Von Rudolf Krämer

Das Daguerreotyp ist oft und immer gleicherweise gelobt, die Fotografie immer getadelt worden. Auch haben manche dem Verfall der Bildkunst den Verfall des menschlichen Angesichts gleichgesetzt, das Weichen der Seele aus dem Bild in der zunehmenden Entseelung des Gegenstandes wiedergefunden.

Nicht immer sollte dich ein altes Daguerreotyp melancholisch stimmen. Ich habe mit mehr oder weniger – Glück Lauras Urgroßvater in mein Heft gezeichnet. Seine Stirn ist geräumig, sein Blick drängt kräftig nach vom, und um den Mund lagern Strenge und Sinn für Humor. Er hat der Familie die Industrie gebracht, in der sie heute noch ankert. Jung und stolz floh er vor den österreichischen Tyrannen in das schon damals gelobte Land und trug dabei im geflochtenen Korb sein jüngstes Kind auf dem Rücken über die Alpen. Er ist mit seiner Kiepe der Familie ein Sinnbild der Unbeugsamkeit und heißer Vaterlandsliebe geworden.

Ein Wunder ist es immer wieder, daß am Stamm der menschlichen Gesellschaft zu jeder Zeit ein paar Blüten offen sind; selbst unter Völkern, die nach regelmäßigem Urteil, solche Blüten nicht versprächen. In einem Land, das arm ist an Rohstoffen und reich an Rotten, in einem Land, das arm ist an Gegenwart (die Gegenwart ist die Maschine) und reich an Vergangenheit (die Vergangenheit: das Handwerk und die schöne Kunst), wo das Volk nur wenige Jahre zur – Schule geht, in einem solchen Land scheinen die Blüten hoher Menschlichkeit am erstaunlichsten.

Das Beispiel zeigt, wie schwer es ist, richtig zu urteilen. In der Aufzählung oben ist dies unausdrücklich mit eingeschlossen: Wo für Maschinen kein Platz ist, kommen die "mittleren Schichten", die Kleinbürger oder die Halbgebildeten schwerlich hoch. Man ist arm oder reich. Der Handwerker muß immer besser und schöner arbeiten, um nicht Hungers zu sterben. Daher ist alles im italienischen Haus, Möbel Gerät und Kleid, mit der Hand angefertigt. Die Italiener haben im Zivilisatorischen Kultur, und sie haben ein eigenes Wort, civiltà, dafür. Man ist arm oder reich, man hat. nichts oder – Schönes, man ist wirklich zum Menschen gebildet oder rührend ungebildet, alles Halbe ist diesem Himmelsstrich fremd. Und das ist ihr Glück.

Die Mechanisierung dagegen des nordeuropäischen Lebens, die unkrautartige Ausarbeitung des vielgepriesenen Kleinbürgers (unter dem Namen "gesunder mittlerer Schicht") ist unser Unglück, im tiefsten Sinne und wörtlich genommen unser nationales Unglück geworden. Geistig gesehen ist das Zeichen der kleinbürgerlichen Massen: nicht wahrhaft gebildet, nicht wahrhaft ungebildet, sondern halb-, sondern eingebildet zu sein. Um unser Unglück voll zu machen, und um es sichtbarlich jedem (nur nicht uns selbst) in die Augen springen zu lassen, ist zuerst und einzig in Deutschland diese Schicht politisch allmächtig geworden.

Mein Zorn reißt mich hin. Vergiß nicht das Daguerreotyp! Wie im Geistigen ist es im Geistlichen hier. Der Klerus ist kleinlich und ungebildet; sehr bitter sagte ich einmal, sein Unwissen sei eine Eigenschaft seines Charakters Aber hier giltch dasselbe: auch hier fehlt der Halbgebildete. Der Priester ist einfach wie sein Volk, oder aber – es erhebt sich über der mageren Feldblumenwiese unerwartet die schwere, edle Dolde des italienischen Papsttums und des wahrhaft gebildeten Priestertums.