Von Hermann Linden In jeder dieser Nächte, in denen ich spät nach Hause komme, siegt die Allee über die Straße rechts; der Umweg ist reizvoller als der gerade Weg. Diese Allee, die am Tage schon zum Besuche verführen kann, offenbart in der Nacht einen phantastischen Zauber.

Ihre Öffnung gleicht der Pforte einer romantischen Schlucht. Niedrig, breit, mit vielen Biegungen, zumeist in Finsternis starrend, von wenigen matten Lichtbändern leise Handdruck durchweht, schweigend wie ein Lesesaal, scheint sie sich hinzudehnen als Weg zu einem geheimnisvollen Reich. Jedesmal, wenn ich durch die Allee komme, träume ich – wach – denselben Traum: den Traum von vier Möglichkeiten,-die unerfüllbar bleiben.

Wäre Elisa hier, das seltene Mädchen, das so schön ist, daß es eigentlich nie Zeit haben könnte, sich Büchern zu widmen, aber dennoch die leidenschaftlichste Novellenleserin war, die ich kannte – so hätte ich bei den Nachtspaziergängen in der Allee die Begleiterin gehabt, die dem Stimmungsreiz gemäß war. Aber Elisa, die ich achtzehn Monate nicht mehr gesehen habe, ist weit enfernt; tief im Süden des Landes lachen ihre fröhlichen braunen Augen anderen Menschen zu. Aber gerade in der nächtlichen Allee muß ich immer am heftigsten an sie denken, an das große, schöne Mädchen, aus dessen rotblondem Haar zuweilen Funken zu sprühen schienen, an das Mädchen, mit dem ich zusammen die Geschichten aller genialen literarischen Zauberer las.

Wäre ich ein Maler, dann würde ich Pastellstifte und Papier in die Tasche stecken und die eigentlich undefinierbaren Farben der Beleuchtung nachzubilden versuchen. Gaslaternen stehen wohl in der Allee, aber sie brennen nur vereinzelt. Die Bogenlampen, kleinen, unbeweglichen Sonnen gleich, hängen still und genau in der Mitte der Allee. Sie senden, da sie Metallkappen tragen, ihr Licht senkrecht nach unten in einem Kreis, der breiter und breiter wird. Wo das Licht auf das Laub fällt, läßt sich das natürliche Grün der Kastanienblätter erkennen, das in der übrigen Finsternis in formloser Schwärze vergeht. Es würde mich reizen, als Maler diese bühnenhafte Mischung von Licht und Schatten, diese schwankenden, ineinanderströmenden starken und auch zarten Farben auf das Papier zu fesseln.

Die meisten. Bewohner der tief in die Gärten zurückgebauten Häuser sind verreist Ein Auto um diese Nachtzeit ist ein Ereignis. Wenn allerdings eines kommt, auf leisen, diskreten Rädern, irgendwo an einem der Portale hält, steigt immer ein Herr aus, der in seiner schwarzen Kleidung ganz im Einklang steht mit jenem unbeleuchteten Laub der Allee, die Frau aber zu seiner Seite harmoniert, rosa und bläulich schillernd, mit dem Bogenlampenlicht Wäre ich ein Dichter, so würde ich. gerade dieser geheimnisschweren Stille und geringen Belebtheit nachlauschend, Novellen mit tollen Handlungen erfinden. Die dichtblättrigen Kastanien, sonst harmlose Bäume, sind es, die der Allee ihre besondere Magie verleihen. Da ihr Laubwerk, in dem unablässig die Windgeister flüstern, so niedrig ist. daß man mit ausgestreckter Hand Blätter abreißen könnte, wirkt die breite Straße wie ein enger Gang, ein riesenlanger, schwarzgrüner Gang mit hundert Türen, die man nur aufzustoßen brauchte, um vielleicht wie Tannhäuser in manchen Hörselberg zu gelangen.

Aber noch etwas anderes ist zu spüren: das Dunkle, Versteckte, Lauernde eines großen, unsichtbaren, sprungbereiten Tieres, das sich jeden Augenblick in furchtbarer Größe erheben kann. Die abwartende Bereitschaft einer die Mauer entlangschleichenden, ihre Gesichter verbergenden Rotte, die nur den richtigen Moment abpaßt, um ein freches Abenteuer zu beginnen, im Scherz oder im Ernst. Etwas, was sich nicht benennen läßt, sich jede Sekunde offenbaren kann, aufstehen wird, sich zeigen, enthüllen, etwas, was den Atem anzuhalten scheint, weil die richtige Minute noch nicht gekommen ist.

Wäre ich ein Dämon. – ah, dann täte ich etwas ganz anderes, etwas, was einem Dämon entsprechen würde. Dann öffnete ich einmal in dieser nächtlichen Stunde mit meiner Hand, die dann eine unbegreifliche, unheimliche Macht besäße, die Wände der Häuser, um die geheimen Tätigkeiten der Bewohner zu erspähen.

* Da aber Elisa nicht hier ist, ich kein Maler, kein Dichter, auch kein Dämon, sondern nichts als ein Freund einsamer Spaziergänge und phantasieanregender Bilder bin, so gehe ich in der Allee spazieren, ohne irgendwelche Erfüllung zu erwarten, oft so lange, bis der aufziehende Morgen den Nachtreiz der Allee erstickt und bis die geheimnisvolle Stille erwachter Vögel tausendstimmige Musik ablöst.