Die Verhandlungen über die Aufteilung des deutschen Auslandsvermögens zwischen Alliierten und Neutralen werden in Deutschland nicht sehr interessiert verfolgt. Für uns war das Schicksal unserer Auslandsguthaben bereits am 30. Oktober 1945 entschieden, als das Kontrollratgesetz Nr. 5 sämtliche staatlichen und privaten Auslandswerte auf den Kontrollrat überführte. Damit schien – für uns jedenfalls – das letzte Wort über die Auslandswerte gesprochen. Was nun noch kommen konnte, galt den meisten nur noch als ein Streit um die Beute unter den Siegern, der uns nichts mehr anging. Aber auch uns betrifft die Entscheidung über – die Aufteilung unseres Auslandsvermögens unmittelbar. Dieser Kampf ist mehr als ein Streit um die – im Vergleich zu den Gesamtforderungen an Deutschland – doch nur magere Beute. Es dreht sich um die Frage: sollen auch die neutralen Länder ein finanzielles Opfer bringen und einen Beitrag à conto Wiederaufbau leisten oder nicht.

Die neutralen Staaten Europas beabsichtigten, zunächst, sich an den deutschen Auslandswerten für die beträchtlichen eingefrorenen Clearingforderungen gegen dasReich schadlos zu halten. Denn wenn die deutschen Auslandsguthaben einschließlich aller Patente und ähnlichen Rechte und aller Industriewerke auf 1 1/2 Milliarden Dollar geschätzt werden, so stehen diesem Betrage Auslandsverpflichtungen gegenüber, die in manchen Ländern ein Vielfaches der Forderungen betragen. Die deutschen Verpflichtungen gegen die Schweiz sind beispielsweise viermal so hoch wie die deutschen Gegenforderungen.

So trafen schon in den Verhandlungen um die Werte in der Schweiz zwei Standpunkte aufeinander: die Schweiz wollte die deutschen Vermögenswerte gegen ihre eigenen Forderungen aufrechnen, im wenigstens einen Teil der vielfach schon seit den Stillhalteabkommen der Jahre 1931 und 1933 eingefrorenen Guthaben in Deutschland zu realisieren. Die Alliierten forderten die Herausgabe der deutschen Auslandswerte und damit einen vorläufigen Verzicht der Schweiz auf die Eintreibung ihrer eigenen Forderungen. Die Schweiz als ein Land, das dem Kriege eine bisher nicht erlebte Hochkonunktur verdankt und nur geringe Einbußen an einem normalen Leben in Kauf nehmen mußte, teilt sich auf den Rechtistandpunkt. Sie erkennt das Kontrollratgesetz. Nr. 5 nicht als bindende Rechtsgrundlage für sich an. Die Alliierten daegen nehmen das ,,Ausnahmegesetz" des Krieges und der Not Europas für sich in Anspruch und fordern auch von den Neutralen einen Beitrag für den Wiederaufbau Europas.

Der Verhandlungskampf wurde schließlich nicht durch eine juristische Entscheidung beendet, sondern durch den Einsatz wirtschaftspolitischer Machtmittel. Schweizer Zeitungen sprechen sogar böse von Erpressung. Denn die USA spielten zwei Trümpfe aus, die sie gegen die Schweiz und die übrigen Neutralen noch in der Hand hielten: die Blockierung neutraler und feindlicher Guthaben in Amerika und die Schwarzen Listen. Die Schwarzen Listen bedeuteten den Boykott aller Firmen, die während des Krieges mit Deutschland zusammenarbeiteten. Sie waren bisher nicht aufgehoben worden, um den alliiertenfreundlichen "weißen" Firmen einen Startvorsprung bei der Wiederaufnahme des Außenhandels zu verschaffen. Jetzt wurde ihre Aufhebung an die Bedingung geknüpft: Auslieferung der deutschen Vermögenswerte in der Schweiz und Herausgabe des im Kriege von Deutschland erhaltenen Goldes, das größtenteils aus den damals deutschbesetzten Ländern, wie Belgien, stammte.

Die endgültige Einigung war ein Kompromiß. Die USA entblocken das Schweizer Vermögen in Amerika und heben die Schwarzen Listen auf. Dafür liefert die Schweiz den Alliierten die Hälfte der beschlagnahmefähigen deutschen Werte aus. Es handelt sich um etwa 250 Mill. Schweizer Franken (50 Mill. Dollar). Dieser Betrag soll für die Notgebiete Europas, darunter auch Deutschland, verwendet werden. Von den 860 Mill. sfr des sog. Raubgoldes wird die Schweiz 250 Mill. herausgeben.

Der deutsche private Auslandsgläubiger konnte als Ergebnis des Washingtoner Abkommens über die Werte in der Schweiz zwei wichtige Erleichterungen des Kontrollratgesetzes verbuchen:

Erstens werden die in der Schweiz lebenden Deutschen nicht enteignet werden – es sei denn, sie wären politisch belastet. Dadurch bleibt etwa die Hälfte des deutschen Eigentums in der Schweiz, nämlich 500 Mill. sfr, beschlagnahmefrei.