Lord Beveridge ist anläßlich seines Hamburger Besuches in mehreren Interviews gefragt worden, wie er die künftige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands unter dem sogenannten Industrieplan beurteile. Die Fragesteller waren nicht gut beraten. Sie haben offenbar die bedeutsame Erklärung, die Minister Hynd im Unterhaus über die Neufestsetzung der "erlaubten" Produktionsmengen abgegeben hat, nicht gelesen – oder, was wahrscheinlicher ist: sie haben ihren Sinn nicht verstanden.

Das ist symptomatisch. Die deutsche Wirtschaft, und damit die deutsche Öffentlichkeit, steht noch immer unter der Nachwirkung der schweren Schläge, die sie zu Anfang dieses Jahres hinnehmen mußte. Die Ankündigung und die endgültige Proklamation des Industrien-Abrüstungsplanes war der erste große Schock; es folgten die Steuererhöhungen, die Kürzung der Rationen. Dazu kam die je länger je mehr wirksame Enttäuschung darüber, daß alle grundsätzlichen Entscheidungen sich verzögerten und daß die in einem gewissen Wunderglauben erwartete wirtschaftliche "Belebung", das Anlaufen der Produktion, ausblieb – eine Tatsache, die freilich für alle Einsichtigen durchaus nicht verwunderlich war. Nun ist der Pessimismus so fest eingewurzelt, daß der Blick getrübt ist und daß die Ansätze zu einer günstigen Entwicklung vielfach gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Es gibt solche Ansätze; für jeden, der gelegentlich wieder den Mut zu einer unvoreingenommenen Betrachtung der Tatsachen aufbringt, sind sie sichtbar. Da ist die Erhöhung der Rationen, in ihren Anfängen heute schon Tatsache; wichtiger ist, daß für die nächste Zeit, sowohl von britischer wie von Amerikanischer Seite, ein weiterer Aufbau der Rationen, bis zum Stand von 15 50 Kalorien täglich für den Normalverbraucher (und für den Schwerarbeiter entsprechend mehr!) fest zugesagt ist. Der Sprung von 1050 auf 1550 ist nun wirklich kein Pappenstiel, und man kann diese Zusage nicht einfach mit der Bemerkung abtun, wie das leider geschehen ist: das wäre doch auch nur eine glatte Hungerration – zumal dieser Schritt ja nicht der einzige geblieben ist. Das "stille Begräbnis", das Mr. Hynd dem Industrieplan hat angedeihen lassen, wurde bereits erwähnt; wichtig ist dabei, daß zwar das Nichtzustandekommen der deutschen Wirtschaftseinheit die Begründung für die Abwendung vom Industrieplan gibt, daß aber die Neufestsetzung der Produktionsmengen auch dann Bestand haben soll, wenn es, gemäß dem Vorschlag von amerikanischer Seite, zu einem wirtschaftlichen Zusammenschluß aller vier Zonen kommen sollte.

Noch ist diese Möglichkeit ja durchaus gegeben, wenn auch einstweilen nur die Wirtschaftseinheit der beiden großen Westzonen effektiv betrieben wird. Daß dies geschieht, und zwar nach einem von Sir Sholto Douglas verkündeten, Programm, das allseitige Zustimmung verdient, ist ein weiteres positives Faktum. Einige Dinge kommen noch hinzu, wie die erleichterte Ausgabe von Produktions-Permits, das Ansetzen von sudetendeutschen Bergleuten im Ruhrgebiet, die Heranführung von "displaced persons" an die Arbeit – wie sich etwa die "Sunday Times" berichten lassen in einem Artikel, wo es heißt: "Es ist augenscheinlich, daß wir am Ende einer Periode kurzsichtiger Wirtschaftspolitik stehen."

Weiter hat sich auch in der Verkehrswirtschaft seit Jahresfrist vieles nachhaltig gebessert; das sollte dankbar anerkannt werden wenn auch die Präzision in der Abwicklung der Transporte noch mitunter erheblich zu wünschen übrigläßt. Und schließlich darf man ja auch erwarten, daß, wie seinerzeit zugesagt, der Druck, der falsch angesetzten, unproduktiv und wirtschaftsdrosselnd wirkenden steuerlichen Überbelastung einmal umgelagert und damit vernünftig gestaltet wird, wenn die Währungsregelung – wie neuerdings wieder von britischer Seite angekündigt – in absehbarer Zeit angepackt wird. Es wäre falsch, die Augen vor den Fakten und den Möglichkeiten einer Besserung unserer Lage zu verschließen, und das nur deshalb, weil uns der Mut zum Optimismus offenbar abhanden gekommen ist. E. T.