Von Jan Molitor

Einer hat einst ein Lied gedichtet: "Mein Sohn, zieh nicht an den Rhein..." Ein metrisch genaues, kaltes Gedicht, dem auch die Melodie im Kommerstone nicht viel geholfen hat. Weiß nicht mehr, wer das Gedicht gemacht hat. Irgendein berühmter Mann einer früheren Zeit, in der wohl auch die Gesinnung mehr wert war als die Poesie. "Am Rhein", so ungefähr heißt es da, "am Rhein geht dir das Leben so lieblich ein ..." Ja, "lieblich"! Der Rhein strömt breit dahin. Bald wird er sich ins Meer verströmen. Etwas Feierliches ist um ihn, mögen auch die Möwen ehrfurchtlos über ihm spielen und über ihn spotten. Er gibt nicht mehr acht auf das karge Werk der Menschen. Sie haben die Trümmer alter Brücken in sein Strombett getrieben. Und um aufragende Schornsteinspitzen gesunkener Dampfer bricht sich die Schaumwelle, als führe drunten eine Unterwasserflotte spazieren. Der Rhein aber ist erhaben über alles dies ... Liegt drüben nicht Xanten? Die Mauern stehen noch vom Xantener Dom, doch nicht viel mehr. "Auf eigene Gefahr" kann man auch noch durch ein altes Stadttor fahren, das aussieht, als sei schon Siegfried hindurchgeritten auf seinem Zug nach Worms, und das erst der letzte Krieg baufällig werden ließ. Rumpelt jetzt einer der schweren zweirädrigen Bauernkarren durch, wie sie am Niederrhein wie in Holland, Belgien und Nordfrankreich Sitte sind, dann löst sich oben, aus dem Mittelalter, zuweilen ein dicker, grauer Stein und erschrickt polternd drunten die Leute aus dem 20. Jahrhundert, die es gelernt haben, zusammenzuschrecken. Die Menschensiedlungen hier sind wirklich erschreckend zerstört, so daß man vielfach – zum Beispiel im alten Wesel – nicht mehr fähig ist, das ursprüngliche, einst wohlbekannte Stadtbild zu erkennen. Überall die gleiche Kulisse von Mörtel und Steingeröll, und da hinein haben sie nun Schilder gestellt: So wie auf der Shakespeare-Bühne einfache Tafeln voll Vertrauen auf die Phantasie des Publikums die wechselnden Schauplätze bezeichnen, so dienen in den niederrheinischen Städtchen primitive Aufschriften dazu, das eine Kellerloch als Restaurant, das andere als Bürgermeisteramt oder als Sparkasse auszuweisen. "Mein Sohn, zieh nicht an den Rhein. Mein Sohn, ich rate dir gut ..." Wer dichtete das bloß in früheren Tagen?

Ein anderer, ein größerer, hat das Gedicht von der Wallfahrt nach Kevelaer geschrieben: Heinrich Heine. "Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, zu schaun die Prozession?" Freilich, Prozessionen hat es hierzulande viele und große gegeben. Die größten waren die Prozessionen der Panzer und Kanonen. Wer daher aus den zerstörten und dennoch menschenüberfüllten Städten flieht, um in der Ebene mit den breiten Äckern und schmalen Wäldchen allein zu sein, erschrickt auch hier. Denn er trifft im Buschwerk neben der Straße immer wieder die Friedhöfe der Panzer und Kanonen. Es ist, als seien sie im letzten Augenblick wie verängstigte Tiere zusammengekrochen, um das Ende zu erwarten. Verrostet nun, zerschlagenes, häßliches Gerümpel. Ach, dies ist keine gottgefällige Pension gewesen, die da auf Raupenschleppern und mit Motorengesang auf denselben Straßen ratterte, auf denen sonst die Pilger zogen! An einer Kurve der Straße nach Kevelaer, dort, wo man von fern den Dom von Xanten traurig herüberwinken sieht, hat sich plump und ungeschlacht ein einzelner überschwerer Panzer im Graben niedergelassen. Noch immer hält er das Rohr böse lauernd auf die nächste Wendung der Straße gerichtet. Er scheint intakt, der Panzer. Es ist, als könne er noch schießen. Etwas wie Drohung liegt in der Luft unter dem bleiernen Himmel dieser Landschaft mit den tiefhängenden Wolken. Doch was ist jetzt für ein Scharren und Trappeln von Füßen? Was für ein Gemurmel menschlicher Stimmen hebt an, seltsam schwebend zwischen Sprache und Gesang? Hellere, lautere Stimmen treten hervor. Klingen sie nicht manchmal wie ferne Kommandos? Und blitzt und funkelt und schimmert es drüben, zwischen den Weidenbäumen, nicht wie von Fahnen? Man lehnt am Panzer zwischen Traum und Wachen und schaut in die Richtung, die das Kanonenrohr zeigt, und strengt die Augen an, um deutlich zu sehen, was im nächsten Augenblick aus der gegenseitigen Kurve der Straße hervortreten muß. Bilder des Krieges oder des Friedens? Neues Erschrecken oder neuer Trost?

"Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade ..." Pilger sind es, die in das Schußfeld des toten Panzers treten. Eine Prozession. "Es flattern die Kirchenfahnen, es singt im Kirchenchor ..." Dies also ist auf den Straßen am Rhein so geblieben, wie schon Heine es beschrieb und wie es immer war. Priester und Ministranten im weißen Kittel. Vorbeter mit helleren Stimmen, in der Hand den Stab mit dem Kreuz an seiner Spitze, den sie senken, wenn der Chor der Betenden ein neues Ave Maria anstimmt. Die Pilger gehen in zwei Reihen, die Füße im Staub. Betend ziehen sie am schweigenden Panzer, der ohnmächtig droht, vorüber. Nach Kevelaer. "Steh auf, wir wollen nach Kevelaer, nimm Buch und Rosenkranz; die Mutter Gottes heilt dir dein krankes Herze ganz." Alte Leute und Kinder, Frauen und Männer. Und manchem Tuch sieht man an, daß es vor mehr als Jahresfrist noch ein graugrünlicher Soldatenrock gewesen. Mag sein, daß manche derbe Hand, die jetzt den Rosenkranz hält, damals in der Prozession der Panzer und Kanonen auf derselben Straße die "Knarre" getragen hat. Mag sein, daß viele jetzt im Leib ein "krankes Herze" tragen, wie Heine es nannte.

Die Straßen sind vortrefflich am Niederrhein. Soweint sie während der Kämpfe gelitten haben, sind sie instand gesetzt. Nur die vielen kleinen Holzbrückchen, die über Wassergräben und Bäche führen – enger, schnell zusammengebauter Notbehelf nur –, sie ächzen und seufzen, wenn ein Auto, ein Pferdewagen oder eine Pilgerkolonne darübergeht. Und dies ist dann Kevelaer: wohl die einzige leidlich gut erhaltene Stadt im kriegsgezeichneten Zipfel des niederrheinischen Landes. Die Stadt der Mutter Gottes mit dem Kapellenplatz als Mittelpunkt. Es ist der von alten Bäumen beschattete Platz mit der großen Kerzenkapelle und der kleinen Gnadenkapelle. Es ist der Platz, auf dem die Pilger unter freiem Himmel niederknien in schmalen Gebetstühlen und auf nacktem Boden. Autos fahren vorüber, in den Geschäften ringsum werden Holzpantinen und Heiligenbilder verkauft, Hausfrauen kommen vom Markt mit der Einkaufstasche, Kinder tollen spielend umher, sie aber knien und beten.

Ein junger Kaplan kommt mit einer Schar Vierzehn- bis Achtzehnjähriger. Den Jahrgängen nach müssen sie wohl auch die Phrasen und den Drill der "Hitler-Jugend" noch miterlebt haben; aber jetzt sehen sie aus wie die Wandervögel von ehedem. Offene Schillerkragen, nackte Knie. Sie scheinen nicht müde, mühsam und beladen, nein, keineswegs. Sie sind fröhlich und leicht wie Menschen, die nicht für sich, sondern für andere beten. Sie knien vor dem Schreine nieder, darin das kleine, mit klaren Linien gemalte Bildnis der Maria mit dem Sohne ins Freie des grünen Platzes schaut, stehen auf und studieren aus der Inschrift der Gnadenkapelle die einfache, fromme Historie von dem Handelsmann Heinrich Bußmann, der vor mehr als 250 Jahren beim Gebet an einem einsamen Kreuz eine Eingebung hatte: er solle eine Betstätte errichten, die fromme Wohnung für ein Marienbild, das er da und dort finden würde. Denn die Geißel des Krieges und der Pest hatte das Land am Niederrhein geschlagen, und die Menschen vergingen vor Krankheit und Not Maria aber, die Trösterin der Betrübten, wollte, daß ein Gnadenort entstand, damit sie helfen könnte. Und seither klingt an dieser Stelle das Gebet: "Consolatrix afflictorum, ora pro nobis." Und die Jungen gehen leise wie auf Zehenspitzen um die Gnadenkapelle herum, die andere Inschrift zu lesen, nach der Anno 1892 laut dem Krönungsdekret des Kapitels der Patriarchal-Basilika. von Sankt Petrus zu Rom beschlossen wurde, das Bild der allerseligsten Jungfrau, der Trösterin der Betrübten, mit einer goldenen Krone zu krönen. Sie lesen’s andächtig, die Jungen, und einer knabbert gedankenvoll einen Apfel dabei, den ihm wohl einer der Obstbäume am Prozessionswege mehr oder minder freiwillig in die Hand gegeben hat.

