Von Hanns Braun

Als ich du zum erstenmal sah – es war in Leningrad und man schrieb noch 1932 – da hatte Ich ein unbehagliches Gefühl. Es gab da Läden, "Torgsin" geheißen, in denen nur Ausländer gegen Preisen kaufen konnten. Tatsächlich gab es da alles, was schön, gut und teuer war; besonders sind mir herrliche Intarsien, Erzeugnisse russischer Volkskunst, in Erinnerung. Aber wiewohl auf der "Ausländer"-Seite stehend und dank meiner Reichsmark-Devisen zum Kaufen ermächtigt, mißfiel mir die ganze Veranstaltung. Unserer westlichen Auffassung nach (damals zweifelten nur wenige unter den Mitreisenden, daß wir zum Kosten gehörten) widersprach es der Würde des Menschen, ihn generell und durch einen finanztechbischen Kunstgriff von dem Erwerb derjenigen schönen Dinge auszuschließen, die er selbst gesät, angebaut oder hergestellt hatte. All das, was es im Ausländer-Torgsin zu kaufen gab, war damals ist den normalen, nichtprivilegierten Russen unerreichbar. es sei denn, er hätte Devisen gehabt, die zu haben ihm verboten war. Es war aber nicht so, daß er da von seinem Überfluß abgegeben hätte; er entbehrte das meiste, lebte in drückenden Verhältnissen; es war der omnipotente Staat, der "dem Ochsen, der da drosch, das Maul verband", weil er für das Gedroschene Devisen bekam zum Aufbau von Fünfjahresplänen ...

Hernach; als manches von diesen Dingen bei uns Schule machte, fehlte auch die genannte Folge nicht: bald gab es im Ausland die köstlichsten deutschen Erzeugnisse zu kaufen, von denen uns Deutschen "das Maul sauber blieb", und das steigerte sich natürlich im Kriege, so daß mancher Deutsche, der das Glück hatte, nach Italien zu reisen, sich dort das Stück deutscher Seife erwerben konnte, die et zu Hause seit Jahr und Tag entbehren gemußt. Bekanntlich gewöhnt man sich an alles, und durch so viele Schichten der Entwürdigung abwärtssinkend. haben bei uns zuletzt die meisten die Entrechtung des Einzelmenschen wohl mehr in anderen Umständen gesehen und erprobt als gerade in solchen Dingen, für die ein immer wachsender Notstand die nachträgliche Rechtfertigung lieferte

letzt ist in München im "Haus der Kunst" eine erste bayrische Exportschau feierlich eröffnet worden, und zwar nach dem Torgsinprinzip im großen: nichts von den ausgestellten Erzeugnissen ist für Deutsche erwerbbar. alles soll ins Ausland, nach Übersee vor allem, um die nötigen Devisen für unsere Ernährung und für den allmählichen Aufbau unseres Produktionsapparates zu schaffen. Aus den Ansprachen klang ein beschwörender Ton, der den Ernst der Lage, die zu diesem Versuch führte, nicht verhehlt hat Tatsächlich gleichen wir nun ziemlich genau dem armen Mann, der seinen letzten Goldring, ja mehr noch: der das hingibt, was er selbst entbehrt, um einen Laib Brot dafür einzutauschen. Daß es ums Letzte, ums nackte Leben geht, macht diese Exportschau für uns Deutsche so bemerkenswert. Denn einen größeren Unterschied als den zwischen diesem kahlen Schicksalshintergrund und dem bezaubernden Reichtum, der sich unseren Augen darbietet, kann man sich kaum ausdenken Da sind sie, die Stoffe und Kleider, die Schuhe, Porzellane und Gläser, die Ledertaschen und Koffer, die sich bei uns seit Jahren keiner, der "nur" Geld hat, kaufen kann, die Bleistifte und Farbtuben, nach denen sich der Maler vergebens die Sohlen abläuft, die Reißzeuge und Rechenschieber, die der Student entbehrt, die Heizöfchen die uns den Winter weniger schreckhaft würden erscheinen lassen, die Spielzeuge und Puppen, die wir unsern Kindern nicht unter den Christbaum werden legen können, und tausend köstliche Sachen mehr!

