Wer nannte das rotfarbene Eiland in jenen Jahrhunderten, als es unter der Herrschaft Gottorper Herzöge und dänischer Könige sein anspruchsloses Dasein verdämmerte? Ein zerklüfteter Gipfel von knapp einem halben Quadratkilometer Fläche, der die Meeresoberfläche durchstößt, vegetations- und brunnenlos und, wozu auch kaum ein Anreiz bestand, nur unter Gefahren zugänglich; ein Orientierungspunkt vorbeiziehender Seefahrer und kümmerliche Behausung einer Handvoll friesischer Fischer. Auch als unter der britischen Flagge sich ein Seebad entwickelte und dankbare Sommergäste, die in wachsender Zahl kamen, den Zauber seiner Lage und die Heilkraft von Luft und Wasser priesen, beschränkte sich Helgolands Ruhm auf den bürgerlich-privaten Bereich. Das wurde anders, als das junge Kaiserreich in seiner verspäteten Kraftanstrengung den Blick auf See und nach Übersee richtete und das seit Jahrhunderten erfolgreiche, in allen Meeren beheimatete England aus der Nähe der eigenen Ausfallstore entfernt zu sehen wünschte. Seit Helgoland im Jahre 1890 in deutschen Besitz gelangte Und zu einem Eckpfeiler deutscher Macht ernannt wurde, geriet es auch in den Lärm der öffentlichen Diskussion, verschwand es nicht mehr aus dem Kalkül der Politiker diesseits und jenseits der Grenzen. Am Ende wurde die liebenswürdige Insel, derer so viele Menschen im Zusammenhang mit glücklichen Ferientagen gedenken, ein Opfer der ihm aufgelasteten Aufgabe, wurde im wörtlichen Sinn zerrieben im Kampf der Mächte, von unten ausgehöhlt durch das Gebot der Strategie, von oben zerschmettert durch die überlegenen Luftflotten des Gegners. Der Rest wird Schweigen sein nach einer letzten Serie von Explosionen, mit der die britische Admiralität den Trümmerhaufen jeder menschlichen Nutzung für alle Zeit entziehen wird.

Der Untergang Helgolands kennzeichnet symbolhaft den Abschluß einer Epoche deutscher Geschichte. Die Möglichkeit materieller Machtballung, und sich ihrer in der Völkerfamilie zu bedienen, ist uns mit einer bis ins Letzte durchdachten Radikalität genommen worden. Für Genesung und Wiederaufstieg müssen wir uns auf andere Kräfte besinnen. Nun mag der Verlust eines halben Quadratkilometers Felsland inmitten des Meeres angesichts der entsetzlichen Schlußbilanz kein übermäßiger Posten sein, wenngleich das Schicksal der entwurzelten Insulaner bitter ist, die nun endgültig zu dem unabsehbaren Heer der aus dem Osten kommenden Heimatlosen stoßen, nachdem der Krieg sie schon vor Jahren von den angestammten Sitzen vertrieb. Es ist schwer, sich damit abminder, daß unser demoliertes Land noch einer weiteren Schönheit verlustig geht, daß des Zerstörens noch immer kein Ende ist. Aber dies gehört zur Konsequenz, zur erbarmungslosen Konsequenz am Ende eines Weges, auf dem uns unglückliche Konstellationen, mangelnde Erfahrung und Schuld fortgerissen haben. Es wurde einmal Stimmungsmache damit betrieben, daß das Deutschlandlied auf Helgoland gedichtet worden sei, und für die unglückselige Verquickung dieses Liedes mit dem tragischen Anspruch auf "Weltgeltung" hat die deutsche Gedankenlosigkeit auch auf diese Weise gesorgt, jenes anderen Dichters – auch er ein wohlmeinender Freund Helgolands – wurde weniger und in den letzten Jahren auf Befehl gar nicht gedacht, Heinrich Heines, der auch von außen sein Vaterland zu betrachten lernte und die Verse schrieb: "Denk ich an Deutschland bei der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht."

Es ist ein Verhängnis, daß bei manchen Maßnahmen, die der Sieger der Sicherheit der Welt schuldig zu sein glaubt, zwangsläufig friedliche Aufgaben beeinträchtigt werden, an denen nicht nur wir, sondern auch er selbst interessiert wäre. Das ist der Fall bei der Zerstörung von Industrien, die zwar dem friedlichen Aufbau dienen und damit vielen Menschen Lebensinhalt und Zukunft gewähren könnten, unter Umständen jedoch ein gefährliches und darum unerträgliches Kriegspotential darstellen. Eine ähnlich bedenkliche Seite zeigt auch die restlose Vernichtung der Insel Helgoland. Brausen die gefürchteten und leider nicht seltenen Nordweststürme über die Nordsee, so gibt es von Norwegens Südspitze bis zum Kanal hin nicht einen Hafen, in den ein gefährdetes, schutzsuchendes Schiff einlaufen könnte. Weder die Elbe-, noch die Weser- oder die Emsmündung sind ohne schwere Gefahr anzusteuern, und die Einfahrt in den dänischen Hafen Esbjerg, vor dem die Grundseen bei Nordwest schon manches Opfer gefordert haben, ist berüchtigt. Einzige Zuflucht in der Deutschen See bot bislang Helgolands unter großen Mühen erbauter Kunsthafen, Mancher Fischer von der Doggerbank verdankt seine Rettung vor Havarie und Untergang dem nahen Helgoland.

Die Vernichtung der Insel dürfte beschlossen und nicht mehr aufzuhalten sein; schon ist sie aus der deutschen Verwaltung herausgelöst und der englischen Admiralität übergeben worden. Da es nun einmal so sein soll, wollen wir wenigstens eine Hoffnung daran knüpfen: daß mit diesem Stein des Anstoßes mehr in den Fluten versinkt als eine Festung und ein Mal militärischen Geistes, nämlich die versteinerte Erinnerung an die deutsch-englische Feindschaft. Lz.