Es mag sein, daß einem Fremden, der nicht nur fern von Kevelaer, sondern auch fernab dieser ganzen frommen Sphäre lebt, das Bild der staubbedeckten Menschen, die auf offenem Platz beten, eigenartig, ja vielleicht eines spöttischen Lächelns wert erscheint. In einem Hamburger Kino wurde neulich halblaut gelacht, als die gefilmte Wochenschau den Ausschnitt aus einer katholischen Kirchenzeremonie darbot; ein Verhalten, in dem ein Kritiker im Publikum wohl nicht zu Unrecht einen zwar mehr gefühls- als verstandesmäßigen, mehr unbewußten als bewußten Rückstand der Wirkungen nazistischer Kirchenfeindschaft vermutete. In Kevelaer aber wirkt und lebt das kirchengläubig Fromme so eng und innig mit dem Alltäglichen zusammen, daß das Profane hier und dort einer heiteren Arabeske im Hintergrunde eines religiösen Bildes eines mittelalterlichen Malers gleicht. Wo anders gibt es das, daß Tür an Tür mit einem Restaurant "Zur Stadt Ruhrort" ein "Gasthof zum St. Augustinus" liegt? Die frommen Pilger müssen schlafen. Warum nicht in einem Hotel, das einen frommen Namen trägt? 500 Schlafgelegenheiten sind in Kevelaer verfügbar. Wo gibt es ähnliches in einer Zeit, da selbst in abseits gelegenen Städtchen und außerhalb der "Saison" ein Hotelzimmer rar ist wie ein Laib Brot? Die Leute von Kevelaer sagen, die englische Militärbehörde habe von Anfang an Rücksicht darauf genommen, daß die Prozessionsgäste nicht unter freiem Himmer schlafen könnten, sondern – so alt und gebrechlich viele sind – wenigstens ein Strohlager zur Ruhestatt haben müßten. Und was das Gebot jener menschlichen Rücksicht betrifft, daß eine Haltung aus anderem religiösen Empfinden, die zu Unverständnis, Kälte, am Ende gar zu Spott führen könnte, vom Gnadenort der Mutter Gottes fern zu halten sei, so haben wohl die deutschen Behörden es veranlaßt, daß die Ostflüchtlinge, die auch Kevelaer aufnehmen muß, aus den streng katholischen Teilen Schlesiens stammen. Diese Flüchtlinge, soweit sie schon eingetroffen, finden, daß sie in Kevelaer nicht so sehr in der Fremde sind. Wie sollte es auch anders sein? Die vom Kriege geschlagenen Leute vom Niederrhein und die Flüchtlinge, denen der Kriegsausgang alles nahm und nichts ließ als das nackte Leben, sie sind gleichermaßen mühselig und beladen und geneigt, wie hilflose Kinder unter dem weiten Mantel der Madonna Schutz zu suchen. Und ist es verwunderlich und wäre es ein Grund zu spotten, daß von weit her die Pilger nach Kevelaer kommen? In dieser Zeit der Sorgen, der Schuld, der Ungewißheit und der Armut? In dieser Zeit, die von der Geißel des Hungers, der Krankheit, des Krieges nicht minder hart geschlagen ist wie jene Verganjenheit, von der die fromme Legende erzählt, daß die Trösterin der Betrübten, die Consolatrix afflictorum, vom Himmel herabstieg, um die Krankheiten zu leilen und die kranken Herzen zu erlösen? Übrigens gibt es wirklich noch jene Eclesia catholica, die der katholischen Kirche den Namen gab: ein Jeep fauchte des Weges, stoppte wie überrascht längsseits des Platzes der Gnadenkapelle, ein Soldat sprang heraus, und kam mit sportlich wiegenden Schritten herbei, um sich vor dem Gnadenbilde Mariens auf die Knie niederzulassen. Es mag einer als dem katholischen Schottland gewesen sein, dem nichts fremd war an diesen religiösen Gebäuden. Aber für den Betrachter war’s doch ein zum Nachdenken stimmendes Bild, in dieser Zeit, die nicht mehr Krieg und noch nicht Frieden ist, die britische Uniform im Kreise der Betenden und Hilfesuchenden am Altar Mariens zu sehen.