Auch die akademische Jugend, und zwar nicht nur die tragischerweise bisher zum Studium nicht zugelassene, beklagt sich mit Recht über die mangelnde Hilfe, die ihr von den Älteren zuteil wird. Um so herzlicher muß ein soeben erschienenes Buch begrüßt werden, in dem Professor Fritz Blättner auf 127 Seiten "Ein Wort an die akademische Jugend" richtet und das auch in seiner äußeren Aufmachung die stolze Tradition des alten Hamburger Verlags Hoffmann & Campe fortsetzt und neu beginnt.

Schonungslos wird die Bilanz des Nationalsozialismus gezogen, der die "Existenz dieses bloß gehorsamen und treuen, aber verantwortungsscheuen Volkes in Frage" stellte. Dabei wird – im Gegensatz zu jener heute weitverbreiteten Auffassung, die den Nationalsozialismus als Vollender einer von Anfang an falschen preußisch-deutschen Geschichte betrachtet – festgestellt, daß das "Dritte Reich" nur "ein ungeheuerliches Zerrbild des Reiches war, an das es sinngebend hatte anknüpfen wollen". Deutschland kann jedoch nur dann gesunden, wenn es die christlich-humanistische Tradition des europäischen Geistes wieder aufnimmt und weiterführt, nachdem sie im letzten Jahrhundert in so furchtbarer Weise abgebrochen worden war.

Hier zeigt nun Blättner, wie die durch unsere Universitäten gebildeten Menschen wirkliche Führer unseres Volkes werden können und müssen, nachdem der Nationalsozialismus den Akademiker nur noch als Spezialisten gebraucht oder, richtiger gesehen, mißbraucht hatte, als sog. "zweiten Mann" für die Gauleiter, Reichs- und sonstigen Leiter, die nur "Leiter", aber keine Wisser und Könner waren. Das setzt aber voraus, daß die Absonderung der Universitäten vom Volk beseitigt wird, daß der Gegensatz zwischen "Gebildeten" und "Ungebildeten" aufhört, wobei insbesondere auf den – leider meistens unbefriedigt gebliebenen – echten Bildungshunger der jungen aufstrebenden Schicht der Arbeiter hingewiesen wird. Die notwendige Umstellung kann und wird nur dann erreicht werden, wenn sich unsere Universitäten im Sinne der großen Reformmaßnahmen von Schleiermacher und Humboldt für die neue Universität Berlin im Jahre 1810 von den positivistischen Wissenschaften, die ihre Ehre darein setzten, sich von Antike, Christentum und Humanismus, von Gott und sittlichen Ideen loszulösen, von den "Naturwissenschaften" also zu den "Geisteswissenschaften" umstellen.

Zu dieser Universitas literarum gehört unbedingt auch die Theologie, was Blättner an verschiedenen Stellen seines Buches deutlich erkennen läßt. Um so weniger kann man es verstehen, daß an der Hansischen Universität auch jetzt noch keine Ansätze für die Schaffung einer Theologischen Fakultät zu erkennen sind.

Blättner betont mit Recht, daß, als der Freiherr vom Stein den Satz erhob, geistige Kräfte müßten ersetzen, was an physischen verloren sei, ein neuer Staatsgedanke geboren war. "Die Toten der Schlachtfelder und der Todeslager wären umsonst gestorben, das Meer von Tränen umsonst vergossen, der unermeßliche Schrecken umsonst ausgestanden, wenn wir durch sie nicht besser und reicher würden... Laßt uns das Wagnis der Liebe unternehmen nach soviel Haß und Neid. Laßt uns an den Menschen glauben, weil er Gotteskind ist! Denn denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen." Walther Heyn