Der Senator Robert M. La Follette junior vertraute nicht unbedingt seiner eigenen, im amerikanischen Parlament allerdings nur durch ihn vertretenen Fortschrittspartei, sondern suchte in Wisconsin Aufstellung als Kandidat der Republikaner – und fiel durch. Die Herrschaft der Dynastie La Follette fand somit in Wisconsin ein jähes Ende – es sei denn, La Follette mobilisierte genügend Mittel, um sich als Kandidat für seine alte Fortschrittspartei um den Posten eines Gouverneurs, Senators oder Abgeordneten zu bewerben.

Diese Vorwahlen, bei denen La Follette gestolpert ist, sind eine Eigenart der amerikanischen Demokratie. Sie entscheiden über die Aufstellung der Kandidaten innerhalb der beiden Parteien und sind vom Staate sanktioniert. Sie sind in jenen Staaten, in denen die Herrschaft einer Partei unbestritten ist, wie z. B. in den Südstaaten die der demokratischen Partei, wichtiger als die eigentlichen Wahlen. Bei diesen Vorwahlen entscheidet sich insbesondere, welche Richtung innerhalb der Partei den Ausschlag gibt, ob der linke oder der rechte Flügel, der gewerkschaftsfreundliche oder eine andere Strömung. In den zur Zeit veranstalteten Vorwahlen werden die Kandidaten aufgestellt für die Wahlen im November, wenn das Parlament und ein Drittel des Senates neu zu wählen sind.

Wisconsin ist der einzige Staat, wo seit langem neben der demokratischen und der republikanischen Partei noch eine dritte, die Fortschrittspartei, ein Wort mitzusprechen hat. Dies erklärt sich daraus, daß die Nachkommen deutscher und skandinavischer Einwanderer, die knapp die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, zu sehr noch europäisch empfinden, um das Entweder-Oder der beides. Parteimaschinen anzuerkennen. Wirtschaftlich mag mitwirken, daß in Wisconsin der Mittelstand, der von den beiden großen Parteien etwas vernachlässigt wurde, viel Gewicht hat, und parteigeschichtlich gesehen, daß dieser spät besiedelte Staat von den beiden großen Parteien ganz allgemein nicht immer die rechte Förderung erhielt.

So konnte Robert M. La Follette sen. seit 1885 als Führer der Fortschrittspartei mehr. und mehr Boden gewinnen. Er fühlte sich, als zu den Stimmen des Mittelstandes die der unzufriedenen Bauern und Arbeiter hinzukamen, 1924 so stark, daß er sich als Präsident der Vereinigten Staaten bewarb, aber sein Programm der Fortschrittspartei brachte ihm nur in Wisconsin genügend Stimmen. Dort jedoch galt sein Wort unumschränkt; er war Gouverneur und Senator. Nach seinem Tode im Jahr 1925 übernahm sein Sohn das politische Erbe. Auch er war der ungekrönte König von Wisconsin und gehörte im Senat unbestritten zur ersten Garnitur. Sechs Jahrzehnte hat die Dynastie La Folette in Wisconsin geherrscht.

Wenn der jüngere Robert M. La Follette in diesem Jahr sogar auf die Aufstellung durch seine Fortschrittspartei verzichtet hat, so bestätigt es augenfällig, wie gering die Aussichten einer dritten Partei in den Vereinigten Staaten sind. Pläne dafür tauchen immer wieder auf. So hieß es vor einem Jahr, daß der politisch aktivste der Gewerkschaftler, Sidney Hillman, den von ihm gegründeten und geführten politischen Aktionsausschuß (PAC) der CIO-Gewerkschaften zu einer dritten Partei, ähnlich der englischen Arbeiterpartei, ausbauen wolle. Doch da er vor einigen Wochen starb, ist auch wohl dieser Plan einer dritten Partei zu den Akten gelegt. Die – beiden großen Parteien herrschen unumschränkt. W. G.