Berlin, im August

Eine Ausstellung zeitgenössischer Graphik haben die Franzosen im den Räumen der Kunstkammer in der Schlüterstraße veranstaltet. Sie ist sehr französisch, sehr scharmant, mit Geschmack und vielen Blumen aufgemacht. Sie ist zum Teil ausgezeichnet gehängt, nämlich mit Instinkt für das Steigernde von Kontrasten; es gibt Wandausschnitte, Ensembles, die man sich mit Vergnügen zum Bewußtsein bringt. Als Ganzes zeigt sie das ewige Wesen Frankreichs und wie dieses Wesen sich von anderen gesehen wissen möchte. Sie zeigt nicht nur Leistungen einzelner, sondern die Leistung des Landes, nicht nur das Besondere, sondern das Allgemeine der französischen Welt. Man erlebt den substantiellen Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland in einer Anschaulichkeit, die diese Exposition zu einer der nachdenklichsten unserer ausstellungsreichen Zeit macht.

Unter den Künstlern, die der Katalog verzeichnet finden sich Männer wie Matisse und Picasso, Rounult und Bonnard, Namen, die seit Jahrzehnten hoher Ruhm der französischen Kunst sind, für die sie auf vielen Ausstellungen auch des Auslandes warben. Daneben stehen andere, weniger glanzvolle, Namen von Männern und Frauen, die außerhalb Frankreichs nicht den Klang der Großen haben, und gerade die Arbeiten dieser anderen sind es, die die Atmosphäre des Ganzen bestimmen. Auch unter ihnen findet sich eine Reihe bekannter Gestalten; entscheidend ist die Gesamtheit und ihr Niveau. Ein halbes Hundert von Graphikern ist hier vereinigt. Sie bilden ein geschlossenes Bild, sind repräsentative Vertretung eines Ganzen. Und diese Einheitlichkeit wird erreicht, weil all diese Männer und Frauen von der fortwirkenden Tradition ihres Landes, von Vorgängern und Nebenmännern ausgehen, weil dieses Land im Bereich der Kunst wie auf den anderen Gebieten seiner geistigen Existenz ein Erbe besitzt, dessen Kraft durch die Jahrhunderte stark genug war und ist, den einzelnen, wenn er seinen Weg beginnt, auf dies Erbe zu verpflichten und ihn erst allmählich, im weiteren Verfolg seines Weges, aus den Bindungen an die Vergangenheit zu entlassen, damit er seinen Beitrag zur Erweiterung und Steigerung dieses Landerbes schaffen und dem gemeinsamen Besitz einfügen kann.

Man stellt in Gedanken eine Ausstellung deutscher Graphik neben dieses Unternehmen. Sie würde das entgegengesetzte Bild zeigen: lauter einzelne, aber, wenn es sich um Zeitgenossen, um Lebende handelte, kaum ein Ganzes. Stefan George hat das Verhältnis der Begabungen beider Länder einmal am Bilde des Weines formuliert, in den Versen von dem mittleren Gewächs, das drüben viel reicher erblühe, während das ganz Besondere nur diesseits des Rheins Wirklichkeit würde. Im Bereich der Kunst ist es wohl so – aber auf Kosten des Ganzen. Der einzelne beginnt bei uns seinen Weg nicht bei der Tradition, sondern bei sich und damit beim Ei der Leda: Individuum steht neben und gegen Individuum, ohne Sicherung und Bindung nach rückwärts, wenigstens solange es zu den Lebenden gehört, Die Einordnung in das Ganze, bei Frankreich der Anfang, ist hier nämlich Endergebnis: sie entsteht erst unter der Wirkung der Zeit.

Vielleicht liegt hier die Ursache dafür, daß Ausstellungen zeitgenössischer Kunst bei uns viel erregender, gegensätzlicher, unmittelbarer wirken als in Frankreich, daß aber eine Einheitlichkeit, wie sie dieser Überblick über die heutige französische Graphik zeigt, bei uns höchstens in historischen Ausstellungen zu erreichen ist. Man empfindet sie nicht ohne Neid, wenn man auf der anderen Seite auch feststellen muß, daß sich von diesem stärkeren Bezug auf die Tradition jene ewige Akademie ergibt, die von den Tagen der Notre-Dame über Poussin und David bis zum Impressionismus und Nachimpressionismus beruhigend und sichernd das ganze französische Kunstschaffen durchzieht.

Die stärksten Eindrücke der Ausstellung ergeben sich infolgedessen bei den Künstlern der älteren Generation. An der Spitze steht Rouault, dessen große Lithos am tiefsten in der Erinnerung bleiben: ererbte Klassik und Wille zum gesteigerten Ausdruck durchdringen sich in diesen Blättern wie im Spiel des späten Cortot. Neben ihm steht der zehn Jahre jüngere Picasso wie ein Flaxman von heute: der einst die Welt in Bruchstücke zerlegte und die Trümmer zu abstrakten Skeletten einer neuen leblos expressiven Existenz fügte, gibt heute jüngeren, schwächeren Generationen in einer Zeit sehr realer Trümmer die Sicherung seiner unbeirrten Linie und verleiht damit dem Erbe der Klassik, das auch er angetreten hat, die Bedeutsamkeit des Aktuellen. Henri Matisse, obwohl der Ältere, wirkt daneben fast moderner, und Andrä Lhote, der neben dem Linearen das Weiche, Malerisch-Sensuelle vertritt, Raoul Dufy, der ein paar sehr reizvolle Blätter zeigt, ebenfalls. Auch über ihm liegt ein Schimmer von der ewigen Klassik Frankreichs, die mit einem leichten Biederneierhauch wie von Chasseriau her bei Pierre Dubreuil, dem französischen Rössing, mit einem Gionc-Zug bei Paul Welsch wie bei vielen anderen sichtbar wird. Die Wendung zur Idylle, wofern sie nicht Ausleseprinzip der Leitung sein sollte, herrscht überhaupt ziemlich stark, Landschaft und gelegentlich leiser Humor, viel Anteil der Frauen wie überall und Aufarbeiten der letzten Vor- und Nachkriegsreste; ganz selten einmal ein Zu? zur Sachlichkeit nicht nur vom Gegenständlichen her: die luftlos gläsernen Landschaften von Soulas stehen ziemlich allein in dem Zeitzug zur Lyrik, der sich zuweilen wunderlich mit den Ausklängen der dekorativen Zeit vermischt. Paul Fechter