Von Karl Krolow

Es scheint, als hätten seit je zwischen Wort und Ton, Gedicht und Gesang Übereinkünfte bestanden, Beziehungen, die namenlos am Werke waren, von früh an. und im wechselseitigen Anziehen und Abstoßen jenen verwegenen Rhythmus ausbildeten, an dem sich menschlicher Geist in seiner zartesten wie unvergänglichsten Spur begreifen läßt.

Die Antike, noch bis tief in ihren Verfall hinein, vermochte beides nicht zu trennen. Kithara und Lyra banden Alkaios und Anakreon, Pindar und Sappho. Bekanntlich wurde allgemein noch spät jegliche Prosa laut gelesen, so daß uns etwa Augustin vom stummen Lesen eines Menschen als von einer Abnormität zu berichten weiß, die ihm einzig sinnvoll durch die Vermutung wird, es handele sich hier um eine Scheu, über dunkle Stellen befragt zu werden oder einfach um Schonung der Stimme. Vom härteren Norden wissen wir ähnliches. Das große, anonyme Gedicht unserer Frühzeit hatte rhapsodischen Charakter. Die Troubadours, der Minnesang und sein Epilog, der bürger- liche Meistergesang, brachten Ton und Vers gleichermaßen zur Blüte. Die Lyrik Walthers von der Vogelweide und Neidhardts, Frauenlobs und des Wolkensteiners ist gesungene Lyrik. Und die Meister in Frankfurt und Würzburg, in Mainz und Nürnberg setzten ihren Reim ins Lied um.

Die Individualisierung der Künste schuf Entfremdungen, ja Entzweiungen. Es ist geradezu erregend anzusehen, wie der sich in den Künsten immer inniger vergewissernde Geist in einer Zerstreuung zu leben beginnt. Sich ein Barockgedicht vertont vorzustellen, ist schon schwer. Das Wort gibt dem Ton keinerlei Zeichen mehr, selbstherrlich ist es mit sich beschäftigt. Wohl kennt der barocke Vers die wildesten Räusche. Aber er bleibt gleichsam trocken dabei, schmilzt nicht hin, zeigt keine, Transparenz. Einzig das lutherische Kirchenlied kann hier als Ausnahme gelten. In ihm bleibt das Lyrische geöffnet, in ihm wird wahrhaft dem Herrn ein neues Lied gesungen. Paul Gerhard ist in seinen schönsten geistlichen Gedichten das Beispiel geworden.

Das 18. Jahrhundert aber, das die barocke Welt abbaut und In dem schließlich, in mancher Verkleidung. das bürgerliche Zeitalter einsetzt, hat eine spielerische Neigung zum Tausch von Wort und Ton. Für den frivolen Reim ist Musikalität aparte Zugabe. Und doch! Wäre ein vertonter Brockes denkbar, ein gesungener Gellert? Ist ein Durchschnittslyrismus Matthissons für uns in Musik gesetzt vorstellbar? Dennoch aber findet man in seiner Nähe Schöpfungen Mozarts und Haydns, hat Beethovens berühmte "Adelaide" das Gedicht gleichen Namens von Friedrich Matthisson zum Anlaß. Freilich eben auch nur zum Anlaß; denn man spreche sich einmal vorurteilsfrei Zeilen wie diese vor:

"Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten. Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen, Das durch wankende Blütenzweige zittert, Adelaide."

Es scheint, als habe das dämonische Temperament Beethovens darüber hinwegmusiziert, denn die Musik steht in Flammen, in denen der Text unversehens verbrennt. Wir haben hier ein Beispiel für die Überwältigung des Wortes durch den Ton des deutschen Gedichtes da und dort ergänzen ließe.