Ein nur kurzer Aufenthalt in Brüssel oder, was noch charakteristischer ist, in Antwerpen vermittelt uns ein Bild der entscheidenden Kräfte. Einmal zeigen die Läden in wohl keinem der vom Krieg heimgesuchten Länder so volle Auslagen, wie in Belgien, anderseits deuten die Bilder des Königs und die sein Schicksal betreffenden Aufschriften an den Häusern darauf hin, daß auch außerhalb der Wahlzeiten die politischen Kämpfe erbittert hin und her gehen.

Wirtschaftlich hat sich Belgien auffallend rasch erholt; es nimmt eine Sonderstellung ein, speziell im Vergleich zu den beiden Nachbarländern Holland und Frankreich. Die monatliche Kohlenförderung hat sich seit Kriegsende vervierfacht und hat somit 80 Prozent des Vorkriegsstandes erreicht gegen allerdings 107 Prozent in Frankreich; die Strombelieferung ist größer als je, die Erzeugung der wichtigsten Industriezweige, wie Textilien, Chemie, Stahl, hat zwei Drittel des Vorkriegsumfanges überschritten. Der belgische Franken ist eine der stärksten Währungen, – weder unterbewertet wie der schweizerische, noch überbewertet wie der französische Franken. Gegenüber diesen Tatbeständen besagt es relativ wenig, daß bis zum Vorkriegsstand noch ein erheblicher Schritt zu tun ist, so z. B., die Ausfuhr mengenmäßig erst 44 Prozent der Vorkriegszeit ausmacht gegen III. Prozent in England.

Worauf ist es zurückzuführen, daß Belgien die Nachkriegsprobleme soviel wirksamer anpacken konnte, als manches andere Land? Es ist zunächst hinzuweisen auf den Reichtum des Landes wie auf die uralte Tuchindustrie Flanderns, die Erz- und Kohlenvorkommen Walloniens und die hierauf aufgebauten Industriezweige, die Spezialerzeugnisse der Landwirtschaft, wie Treibhaus-Weintrauben und Frühgemüse, auf die günstige Lage am Schnittpunkt der Verkehrswege sowie auf den durch diese Momente und den Fleiß bedingten Kapitalreichtum. Entscheidender ist wohl, daß die Enge des Raumes zur Aktivität zwang. Belgien ist mit 274 Einwohnern auf den qkm gegen 135 im alten Deutschland, 76 in Frankreich und 27 im eigentlichen England (ohne Schottland) das am dichtesten bevölkerte Land der Welt. Als – Land mit dem engsten Ernährungsraum wurde es hochindustrialisiert und ein Land des Liberalismus, des Freihandels und des Fortschritts. Man mußte intensiv arbeiten, wenn man bestehen wollte, und so entwickelte sich eine handwerkmäßige und industrielle Tradition tüchtiger und aktiver Arbeiter,

Mit dieser schmalen Rohstoff- und Ernährungsbasis, mit diesem Zwang, mehr als die Hälfte der Rohstoffe und Lebensmittel einzuführen, ist zwar eine leichte Verwundbarkeit gegeben, sobald der Weltmarkt für belgische Waren nicht genügend aufnahmefähig ist, wie es sich in den Jahren 1930 bis 1936 zu deutlich zeigte – aber zurzeit, da alles am Weltmarkt verkauft werden kann, wirken sich nun die Lichtseiten aus.

Vom Krieg ist Belgien nur wenig mitgenommen worden. Die meisten Fabriken sind unbeschädigt. Der Hafen von Antwerpen konnte, mit Ausnahme einiger Anlagen für Massengüter, nach dem Einzug der alliierten Truppen sofort wieder voll in Betrieb genommen werden.

Als ein Grund für die relativ schnelle Erholung, und nicht als unwichtiger, ist ferner anzuführen, daß Belgien aus den Lehren des ersten Weltkrieges sehr viele Schlüsse ziehen konnte, daß es gewissermaßen alle Probleme zum zweiten Male durchexerziert. Im Winter 1939/40 konnte man überall in Belgien beobachten, wie die Belgier sich auf einen von ihnen als unvermeidlich angesehenen langen Krieg einstellten und zu diesem Zweck Vorräte über Vorräte ansammelten. Während der deutschen Besetzung bekam man von seinen belgischen Freunden Leckerbissen aus diesen Vorräten angeboten, und noch jetzt hat mancher von diesen im Winter 1939/40 angekauften Schätzen. Entsprechend ist die Lage in der Produktionswirtschaft. Rohstoffe sind überall geschickt versteckt worden. Die Bauern haben einen weit höheren Viehbestand, als den angegebenen, was zum Teil die Lage am schwarzen Markt erklärt, wo kaum noch Überpreise gefordert (und bewilligt) werden. Nach Kriegsende sind diese Vorräte aus Angst vor einer Inflation zunächst nur zögernd hervorgeholt worden, aber dann, als die Inflationsgefahr gebannt zu sein schien, weit williger. Rohstoffe und Nahrungsmittel sind zwar nicht in Fülle da, aber dank der Wiederaufnahme der Einfuhr nicht im entferntesten so knapp, wie in andern Ländern.

Die Regierung ist sich darüber im klaren, daß deswegen manches nicht so rosig ist, wie es erscheint. Ihre Aktivität ist auf drei große Schlachten konzentriert: Erhöhung der Kohlenförderung über den Vorkriegsstand hinaus, Stabilisierung und möglichst Senkung der Preise, Forcierung der Ausfuhr auf mindestens 20 Mrd. Franken in diesem Jahr, um die Einfuhr an Rohstoffen und Nahrungsmitteln bezahlen zu können.