wert von etwa 400 Mill. Schwz. Fr. Daneben ist die Tabak-, Chemie- und Maschinenindustrie stark vertreten.

Frankreich und damit seine Besatzungsbehörde haben zweifellos ein lebhaftes Interesse an der Weiterarbeit aller dieser Industrien, sei es als Veredelungsbesteller, sei es als Reparationsgläubiger, sei es als fürsorgliche Besatzungsmacht. Eine Zusammenarbeit zu dritt, d. h. ein Zusammenwirken der mächtig erstarkten Schweizer Kapitalkraft mit der französischen Disposition über die deutschen Produktionskräfte ist beabsichtigt und wird gefördert. Ein Beispiel mag diese Absicht erhärten: Frankreichs Textilbestellungen z. B. setzen Rohstoffbezüge voraus, zu deren valutarischer Finanzierung die süddeutschen Verarbeitungsbetriebe ja außerstande sind. Schweizer Kredite können erbeten werden, die man auf den französisch-deutschen Kontrakten basiert und sichert. Diese Perspektiven sind es auch, die dem süddeutschen Kaufmann die Lust am Aufbau nicht nehmen können.

Über diese Anfänge hinaus werden sich im Laufe der Zeit – wenn die Stabilisierung der Mark und ihre Anerkennung als international gültiges Zahlungsmittel durchgeführt ist, die drei westlichen Besatzungsmächte eine Einigung auf dem wirtschaftlichen Gebiet herbeigeführt haben und die deutsche Wirtschaft nicht mehr die Sorge haben muß, daß ihre Produktionsstätten abgebaut, ausgeplündert und stillgelegt werden – neue Wege der schweizerisch-deutschen Handelsgeschäfte ergeben. Eine Dreierkette im oben erwähnten Sinne birgt manche Vorteile in sich. Sie können der zukünftigen Geschäftsentwicklung zwischen Deutschland und der Schweiz die notwendige Basis geben, auf der dann weiter, auch nach dem Norden, aufgebaut werden könnte. Dies ist jedenfalls der Wunsch, den man von Schweizer und deutschen Handelskreisen immer wieder zu hören bekommt.

W. Hempel (Markelfingen)