Von Jan Molitor

Ein Lager in Holstein. Von Baracke zu Baracke zieht eine Gruppe von Männern; denen man ansieht, daß sie in einem merkwürdigen Zwischenstadium leben: nicht mehr Soldaten und noch nicht Zivilisten. Wenn sie da und dort wartend umherstehen. liegt etwas wie Hilflosigkeit in ihrer Versammlung. Aber ein Zuruf genügt, und sie stellen sich mit schweigender Geschäftigkeit in Reih und Glied auf, wie sie es als Soldaten und Gefangene lange genug gewohnt waren. Es ist Vormittag. Sie ziehen von Tisch zu Tisch, zeigen Papiere vor und erhalten Papiere ausgehändigt. Am Nachmittag werden sie frei sein. Diese kriegsgefangenen Soldaten, die aus russischen Lagern kommen, haben ihre Familien bis zur Stunde noch nicht wiedergesehen. Sie wissen nichts vom gegenwärtigen Leben in Deutschland, wissen so gut wie nichts vom Alltag der westlichen Zone. Und es ist fraglich, ob dies günstig oder ungünstig ist für den Versuch, die Wahrheit über die russischen Kriegsgefangenenlager zu erfahren ...

Aber es ist niemals leicht, die Wahrheit zu finden. Aber dieser Fall ist wichtig! Wenige sind bisher aus den russischen Lagern zurückgekommen: dieser Transport, der mehr als tausend Männer umfaßte und der ja Aufsehen genug erregt hat, und ein paar Hundert oder ein paar Tausend, die vorher schon entlassen wurden. Hunderttausende, ja Millionen aber blieben in russischer Gefangenschaft. Darben sie? Hungern sie? Ist es ihr Schicksal, in der Fremde zugrunde zu gehen, damit die Leiden, mit denen das deutsche Volk für seine Schuld büßen muß. niemals ein Ende nehmen? Oder werden sie eines Tages alle heimkehren, die Kriegsgefangenen der russischen Lager? Und wie werden sie heimkehren? Werden sie noch die Kraft haben, ein neues Leben aufzubauen, ein neues Heim, eine neue Heimat? Die Wahrheit über die russischen Lager zu erfahren, bedeutet die Klärung der Frage, ob Millionen ihrer Angehörigen daheim nachts ruhig schlafen dürfen oder nicht.

Gefangene und Bevölkerung

Diese Gefangenen also, die nun als Zivilisten in Schleswig-Holstein leben werden – teils, weil sie hier herstammen, teils, weil ihre Familien hier Unterkunft gefunden haben – kommen geradenwegs aus Rußland. Sie sind noch unberührt von neuen Sorgen, unberührt vom Streit der Meinungen. Sie dürften also klar und eindeutig sein in dem, was sie äußern. Anderseits jedoch fehlt ihnen die Möglichkeit zu vergleichen. Sie sagen: "Wir haben gehungert", und einige deuten auf Schwellungen an Handgelenken und Füßen. Aber sie wissen nicht, daß in unseren westlichen Großstädten Menschen ebenfalls mit Hungerödemen umherlaufen, und diese sind doch weder in Gefangenschaft noch in der Fremde gewesen und sind doch Menschen darunter, Halbwüchsige und Kinder, die keine Zwangsarbeit erlitten haben. Hunger vor der Krankheitsgrenze, auch Entbehrung und Not sind relativ.

Es gibt eine wichtige Frage, und sie heißt: Wie lebte die russische Zivilbevölkerung, während die deutschen Kriegsgefangenen darbten? So verschiedenen Alters, so verschiedenen militärischen Ranges die Männer waren und in so verschiedenen Gegenden des weiten Rußland sie gelebt hatten – hier war die Antwort von etwa zwanzig Befragten einhellig: Die russische Zivilbevölkerung lebte nicht oder nicht wesentlich besser. Und einer fügte ein Wort hinzu, daß er jenseits aller politischen Ressentiments und jenseits aller Gefühle – sei es nun Haß oder sei es das Gebot der christlichen Nächstenliebe – gewertet wissen wollte: "Als es in unserem Gebiet ein paar Monate nach Kriegsschluß der Zivilbevölkerung besser ging, da ging es auch uns Gefangenen besser. Laßt uns bloß wünschen, daß die russische Bevölkerung bald reichlich zu leben hat! Ich denke an unsere Kameraden, die noch bleiben müssen ..."

"Wie steht es mit dem Haß? Haben die Gefangenen gespürt, daß alles hassenswert sei, was deutsch ist? Und dann: War es ganz allgemein und überall ein Unterschied in der Behandlung, solange noch Krieg war und in der Zeit danach?"