Von Hanns Braun

Wie schwer! Wie schwer ist es doch, Stein unter Steinen zu sein! – Zwar – wir Dachziegel sind, wie jeder sieht, etwas Höheres als unsere plumpen Vettern, die, in Mauern eingelassen (wenn’s trifft: auf tausend Jahre), neben, unter, über sich nichts spüren und schmecken als Mörtel... Ziegelsteine, Mörtel... Ziegelsteine. (Entsetzlich!) Aber auch hier oben, wo wir alles aus erster Hand haben, Sonne wie Regen, und auf das meiste, die Menschen nicht ausgenommen, herabschauen dürfen, will’s mir, je länger desto weniger gefallen. Am ärgsten verdrießt mich, daß aus dieser Flachziegelherde da keiner merkt, daß ich ein besonderer Dachziegel bin. Ich bin nämlich der, den die da unten beschreien, wann immer sie der Ungewißheit ihres Lebens innewerden. Es braucht nicht viel – pflegen sie zu sagen –, eben noch wandelst du lachend des Weges, da fällt dir ein Dachziegel auf den Kopf, und schon bist du hin!

Dieser Dachziegel also bin ich. Emblem der Schicksalsmacht! Und offen gesagt, wundert’s mich sehr, daß noch kein Maler mich abgebildet, mich Dachziegel in der Hand des fernhintreffenden Zeus, zum Schleudern gezückt! Es war mal was anderes als der olle Blitz, den sie ja jetzt einfach ablenken – was gegen uns Dachziegel noch nicht erfunden ist. Früher haben die Leute, mich beredend, immer brav hinzugefügt: "Flucht nicht! Bestellt euer Haus!" Oder so ähnlich. Doch das gehört nicht mehr zum guten Ton. (Schade!)

Immerhin – was an mir ist, merkt man auch daran, daß die meistenMenschen, ob sie gleich aus andern Ursachen draufgehen, von mir als möglicher Todesursache so ernsthaft reden wie gelegentlich eines Hagelwetters von Taubeneiern, wiewohl sie ihr Lebtag kein Taubenei gesehen. Nicht wahr?

Zwar – von Hagel redet ein Dachziegel besser nicht. Gerade so gut könnt’ ich wünschen, daß Hausmeisters Heini auch unsern Dachstuhl mit dem Brennglas anzündet, wie neulich den von vis-à-vis. Wir sind jetzt das letzte Haus hier. Hei, es klickert nicht schlecht, wenn wir in Scharen abrutschen! Vielleicht verstehn die Menschen dies Töndien, auf das in aller Welt nur wir Dachziegel gestimmt sind!

Aber, Teufel, ich rutsche ja! Ihr Schufte habt losgelassen! Nun, stets wollt ich ja frei sein; fahrt wohl denn, Mitziegel, blöde Bande, ich vergebe euch. Triumph: ich fliege! Nur, um Gottes willen, Fräulein, küssen Sie sich nicht grad unter mir. Bahn frei! Fort! Auseinander!... Entzwei. – Nur ich selber? Gott sei Dank! Sie finden, für einen Stein hätte ich zuviel Herz? Aber wieso denn? Schließlich stehn Menschen uns Ziegelsteinen am nächsten. Sind sie nicht auch – ganz wie wir – aus Lehm gemacht? (Er stirbt.)