Wer heute in Deutschland die Frage stellt, welches denn unsere Hauptstadt sei, wird oft auf erstaunte Gesichter und verlegenes Schweigen treffen, und besteht er auf einer Antwort, so wird er feststellen müssen, daß wenig Neigung herrscht, sie unumwunden zu geben. Die strengen Grenzen, die die Besatzungsmächte zwischen ihren Verwaltungsgebieten errichtet haben, bewirken offenbar, daß das Gefühl für die Einheit des Staates zurückgedrängt wird. Wir sind – mehr als wir sollten gewohnt, unsere Gedanken nach den Zonen zu formen, in denen, wir leben. "Bei uns heißt in einem Gespräch zwischen einem Münchner etwa und einem Kölner nicht mehr "bei uns in Bayern oder "im Rheinland", auch nicht schlichtweg "in meiner Vaterstadt", sondern "bei den Amis" oder "bei den Tommies". Man hat sich leider daran gewohnt, die Verhältnisse nach den Verordnungen und Gesetzen; nach Handel und Verkehr und nicht zuletzt nach den Rationen der einzelnen Zonen zu betrachten. Nun, die Gefahren des Auseinanderlebens, die in solcher Lässigkeit des Denkens liegen, wollen wir gewiß nicht überschätzen. Aber diese Stimmungen treffen zusammen mit politischen Ideen, die wurzeln und ernst verfochten werden.

Eine starke Zentralisierung, "die sich bereits in Weimarer Republik von Jahr zu Jahr mehr durchsetzte, die im Hitler-Deutschland zum Staatsprinzip erhoben wurde und die während des Krieges ihren Höhepunkt erreichte, hat jetzt starken zentrifugalen Gegenkräften Platz gemacht. Wie so oft bei uns – man könnte hier geradezu von einem deutschen Fehler sprechen schwingt das Pendel wieder einmal weit aus, so weit, daß man versucht sein könnte, von einer Flucht aus der Einheit zu sprechen. Wir meinen damit nicht etwa jenen eigensüchtigen Separatismus, der heute sein schlagendesSinnbild in dem "Speckdänen" gefunden hat. Was wir meinen, ist vielmehr jene Überspitzung des föderativen Gedankens, die sich bis zu dem Wunsch versteigt, die deutsche Staatseinheit zu zerschlagen.

Auch hier wäre wohl zu unterscheiden zwischen einem spießbürgerlichen Partikularismus nach altbackener Überlieferungen und jener ideal gesinnten Bewegung, die Deutschland in einzelne Länder auflösen will, um die nötige Vorstufe zu schaffen für eine zukünftige Bildung der Vereinten Staaten von Europa Doch welches auch immer die Wurzeln sein mögen, aus denen sich eine solche Politik der selbständigen Länder herschreibt, es hieße jedenfalls über das Ziel hinauszuschießen wenn man um den Zentralismus zu vermeiden, jede zentrale Bundesregierung ablehnen wollte. Gerade heute sollte das keines Beweises bedürfen, dasich jedem, der offenen Sinnes ist, die Notwendigkeit darbietet, daß zentrale deutsche Regierungsstellen vorhanden sein müßten, um die wichtigsten innen- und außenpolitischen Fragen mitverhandeln oder zum mindesten mitberaten zu können.

Der Sitz einer solchen zentralen Regierung nun ist die Hauptstadt des Landes... Man kann nicht einfach beliebig irgendeine Stadt dazu wählen. Nicht Vichy, trotz seines Regierungsviertels, seines Präsidenten und seiner Minister, sondern Paris war auch während der deutschen Besetzung die Hauptstadt von Frankreich. Es ist ein eigentümlicher Glanz um solche Städte. Wer würde nicht bei Namen wie Rom, Madrid, Moskau, London, Paris spüren, daß sie mehr sind als der Sitz einer zentralen Regierung, daß sie die Herzkammern sind ihrer Länder, Sinnbilder ihrer Menschen, ihrer Kultur, ihrer Wirtschaft und ihrer Technik, ihres politischen Daseins und ihrer privaten Sphäre, mit einem Wort:’ Stellvertreter der Nation.