Wer indessen nach dieser flüchtigen Aufzählung annähme, daß die Menge der Deutschen, die durch die hellen Ausstellungsräume pilgert auf all das Dargebotene mit verdrossenem Neid, mit Rückgefühlen und Jammer schaut, der irrt völlig. Das Gegenteil scheint der Fall: die Menschen sind glücklich! Für anderthalb Stunden ist gleichsam diese Elendszeit fortgewischt: "Das gibt es also noch!" sagen sie. "Das alles ist noch da!" Und nicht zuletzt: "Das also können die Unsrigen noch immer machen; sie haben es nicht verlernt!" Und hier liegt nun in der Tat ein Trost und ein Anlaß stolz zu sein. Die Ausstellung bewährt nicht nur die in München beheimatete Kunst des geschmackvollen Ausstellen? selber, sie zeigt auch eine solche Fülle handwerklichen, künstlerischen and technischen Könnens, wie wir uns dessen selber fast nicht mehr versehen hätten. Es tut nichts, daß nicht wir uns des Besitzes dieser Dinge freuen sollen, wichtiger ist, daß wir sie machen können und (wo der Genius bei mitgeschaffen hat seit einem Jahrhundert und länger) auf noch immer unvergleichliche Weise. Bei manchem, über dessen Finessen nur der Einheimische ganz Bescheid weiß, bedrängt ihn höchstens die Frage, ob denn der, der sie bekommt, sie auch zu würdigen verstehen werde – zum Beispiel bei Trachten, bei Wachsplastiken, Hinterglasbildern und ähnlichem.

So hat denn also diese Schau, noch ehe sie ihren wirtschaftlichen Effekt haben kann, einen seelischen von gewiß nicht unbedeutendem Gewicht. Sie verkörpert. wenn auch wie eine Phantasmagorie, die entschwindet, den FRIEDEN und läßt ein Gran Hoffnung, er könnte doch auch zu uns einmal wiederkehren, als seine erste Gabe zurück. Sie verkörpert aber auch, weil sie eine deutsche Leistungsschau von hohen Graden ist, ein Stück Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen; daß es mit uns sehr wohl geraten könnte, wofern man uns nur läßt. Und darin begegnen sich, wenn erst einmal die Nebelbank des nachtragenden Hasses und Mißtrauens durchschritten sein wird, die Interessen des Auslandes mit den unsern. Denn wenn die Menschheit während eines Krieges sich nicht gern lumpen läßt und unbesehen Hunderttausende ausgibt für ein einziges Projektil, das dem Gegner Abbruch tut, gewinnt danach, im Zwischenreich des Katzenjammers, das Geld seinen Ranganspruch zurück, und wenn dann die Hand öfters nach dem Geldbeutel fahren muß als ihr lieb ist. bekommen auch vernünftige Überlegungen langsam wieder die Oberhand. Einer solchen dankt auch diese Münchner Exportschau, die ja fortgesetzt und ausgebaut werden soll, ihr Entstehen: der Überlegung, daß Deutschland nicht von Almosen der Westmächte leben kann, woraus dann folgt so wie die Nacht dem Tag: daß man es nicht völlig "abmontieren" kann, sondern ihm Gelegenheit geben muß, sich sein (einzuführendes) Brot selbst zu verdienen. Uns die wir das längst gern möchten, uns kann es nur lieb sein, wenn dies durch hochwertige Veredlungsarbeit, durch Kunstfertigkeit und Kunst, geschieht und damit der "Verschundung" Fehde angesagt wird, an der auch wir, innerlich wie äußerlich, schon allzulange kranken.

Noch ist die Schau ein Experiment, denn ihr Fortgang, ihr Nutzeffekt wird davon abhängen, daß das Material, aus dem man diese schönen Dinge fertigen kann, in steigendem Maße zur Verfügung bleibt. Das ist realiter möglich. Mögen immerhin Besucher, die zu Hause nichts mehr haben, die ausbombardiert oder ausgetrieben sind, sich im Anblick dieser Schätze mitunter über die Augen fahren wie Menschen, die feststellen wollen, ob sie träumen oder wachen – dies alles wird eines Tages doch auch ihnen zugute kommen, und der Akt neidlosen und fröhlichen Entsagens, den die deutschen Besucher dieser Ausstellung beisteuern, hat jetzt schon seinen Lohn in sich. Und wenn auch unsere Augen, gewöhnt an die unsägliche Zerstörung unserer Wohnstätten, mit verwunderter Wehmut auf den Modellen kleiner bayrischer Holzhäuser ruhen, die denn also nach Amerika gehen sollen, während es hierzulande am dringendsten Wohnraum gebricht, so wissen wir doch, bei aller Wunderlichkeit des Weltgangs: diese Schau ist ein Lichtblick, und meinen gesagt zu haben, warum.