Begreift man nun, wie aufschlußreich jenes "Bei, uns" ist, das sich immer nur auf die jeweilige-Zone bezieht, wie sehr die Verwirrung der Geister darin zum Ausdruck kommt, und wie echt die Verlegenheit, ja das Erschrecken eines schlechten Gewissens sich zeigt bei denen, die auf die Frage nach der deutschen. Hauptstadt keine Antwort wissen? Warum scheut man sich, den Namen Berlin auszusprechen? Ist damit ein Zauberwort gesagt, das alle selbstsüchtigen Zwecke vernichtet? Dort jedenfalls ist die echte Tradition der Hauptstadt nicht erloschen, denn wenn man in dieser fünften Zone in einem Gespräch "bei uns" sagt, meint man nicht etwa sich selbst, sondern: Deutschland.

Es mag etwas überraschend klingen, daß wir von Berlin als von einer fünften Zone sprechen. Tatsächlich gehört es – ja zur russischen Zone, da es aber in vier Sektoren geteilt und von vier Besatzungsmächten untereiner gemeinsamen Kommandantur besetzt ist, auch, von einem gemeinsamen Koordinierungsausschuß verwaltet, wird, so hat es eine sehr selbständige Stellung, die man wohl mit einer besonderen Zone vergleichen, ja als etwas bezeichnen könnte, das noch darüber hinausreicht. Berlin ist; politisch gesehen, auf eine besondere Weise wieder zu einer Weltstadt geworden, nicht im Sinne einer beherrschenden Macht der Politik, der Finanzen, des Handels oder eines Zentrums von Kultur und Vergnügen, sondern als ein internationales Feld, auf dem sich die politischen Strömungen der Weltmächte treffen, bekämpfen und ingleichen, regelmäßig und täglich, wie sonst nur im Rahmen von Konferenzen. Die sehr weltstädtische Atmosphäre, die so entsteht, zeigt sich schon äußerlich darin, daß man morgens am Kiosk unter vielen anderen vier Zeitungen kaufen kann, von denen jede die politische Meinung je einer der vier Großmächte enthält, weil jeder Sektor seine offiziöse Zeitung herausgibt, die unter dem Patronat der Besatzungsmacht steht. So spiegelt sich in der berliner Presse das Deutschland der heutigen Zonen wider; wo wir nur einzelne Facetten erblicken, sieht man dort in einem Überblick das ganze Bild.

Berlin ist Sitz des Kontrollrates, derjenigen Institution der Siegermächte, die Gesetze und Verordnungen auf Grund der Potsdamer Beschlüsse für ans Deutschland erläßt Auch hier wieder wird der Charakter derHauptstadt von den Großmächten der Welt anerkannt und betont. Doch wenn auch die Stadt dadurch unter den andern deutschen Städten herausgehoben und ausgezeichnet wird, so hat dies nicht der Grund dafür, daß die Berliner Deutschland immer als Ganzes und nicht nach Zonen geteilt ansehen, es ist nicht eine kühle Distanz, eine Betrachtung von oben her, sondern ein Gefühl enger Zusammengehörigkeit und tiefer Verantwortung, das sie dabei leitet, es ist das Bewußtsein: Berlin ist nicht nur vom Ausland her, sondern aus innerem Beruf die Hauptstadt Deutschlands. Daher starrt man dort nicht nur gebannt auf die nahe Oder-Neiße-Linie, die heute die Grenze bildet zu den vorläufig unter politische Verwaltung gestellten deutschen Ländern des Ostens, mit gleicher Sorge betrachtet man die Entwicklung im Westen, den Plan, das Saargebiet und das Rheinland aus dem deutschen Staatsverband zu lösen und das Ruhrgebiet zu internationalisieren. Ale Fragen, die heute in Deutschland an die Existenz des Staates rühren, seien sie politischer oder wirtschaftlicher Natur, werden in Berlin als eigene Angelegenheit angesehen. Wie ein guter Hausvater an dem Schicksal seiner Familie, nimmt man an allem teil, was heute das deutsche Volk bedrückt.